Villingen-Schwenningen – Führt moderne LED-Technik zum verstärkten und teilweise unnötigen Einsatz von Leuchtmitteln? Diese Tendenz bei Straßenbeleuchtung und Privatgrundstücken kritisiert SÜDKURIER-Leser Pirmin Weisser in seinem Leserbrief vom 4. April: "Gerade weil die neue Technik so sparsam ist gibt es die Tendenz, dass ganz viele private und öffentliche Entscheider Leuchtmittel wählen, die deutlich heller sind als die bisher installierten, auch wenn es gar nicht erforderlich ist." Dies halte er für bedenklich, denn auch zu viel Licht sei eine Form von Umweltverschmutzung.

  • Trifft diese Einschätzung zu? Das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam hat ausgewertet, wie sich die beleuchtete Fläche und die Helligkeit des nach oben gestreuten Nachtlichts in den einzelnen Bundesländern von 2012 bis 2017 verändert haben. Das Ergebnis: Vor allem in den wirtschaftlich starken Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg werden die Nächte immer heller, durchschnittlich um mehr als ein Prozent pro Jahr. Als Hauptgrund führen die Forscher den vermehrten Einsatz von LED-Beleuchtung an, die nicht nur heller, sondern wegen ihrer Effizienz auch flächendeckender eingesetzt wird. Eine weitere Studie geht davon aus, dass bundesweit jeden Tag ein Quadratkilometer Fläche zusätzlich beleuchtet wird.
  • Die Lage in VS: Die Verantwortlichen sind dabei, die Straßenbeleuchtung zu modernisieren. Insgesamt 13 400 Straßenlaternen sollen bis Juli 2019 auf LED umgerüstet werden. Trotz der sehr hellen Beleuchtung werde das Lichtniveau laut Stadtwerken nicht angehoben. "Das LED-Licht erscheint dem Betrachter aufgrund seiner Lichtfarbe und Lichtlenkung heller", erklärt Pressesprecherin Susanna Kurz. Positiv bemerkbar machen sich die Laternen im Stadtsäckel. "Die neuen Leuchtmittel sparen 70 Prozent der Energiekosten ein. Die Kosten reduzieren sich um 700 000 Euro auf 300 000 Euro jährlich", berichtet Kurz. Die Anschaffungskosten seien nach fünfeinhalb Jahren wieder drin.
  • So kommt das LED-Licht an: In der Bevölkerung werden die LED-Laternen positiv bewertet. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Hochschule Furtwangen, die bereits im Jahr 2011 die Akzeptanz der LED-Beleuchtung in Schwenningen durchgeführt hat. Demnach empfanden 71 Prozent der Bürger die Farbe des Lichtes als gut oder sehr gut. Bei den alten Leuchtmitteln lag die Zustimmung bei nur 28 Prozent. Auch die Helligkeit bekam bei der Befragung der Bürger gute Noten. Knapp zwei Drittel der Befragten fand, dass die Helligkeit optimal sei. Zum Vergleich: Nur ein Viertel der Studienteilnehmer empfand die Leistung der alten Glühbirnen als optimal. Die Studie zeigt aber auch, dass die LED-Laternen von 24 Prozent der Menschen entweder als zu hell empfunden wird. Auch auf der Straße wägen die Bürger zwischen den Vor- und Nachteilen der futuristischen Lampen ab. Eine Befürworterin der LED-Lampen ist Heiderose Merkle. "Vor allem für ältere Damen ist es durch die helle Beleuchtung sicherer geworden", erklärt die Rentnerin. Sie denke an große Parkplätze, Parkhäuser und Grünflächen. "Wenn es sehr hell ist, haben die bösen Buben vielleicht mehr Skrupel. Und man wird eher gesehen, falls doch mal etwas passiert." Ob dann auch jemand zum Helfen anhalte, sei eine andere Frage. Etwas differenzierter sieht es Mike Schirrschmidt. "Ich finde die LED-Technik im Prinzip super, vor allem wegen der Energieeffizienz", erklärt der 42-Jährige, der im Außendienst für einen großen Pharmakonzern arbeitet. "Aber es ist allgemein so, dass vielleicht gerade deshalb immer mehr Straßen beleuchtet werden, wo es überhaupt nicht nötig ist." Als Beispiel nennt er den Nordring an der neuen Aral-Tankstelle auf. "Diese Beleuchtung mitten im Nirgendwo braucht niemand. Nur weil LED sparsam ist, heißt das ja noch lange nicht, dass man eine Laterne neben jeden Fuchsbau stellen muss."
  • Das sagt die Polizei: Die Polizei bestätigt, dass helle Beleuchtung zur Sicherheit beiträgt. "Aus unserer subjektiven Erfahrung ist es so, dass Passanten und insbesondere Frauen sich sicherer fühlen. Denn wo Beleuchtung ist, scheuen sich potenzielle Täter, Straftaten zu begehen", erklärt Pressesprecher Dieter Popp. "Wir geben auch Motorradfahrern den Tipp, ihre Maschinen an belebten und beleuchteten Orten abzustellen und nicht in einer dunklen Ecke."
  • Folgen für die Umwelt: Auch für die Umwelt hat überbordende Beleuchtung indes Folgen, weiß Mark van Kleunen. "Lichtverschmutzung hat beispielsweise Auswirkungen auf Vögel, die früher anfangen zu singen oder auch in der Nacht aktiv sind, obwohl sie eigentlich tagaktiv sind", erklärt van Kleunen, der als Professor für Biologie an der Universität Konstanz arbeitet. "Auch viele Insekten werden vom Licht angezogen und sterben dann aus Erschöpfung. Andere sind wiederum lichtscheu und mögen das Licht nicht." Und auch Pflanzen könnten, so der Biologe, profitieren und schneller wachsen, in dem sie auch nachts Photosynthese betreiben. Natürlich ist das jedoch genau wie die Beleuchtung nicht.