Es war ein Abend der Aha-Erlebnisse und ein Abend der Begegnungen. Alte und junge Menschen mit und ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigungen waren am Montag ins gut gefüllte Münsterzentrum gekommen, um Matthias Berg kennenzulernen. Jenen Contergan geschädigten Vollblutmusiker und erfolgreichen Juristen, der 15 Jahre nach seinem Abschied aus dem Leistungssport immer noch drei Weltrekorde hält. Er eroberte die Herzen des Publikums mit Offenheit, Humor und Lebensklugheit, die auch auf schmerzlichen Erfahrungen beruht. Eine zentrale Erkenntnis dürfte sich ins Gedächtnis der Besucher eingegraben haben: „Nicht das Warum ist im Leben entscheidend, sondern das Wozu.“

Bei Übertragungen von den Paralympics werde er als Experte vorgestellt, „ich bin eine Art Oliver Kahn für Kassenpatienten“, beschreibt der gebürtige Detmolder seine Rolle im Fernsehen. Alle lachen, die Stimmung ist von Anfang an heiter und familiär, getragen von Aufmerksamkeit und Wiedererkennen – das Gefühl, im Abseits zu stehen und sich nach Zugehörigkeit zu sehnen, kennt jeder. Matthias Berg erlebte es erstmals in der Wahlheimat Trossingen, wo er als dreifach behindert wahrgenommen worden sei: „Kurze Arme, rothaarig, kein Schwäbisch.“

In der Schule wurde er beschimpft und gehänselt. Daheim erzählte er nichts von der bitteren Piesackerei, sondern verkroch sich und rührte das Horn nicht mehr an, mit dem er neunjährig Bundessieger von „Jugend musiziert“ geworden war. Matthias Berg spricht stehend und gehend ohne Manuskript, später erfährt das Publikum, dass er wegen multipler Netzhautablösung schlecht und vor allem nicht mehr viel lesen kann und darum seine Stelle als Erster Landesbeamter in Esslingen aufgeben musste. Die Gestik ist lebhaft, wenn er sich im Gesicht kratzt, beugt er den Kopf zu den Händen mit jeweils drei Fingern hinunter. Roter Faden der kurzweiligen, selbstironischen und berührenden Suada ist die eigene Biographie. Ein Kurzfilm und Fotos deuten die Vielseitigkeit seiner Talente und Interessen an. Im Rennanzug rast er die Skipiste hinunter, elegant gekleidet spielt er Horn, mit Anzug und Krawatte ist er Chef von 300 Angestellten.

„Meine Eltern schraubten mir das Mundstück an die Lippen und zwiebelten mich ans Horn zurück.“ Der musikalische Erfolg habe ihn nach den Demütigungen in der Schule aufgerichtet; mit 16 Jahren bestand Matthias Berg die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Freiburg und wurde Jung-Student. Die Zugfahrten seien ätzend gewesen. „Sobald ich das Abteil mit meinem Hornkoffer betrat, starrten mich alle an und sofort wieder weg. Ich starrte aus dem Fenster und litt unter dem Schweigen.“ Behinderte und Nicht-Behinderte hören konzentriert zu, viele nicken wissend. Ein kollektives Strahlen entfaltet sich, als der 50-Jährige die innere Wende seines Lebens beschreibt. Bei einer Bahnfahrt habe ihm eine Frau in die Augen geguckt und gelächelt. Er habe zurückgelächelt und sei mit seinem Gegenüber sofort in ein Gespräch verwickelt gewesen.

Den Trick mit dem Lächeln habe er fortan immer wieder ausprobiert, er funktioniere meist und wenn nicht, sei es egal. „Ich kapierte, dass ich nicht das Opfer und der arme Behinderte bin, der auf Freundlichkeit wartet. Du musst selbst den ersten Schritt machen und eine Brücke bauen.“ Auch die weiteren lebensbedeutsamen Einsichten teilt Matthias Berg mit dem Publikum. Es geht um persönliche Ziele und Gründe dafür, um zeitliche und organisatorische Disziplin, um heitere Gelassenheit als Grundstimmung.

Kräftige Gedanken seien die Voraussetzung für kräftiges Tun, macht Berg Mut für eine neue Weichenstellung im Leben. Den Weg weise die Antwort auf die Wozu-Frage. Sie helfe auch bei der Konfrontation mit Beleidigungen. Früher habe er sie geschluckt und sich aufgeregt, heute prallten sie an ihm ab. Menschen, die andere diskriminierten, hätten selbst große Probleme, die er sich nicht zu eigen machen wolle. „Die arme Sau ist der andere.“ An spontanen Kommentaren, Mitmach-Bereitschaft zu verblüffenden Körper- und Gedankenspielen, angeregten Gesprächen in der Pause und am überaus herzlichen Beifall war zu spüren, wie innig Matthias Berg vielen Besuchern aus der Seele sprach.


Teilhabe

Der Gesprächs- und Begegnungsabend mit Matthias Berg war Teil des Caritas-Projekts Smart (Starke Menschen achten auf richtige Teilhabe). Höhepunkt für sich in der Vortragspause war eine Tombola für Menschen mit Handicap. Die vielen nützlichen und schönen Preise wurden temperamentvoll bejubelt. (cn)