Beinahe wäre sie umgefallen, die Schaufensterpuppe im Alt-Villingerin-Häs, als Bene Schaumann sie nach gut eineinhalb Stunden praktischer Vorführung wieder an ihren Platz rückt. Am Nebentisch hat Ilona Beha die Hauben fürs Morbili bereits wieder fein säuberlich gestapelt und vom Gang im klingen noch ein letztes Mal die Rollen, als Anselm Konegen sie wieder auf den Tisch legt.

Es ist Donnerstagabend, kurz nach neun, der traditionelle Narro- und Mäscherleobed in der Zentscheuer ist in vollem Gange. Und wer bislang dachte, Atome spalten oder Mondlandungen vorbereiten, seien große wissenschaftliche Leistungen, der wurde spätestens jetzt eines Besseren belehrt.

Gut 70 Personen hier lernen in drei Stunden, dass ein kluger Narro nicht erst am Fastnachtssonntag seine Bodinen mit Schuhcreme poliert, dass man den Wiener Schal beim Morbili in drei Falten legt, den Seidenschal für die Alt-Villingerin jedoch in drei Falten rafft.

Dass es Doppelknoten und wollweiß zu meiden gilt, dass es ratsam ist, beim Foulard ein Bäuschle zu binden, keiner Pony oder Zöpfe sehen will, eine Brosche nicht auf dem Spitzenkragen, sondern auf dem Schal zu sitzen hat, die Zahlen 4:4 und 2:4 nichts mit Fußballgebnissen zu tun haben, ein Schurz fünf bis sieben Zentimeter über dem Rocksaum zu beginnen hat und dass, unter keinen Umständen, ein Rollkragenpullover getragen werden darf. „Um Gottes Willen“, war es einer Zuschauerin entfahren. Sie meinte es als Reaktion auf das Bäuschle-Binden am Foulard.

Eine Rolle macht noch keinen Narro: Andreas Eidling trägt die rund 20 Kilogramm schweren Rollen das erste Mal. Als Stachi geht er dieses Jahr erstmals ins Häs.
Eine Rolle macht noch keinen Narro: Andreas Eidling trägt die rund 20 Kilogramm schweren Rollen das erste Mal. Als Stachi geht er dieses Jahr erstmals ins Häs.

Wie der Filz ins Häs kam

Tradition und Vorschriften hin oder her, auch bei der Zunft gilt es mitunter erfinderisch zu sein. Den Vogel abgeschossen, in Sachen Einfallsreichtum hat am Donnerstagabend Claudia Raufer. Raufer ist eine schmale Frau, trägt Brille und kurze Haare. Sie steht Model fürs Morbili und als sie die Jacke über dem Kleid schließen will, fällt ihr ein, dass sie sich einmal kurzerhand den Filz, der normalerweise in einer Dunstabzugshaube verbaut wird, unter das Häs gezogen hat, damit es warm bleibt. Die Konstruktion, sagt sie, habe sie heute noch. Darauf fällt selbst Bene Schaumann, der Raufer vor Publikum eingekleidet hat, nichts mehr ein.

"Die Leute einfach rennen lassen", sagt Ratsherr Anselm Konegen, "das geht nicht". Zu viel kann schief gehen. Auch darum machen sie den Abend. Die Zunft hat derzeit über 4500 Mitglieder. Gut 30 neue Hästräger sind heute da. Keinen will Konegen beim Häs-Tüv mit falsch umgeschlagenen Hosen oder gar unsauber angelegten Rollen sehen.

"Alles Übungssache", sagt er. Am Ende ist es mehr als das. Es ist der Wille zur Perfektion und die pure Leidenschaft. "Es gibt immer eine Phase, wo das Schulterblatt wehtut oder was anderes. Aber das vergisst man", sagt Konegen. Er macht eine kurze Pause, dann beginnen seine Augen zu leuchten, noch bevor er anfängt zu sprechen: "Das Springen, das Strählen, es ist einfach eine ganz tolle Situation."

Die Narrozunft ist vor allem eines: historisch. Hermann Fischer war der Häsmaler der Narrozunft. Das Häs, dass er 1938 gemalt hat, dient auch heute noch als Muster-Häs.
Die Narrozunft ist vor allem eines: historisch. Hermann Fischer war der Häsmaler der Narrozunft. Das Häs, dass er 1938 gemalt hat, dient auch heute noch als Muster-Häs.

Innen oder außen, das ist die Frage

Andreas Eidling, 43 Jahre alt, trägt ein Hemd, darüber einen grauen Pullover und, seit etwa einer Minute, noch zusätzlich 17 Kilogramm Rollen. "Ein respektvolles Gewicht", sagt er und zieht Riemen für Riemen wieder aus. Im Häs war er bisher noch nie, dieses Jahr wird seine Premiere als Stachi sein. Eigentlich hatte er mit Fasnet nicht viel am Hut, dann hat er ein Häs von seiner Tante geerbt.

„Timo“, fragt Peter Metzger über das Rollen-Geschepper hinweg, „Timo, zeigen wir auch Hosenbinden?“ Die Antwort geht im Geschepper unter. Keine Minute später hüpft Andreas Strassacker auf den Tisch und Peter Metzger zückt die Hose.

Uwe Peter, seit 30 Jahren im Narro-Häs unterwegs, das erste Mal beim Mäschgerleobed dabei, hat alles beobachtet, und als Metzger beginnt, das Hosenbein zu binden, dreht Peter sich um und sagt: „Ach nein, das mach ich so wie immer.“ Seine Methode: die Hose von innen binden. „Das hält und man dappt nicht auf den Bändel.“ Dann hört er Metzger sagen: „Man kann die Hose freilich auch von innen binden.“ Uwe Peter stutz: „Ach, das machen sie offiziell“, sagt er. „Und ich hab gedacht, das ist mein Geheimnis.“

Manche Dinge sind für Außenstehende mehr als logisch: erst Sicherheitsnadel, dann Brosche beispielsweise oder dass es eben nicht ratsam ist, das Halstuch mit dem Knoten vorne zu tragen, weil dann die Scheme einem irgendwann die Luft abdrückt. Aber, keiner der Ratsherren würde es sagen, wäre nicht alles schon einmal beim Häs-Tüv aufgelaufen.

Und dann gibt es noch die kleinen Fehler, die am Ende richtig schmerzhaft sein können: Doppelknoten an der Häs-Hose, die man nachts alleine nicht mehr aufbekommt, Lederbändel, die ohne Vorwarnung reißen und die Scheme mit sich ziehen und natürlich Sicherheitsnadeln. Vor Letzterem hatte Peter Metzger eindringlich gewarnt: Es wäre nicht das erste Mal, müsste er am Montagmorgen tief im Fleisch steckende Nadeln ziehen.