Die Fünfzigerjahre war die Zeit zwischen dem verlorenen Weltkrieg von Nazi-Deutschland und dem Wirtschaftswunder der neuen Bundesrepublik, das Anfang der 60-er Jahre seinen Aufschwung nahm. Wie lebte es sich damals als junger Mensch in Villingen? Was war dran vom Klischee von Petticoat, Motorroller und Rock'n Roll? Einer der Zeit erlebt und viel unternommen hat, ist Manfred Hildebrandt (79), vielen bekannt als Hobbysammler und langjähriger Turnvereinstrainer.

Als Flüchtlinge im Schwarzwald: Die Hildebrandts stammen ursprünglich aus der Nähe von Danzig in Westpreußen, wo die Familie einen großen Bauernhof betrieb. Im April 1945 flüchteten die Eltern mit ihren sechs Kindern vor den Russen nach Westen, strandeten in Dänemark und 1948 als Flüchtlinge – mit nichts im Gepäck – in Villingen. Zunächst wohnte die achtköpfige Familie in zwei Zimmern in Kirchdorf, 1955 bezog die Familie eine günstige Doppelhaushälfte in der neu geschaffenen Siedlung im Villinger Ifängle.

Mit dem Fahrrad losziehen, über Nacht irgendwo im Freien zelten, das war ein typisches Freizeitvergnüggen in den 50er-Jahren. Diese Aufnahme zeigt die Villinger Gewerkschaftsjugend.
Mit dem Fahrrad losziehen, über Nacht irgendwo im Freien zelten, das war ein typisches Freizeitvergnüggen in den 50er-Jahren. Diese Aufnahme zeigt die Villinger Gewerkschaftsjugend. | Bild: Manfred Hildebrandt
Früh in die Lehre: Anfang der 50-er Jahre herrschte noch in Villingen in vielen Familien relative Armut. Manfred Hildebrandt, der mit drei Schwestern und zwei Brüdern aufwuchs, wurde nach der Hauptschule 1951 mit 14 Jahren in die Lehre als Werkzeugmacher bei der Firma Binder Magnete geschickt. Im ersten Lehrjahr verdiente er 45 Deutsche Mark. Was Anständiges lernen war angesagt, damit die Kinder früh ihren Lebensunterhalt verdienen konnten.
Besuch bei der Verwandschaft in Peterzell. Für das Motorrad mit Seitenwagen würden heute bestimmt enorme Liebhaberpreise bezahlt. Aber auch damals war dieses Gespann ein Faszinosum.
Besuch bei der Verwandschaft in Peterzell. Für das Motorrad mit Seitenwagen würden heute bestimmt enorme Liebhaberpreise bezahlt. Aber auch damals war dieses Gespann ein Faszinosum. | Bild: Manfred Hildebrandt
Arbeiten in den Ferien: Doch das Lehrgeld hat hinten und vorne nicht gereicht. Zumindest nicht bei Manfred Hildebrandt, der immer viel unterwegs war. Damit das Geld für ein paar Extras reicht, haben er und sein Bruder in den dreiwöchigen Betriebsferien jedes Jahrr im Straßenbau gearbeitet. An Urlaub war für die Jugendlichen nicht zu denken. Um sich ein paar Mark dazu zu verdienen, ist der junge Manfred Hildebrandt mit Geschwistern oder Freunden auch mit dem Handwagen losgezogen, um stundenlang Holunder zu sammeln. Die Beeren wurden in die Schnapsbrennerei Preiser nach Villingen gebracht, wo es ein paar Groschen Entlohnung gab. Gesammelt und verkauft wurden auch Walderdbeeren, ebenso Fohrenzapfen, mit denen die Öfen in den Haushalten angeheizt wurden. Später ist er auch nach der Arbeit lange Zeit Taxi gefahren, um die Kasse aufzubessern. Erst 1961, als er sich sein erstes Auto, einen nagelneuen VW Käfer für 4900 Mark, kaufte, startete er zu seiner ersten Urlaubsfahrt durch Deutschland.
