Ein kleines Theater, ein schwieriges Thema, eine herausragende Inszenierung. Bei der Premiere des Stücks „Marian – Wissen statt Gewissen“ ist das Rollmops-Theater komplett belegt. Das Interesse ist groß, genauso wie die Spannung. Denn das Stück von Dietmar Schlau ist für die Schauspieler eine künstlerische Herausforderung – und auch für die Zuschauer keine leichte Kost. Im Mittelpunkt steht die Geschichte von Marian Lewicki, einem jungen Polen, der vor 75 Jahren wegen seiner Beziehung zu einer Villingerin von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Er wurde an einer Eiche im Gewann Tannenhörnle aufgehängt, seine Geliebte kam ins Konzentrationslager.

Die Premiere im Rollmops-Theater findet am Vorabend des Jahrestages von Marians Ermordung statt. „Das, was damals passiert ist, ist näher, als wir denken“, sagt der Autor des Theaterstücks Dietmar Schlau, der ein Stück Holz in der Hand hält. Dieses Stück Holz – von der Eiche im Tannenhörnle – hat die Hinrichtung miterlebt, es ist ein Augenzeuge, es macht die Ereignisse von 1942 greifbar. Das schafft auch die Aufführung, die viel mehr erzählt als nur die Liebesgeschichte von Marian und Lina. Regisseurin Maximiliane Fleig und dem Schauspieler-Ensemble ist eine beeindruckend vielschichtige Inszenierung gelungen, die aufklärt, ohne zu belehren, die berührt, überrascht und Parallelen schafft.

Im Mittelpunkt steht die Figur der jungen Villingerin Lina. Jessica Lippert spielt die Rolle großartig – mit Leidenschaft, authentisch und fein. Das spürt der Zuschauer im intimen, kleinen Raum des Theaters besonders gut. In einer psychiatrischen Klinik versucht Lina, die Geschehnisse zu verarbeiten und den Ausweg aus ihrer Isolation zu finden, um weiterzuleben.

Sie erinnert sich an die Zeit mit Marian zurück. Die berührende Liebesgeschichte wird mit Symbolen, Musik und Bewegung erzählt. Lina versucht, ihren Geliebten zu retten. Vergeblich. Sie hatten kaum ein halbes Jahr. Drei Rollen spielt Olaf Jungmann – neben dem jungen Marian ist er erschreckend überzeugend als Kriminalrat der Gestapo Paul Kreuzeisen, hervorragend meistert er auch den Professor der Psychiatrie Dr. Paulus. Dieser hilft Lina, ihr Trauma zu verarbeiten. Dietmar Schlau kommt als Adolf Hitler auf die Bühne – es ist eine der gefährlichsten Grenzüberschreitungen. Doch auch diese Herausforderung hat die Regisseurin perfekt gemeistert: In der Inszenierung tritt Hitler locker, gelassen, selbstbewusst auf. Er spricht über seine Verbrechen, kommt aber, für Lina ganz verwirrend, mit einer Friedens- und Liebesbotschaft daher.

Mit Hitlers Figur beginnt die philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewissen. Die Frage nach Gut und Böse, Moral und Mord wird sehr tief, manchmal auch provokant aufgearbeitet. Das Stück zeigt auf, wie Gewissen funktioniert und wo die Wahrheit entsteht – nämlich in uns selbst, geprägt von unseren Glaubenssätzen und Moralvorstellungen. Der starke Bezug zur heutigen Zeit und die Reflexion über die Gegenwart bilden eine zusätzliche Ebene der Geschichte. Sehr stark und absolut empfehlenswert.

Weitere Termine

Weitere Vorstellungen sind am 11., 18., 25. März und am 1. April. Karten können auf der Homepage www.rollmops-theater.de online bestellt und ausgedruckt werden. (taz)