Italien hadert mit dem Schicksal. Niederlage im Fußball gegen Deutschland. Einer der erfolgreichen deutschen Spieler in Schwarz-Rot-Gold: Joshua Kimmich. Tage später hadert auch der 21-Jährige mit dem Schicksal: Niederlage von Jogis Jungs im Fußball gegen Frankreich. Das Rückflugticket für die deutschen Fußballstars war damit gebucht – kein Finale, kein Pokal.

Ein Gutes hat das frühere Ausscheiden von Jogis Jungs nun aus Villinger Sicht: Joshua Kimmich kam Freitag nach Hause. In Bösingen, 36 Kilometer von Villingen entfernt, hielt es ihn nicht lange. Mit seiner Freundin fuhr er abends zum Stadtbummel nach Villingen, endlich mal normales Leben, Zeit für die Zweisamkeit, weit weg von den Kameras.

Kimmichs Programm des Abends hieß so: Bloß kein Trubel. Eine fette Sonnenbrille, eine Schirmmütze und badehosenartige Shorts in Dunkelblau mit weißen Punkten, dazu ein ziemlich unspektakuläres weißes T-Shirt. So lief er gegen 20 Uhr am Riettor ein.

Ob Kimmich und seine Begleiterin zum Zampolli wollten?

Dort war jedenfalls alles voll, eine beträchtliche Schlange staute sich vor der Eisausgabe. Und da war noch Massimo. Ein Italiener, der hier in der Fabrik arbeitet. Massimo war der einzige, der Kimmich erkannte, trotz Brille, trotz Mütze. Lange stand der Fußballstar vor dem Schaufenster eines Schmuckgeschäfts, dann bummelte das Paar weiter Richtung Zentrum. Massimo schwang sich auf sein Fahrrad und radelte um die Ecke in die Bar Da Mauri.

In der Bar stand der Feierabend-Aperitivo parat, man prostete sich aufs Wochenende zu und dann kam Massimo dort an: Gleich kommt Kimmich, sagte er zu Maurizio Pivetta. Mauro, wie Pivetto auch genannt wird, ist Juve-Fan. Ein Vereinsball von Juventus Turin thront in der Bar unmissverständlich über allem und jetzt kam hier draußen auf der Straße tatsächlich ein deutscher Nationalspieler vorbei, fünf Tage, nach der Niederlage der Italiener. Au weia?

"So ein Netter," sagen die Italiener

Mauro, der hier seit Dezember 2015 Espresso filtert und Prosecco kredenzt, ließ dann aber Juve beiseite. "Joshua Kimmich ließ sich ganz entspannt auf der Straße ansprechen, kam in die Bar und machte jeden Fotospaß mit", berichtet er. Joshua Kimmich hat bei den Italienern in Villingen gepunktet. "Das ist ein ganz netter Mensch", sagt Pivetto. Der Nationalverteidiger habe Autogramme gegeben und ein Bild vom Sohn des Wirts signiert.

Das Thema Fußball haben Kimmich und die Villinger Italiener bei ihrem spontanen Sommerabend-Treff dann aber doch lieber ausgeklammert. Wollte Kimmich nicht zu großspurig auftreten? Nach 21 Jahren konnte eine deutsche Nationalmannschaft endlich wieder die Italiener bei einem großen Turnier schlagen – und: Joshua Kimmich hat einen Treffer dazu beigesteuert. In einem denkwürdigen Elfmeter-Duell mit 18 Schüssen versenkte er seinen Ball sicher links unten.

Da Mauri, die Villinger Bar, erlebte am Freitagabend eine denkwürdige halbe Stunde. So lange ließ sich Joshua Kimmich auf die Fans ein, jeder durfte sich mit ihm fotografieren lassen und alle, wirklich alle, die das miterleben konnten, sind heute noch beeindruckt. So ein Netter, sagen die Italiener jetzt über einen von denen, die ihre National-Kicker aus der Europameisterschaft geschossen haben. Hätten sich Kimmich und Co. fürs Finale qualifiziert, wäre alles ganz anders gekommen. Kein Stadtbummel am Freitagabend in Villingen, keine Autogramme, keine Fotos.

Joshua Kimmich wird wieder nach Villingen kommen. Wann, das ist ungewiss. Er macht jetzt ein paar Tage Urlaub, muss alles erst einmal verarbeiten. Der junge Fußballer wurde zum Stammspieler in der Nationalelf. Nie hätte er das gedacht, sagt er selbst, obwohl er auch bei Bayern München zur ersten Elf gehört. Joshua Kimmich ist in Villingen willkommen. Mit einer noch dickeren Sonnenbrille erkennt man ihn beim nächsten Mal vielleicht wirklich nicht, es denn, Massimo erspäht ihn...

Joshua Kimmich

Der 21-Jährige stammt aus Bösingen bei Rottweil. Dort wurde er am Samstagabend vom Bürgermeister und vielen Fans begeistert empfangen. "So viele Menschen kommen wegen mir hierher", staunte Kimmich tagsdarauf. Auf seiner Facebookseite ließ er die letzten Wochen noch einmal Revue passieren:

"Zuerst die tolle Saison mit dem FC Bayern und dem Gewinn meiner ersten Meisterschaft und des DFB-Pokals. Nur das Halbfinal-Aus in der Champions League trübt das Ganze etwas für mich.

Und dann die Nationalmannschaft, wovon ich nicht zu träumen gewagt hatte! Erst die Chance im Trainingslager, dann die Nominierung, und dann die Einsätze gegen Nordirland, Slowakei, Italien und Frankreich." Ein dickes Danke hängte er dieser Bilanz noch an, die auch am Sonntag, als er seine Zusammenfassung im Internet kundgetan hatte, irgendwie noch immer ziemlich atemlos klang.