Party im elterlichen Wohnzimmer. Jungs und Mädchen trafen sich zum Feiern, Trinken und Tanzen oft privat, hier zu Hause bei Manfred Hildebrandt.
Party im elterlichen Wohnzimmer. Jungs und Mädchen trafen sich zum Feiern, Trinken und Tanzen oft privat, hier zu Hause bei Manfred Hildebrandt. | Bild: Manfred Hildebrandt
Geselligkeit in der Jugendgruppe: Allerdings hat die Jugend damals keineswegs nur gearbeitet und gedarbt. Geselligkeit wurde gepflegt in den Vereinen, beim Sport, in den Gaststätten und bei privaten Feiern. Vereine spielten auch im Leben von Manfred Hildebrandt eine große Rolle. Nicht nur im Turnverein, in dem er bis heute aktiv ist. Zunächst spielte er mehrere Jahre beim FC Kirchdorf Fußball. Später machte er bei der Gewerkschaftsjugend der IG Metall mit. Fünf Jahre lang hat er sich dort engagiert, davon drei als Jugendleiter. Im Jugendtreff in der Villinger Kanzleigasse erlebte er im Kreise junger Leute viele kurzweilige Stunden. An den Wochenenden standen oft Hüttenaufenthalte im Schwarzwald auf dem Programm. "Das war richtig toll", schwärmt Hildebrandt noch heute. Immer wieder rückte die Gewerkschaftsjugend auch mit Bussen zu Kundgebungen der Gewerkschaft aus, von Freudenstadt bis Hannover. In Frankreich hat die Gewerkschaftsjugend regelmäßig die Gräber der in den Weltkriegen gefallenen deutschen Soldaten gepflegt. Die Gewerkschaft war auch ein politischer Faktor. Eine Foto zeigt Manfred Hildebrandt bei einer Kundgebung mit einem Transparent "Schulen bauen statt Kasernen", ein Protest gegen die Wiederbewaffnungspolitik der Adenauer-Regierung in den 50er Jahren.
Die neue Siedlung im Ifängle. Manfred Hildebrandt mit seinem Roller und Nachbarskinder auf dem Haus seiner Eltern im Leimgrubenweg 28 in Villingen. Eine Helmpflicht für Zweiradfahrer gab es damals nicht.
Die neue Siedlung im Ifängle. Manfred Hildebrandt mit seinem Roller und Nachbarskinder auf dem Haus seiner Eltern im Leimgrubenweg 28 in Villingen. Eine Helmpflicht für Zweiradfahrer gab es damals nicht. | Bild: Manfred Hildebrandt
Der erste Motorroller: Ein Auto besaßen damals die wenigsten. Aber die jungen Leute waren keinesfalls immobil. Am Anfang sparte man als junger Mensch auf ein Fahrrad. Und mit diesem erschloss sich auch Manfred Hildebrandt die Welt, zumindest die erreichbare. "Wir sind an den Wochenenden mit Fahrrad an den Bodensee oder den Feldberg gefahren," berichtet er. Auf dem Gepäckträger war das Zelt und weitere Campingausrüstung. Als Lehrbub war er auf diese Weise zehn Tage mit einem Freund am Hochrhein, Bodensee und Linzgau unterwegs. Später hat er sich, wie viele andere, motorisiert. 1956 kaufte er sich ein Kreidler-Moped, 1957 folgte ein Bella-Motorroller vom Hersteller Zündapp. "Da sind wir an den Wochenenden als Roller-Gruppe rumgefahren." Der Roller brachte ihn beispielsweise bis nach Augsburg, wo sich der begeisterte Sportfan den Leichtathletik-Länderkampf Deutschland gegen Russland angeschaut hat. Der Motorsport faszinierte schon die Jugend von damals. Sie fuhren mit ihren Rollern zum Schauinsland-Bergrennen nach Freiburg oder zum Motorradrennen auf die Solitude bei Stuttgart. 1958 rollte Manfred Hildebrandt mit Freunden im Auto erstmals über die Alpen. Es ging zum Autorennen nach Italien. Beim Grand Prix in Monza waren alle Stars der damaligen Automobil-Weltmeisterschaft am Start, darunter der Deutsche Wolfgang Graf Berghe von Trips. Für die jungen Villinger ein unvergessliches Erlebnis.
Tanzen war wichtig für die Jugend in den 50er-Jahren. Diese Aufnahme zeigt das "Tanzkränzchen" der Tanzschule Hägle im Hotel Deutscher Kaiser (später: Hotel Ketterer) in Villingen. Die Aufnahme stammt vom 30. April 1954.
Tanzen war wichtig für die Jugend in den 50er-Jahren. Diese Aufnahme zeigt das "Tanzkränzchen" der Tanzschule Hägle im Hotel Deutscher Kaiser (später: Hotel Ketterer) in Villingen. Die Aufnahme stammt vom 30. April 1954. | Bild: Manfred Hildebrandt
Samstags zum Schwof: Aber auch in Villingen war einiges geboten. In der alten Tonhalle fanden regelmäßig Box-, Tischtennis- oder Ringerwettkämpfe statt. Das war ein Treffpunkt für Jung und Alt. Hoch im Kurs standen die Fußballspiele des erfolgreichen FC 08 Villingen. Der spielte damals noch auf dem alten Sportplatz, auf dem heute die Firma Möbel-Roller steht. Hildebrandt war oft dabei. Und an den Samstagabenden ging die Jugend zum "Schwof". "Ich bin jeden Samstag zum Tanzen gegangen", berichtet er. Getanzt wurde in verschiedenen Lokalitäten in Schwenningen, in Neuhausen und natürlich in der Tonhalle. Dort gab es schon in den 50-er Jahren die "Jugendbälle" mit Musik und Tanz. Viele Jugendliche belegten Tanzkurse bei der Villinger Tanzschule Hägle, um die neusten Tanzschritte zu lernen. Es war die Zeit des Rock'n Roll und der Schlagerwelle. Partys wurden auch privat zu Hause gefeiert.
Blick in die Villinger Innenstadt. Auf dem "Latschariplatz" regelt ein Polizist den (spärlichen Straßenverkehr). Die Aufnahme entstand um das Jahr 1954, als die Bundesstraße 33 noch Mitten durch Villingen führte. Bild: Hildebrandt
Blick in die Villinger Innenstadt. Auf dem "Latschariplatz" regelt ein Polizist den (spärlichen Straßenverkehr). Die Aufnahme entstand um das Jahr 1954, als die Bundesstraße 33 noch Mitten durch Villingen führte. Bild: Hildebrandt | Bild: Manfred Hildebrandt
Prüde Mädchen: Tanzen war natürlich für die jungen Burschen und Mädchen die Gelegenheit, um einen Freund oder Freundin kennenzulernen. Die erste Liebe war aber damals nur selten eine körperliche. "Es gab damals noch keine Antibaby-Pille und die Mädchen waren daher sehr prüde", berichtet Hildebrandt. Ein uneheliches Kind galt damals als Schande. Das heißt, die Jungs mussten meist oft eine ganze Reihe von Freundinnen durchmachen, bis es dann mit der Einen klappte. "Ich war da auch sehr aktiv", schmunzelt Hildebrandt rückblickend. Auch wenn die Jugend damals vom Wohlstand der heutigen Jugend nur träumen konnte, so war es für die meisten doch eine aufregende und bewegte Zeit. "Ich glaube, wir haben eine gute und schöne Jugend gehabt", blickt der fast 80-Jährige gerne zurück auf die Fünfzigerjahre.

 

Damals und heute

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