Frau Braun, können Sie sagen, wie viele Kindergartenplätze in der Stadt Villingen-Schwenningen derzeit nach aktueller Statistik fehlen?

Aktuell fehlen in Villingen-Schwenningen etwa 400 Kita-Plätze.

Wie verteilt sich der Mangel auf die Gruppen der über dreijährigen Kinder und der unter Dreijährigen?

Etwa 35 Prozent betrifft die über Dreijährigen, 65 Prozent die unter dreijährigen Kinder.

Gibt es Wohn- und Stadtbezirke, die besonders betroffen sind?

Die Villinger Innenstadt, Hammerhalde, Steppach sowie die Schwenninger Innenstadt sind besonders betroffen.

Was sind, kurz gesagt, die Ursachen dieser Misere?

Ausschlaggebend ist das Bevölkerungswachstum der Stadt. Die Bevölkerung ist in den letzten Jahren sehr stark gewachsen: Lebten 2012 noch 4207 Kinder unter sechs Jahren in Villingen-Schwenningen, waren es zum Jahresende 2017 4692 Kinder. Das ist ein Anstieg um 11,5 Prozent in fünf Jahren! Die Prognose zeigte vor einigen Jahren – gegenteilig zur tatsächlichen Entwicklung – sogar einen Bevölkerungsrückgang auf. Zudem ist Wunsch vieler der Eltern, nach der Geburt ihres Kindes schnell wieder ins Berufsleben einzusteigen, in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.

Hat die Stadt es versäumt, rechtzeitig mehr Kapazitäten aufzubauen?

Die Stadt hat den Ausbau der Kindertagesstätten-Plätze in den vergangenen Jahren weiter vorangetrieben. Seit 2009 bis heute wurden für unter dreijährige Kinder 378 zusätzliche Plätze geschaffen – das ist ein Zuwachs von 125 Prozent. Im Bereich für über Dreijährige konnten 208 neue Plätze eingerichtet werden, was eine Steigerung von 9,5 Prozent bedeutet. Das Angebot in der Kindertagespflege als weiteres Betreuungsangebot hat sich in den letzten zehn Jahren sogar verzwölffacht.
In den vergangenen Jahren hat die Stadt Millionen in den Aus- und Umbau von Kindertages-Einrichtungen investiert. Beispielsweise wurden die Betriebskindertagesstätte am Klinikum, die Kindertagesstätte Campus Minimus und die Waldmann-Kindertagesstätte neu gebaut. Hinzu kommen Einrichtungen, die ausgebaut oder saniert wurden, wie zum Beispiel der Kindergarten St. Konrad. In Planung sind bereits weitere Um- und Erweiterungsbauten wie für die Kindergärten Wilhelmspflege, St. Elisabeth, AWO oder Mangin.

Welche Rolle spielt der bundesweite Mangel an ausgebildeten Erzieherinnen und Erzieher bei den fehlenden Kindergartenplätzen in VS?

Eine sehr große Rolle! Der Fachkräftemangel bei Erzieherinnen und Sozialpädagogen ist eklatant. In der Vergangenheit konnten beispielsweise schon einmal eine Gruppe nicht eröffnet und in der Folge Kinder nicht aufgenommen werden, da das Fachpersonal fehlte. Der Fachkräftemangel stellt ein bundesweites Problem dar – auch durch den Ausbau von Ganztagsschulen wird noch mehr pädagogisches Personal in den Städten benötigt. Der Erzieher-Beruf wird überwiegend von Frauen ausgeübt – dadurch ist die Fluktuation und der Personalbedarf in diesem Bereich durch Schwangerschaften und Erziehungszeiten besonders hoch.

Wie viele Fachkräfte gibt es aktuell in den Kindergärten der Stadt, wie viele fehlen?

Für Erzieherinnen in den Kindertageseinrichtungen hält die Stadt etwa 300 Vollzeitstellen, die mir rund 360 Personen besetzt sind, vor. Derzeit sind etwa 30 Stellen unbesetzt.

Muss die Stadt ihre Ausbildungsbemühungen erhöhen?

Eigene Erzieherinnen und Erzieher auszubilden wird bei der Stadt seit Jahren großgeschrieben. Mit der Einführung des neuen Ausbildungsberufs „Erzieher/-in in praxisintegrierter Ausbildung“ im Jahr 2013 hat die Stadtverwaltung fünf Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt. Diese wurden mittlerweile auf elf Plätze je Ausbildungsjahr erhöht. Darüber hinaus werden derzeit sechs, ab 2019 dann neun Plätze für den Erzieherberuf im Anerkennungsjahr ausgewiesen. Für die schulische Ausbildung (Berufskolleg, Unter- und Oberkurs) werden insgesamt 13 Praxisplätze bereitgestellt. Darüber hinaus stehen rund 45 Plätze für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zur Verfügung. Damit schöpft die Stadtverwaltung hinsichtlich der Ausbildung von Erzieher und Erzieherinnen alle ihr gegebenen Möglichkeiten aus.

Wie würden Sie die Gesamtsituation zusammenfassend beschreiben?

Für alle Beteiligten ist die Situation nicht zufriedenstellend!

Gibt es Möglichkeiten, bereits für das nächste Kindergartenjahr kurzfristige Verbesserungen zu schaffen?

Die möglichen Optionen zur kurzfristigen Entlastung werden derzeit verwaltungsintern auf Hochtouren geprüft und anschließend der Politik am 11. Oktober in der Jugendhilfeausschusssitzung zur Beschlussfassung vorgelegt. Zweitens: Es erfolgt weiterhin eine enge Kooperation mit der Stabstelle für die Jugendhilfeplanung, hier liegen erste verlässliche Aussagen vor. Die weiteren Schritte werden in die Bedarfs- und Entwicklungsplanung 2019/2020 eingearbeitet. Hier ist eine sozialräumliche Orientierung, zum Beispiel wo werden Neubaugebiete geschaffen, wie ist die Wohnraumstruktur usw. grundlegend und richtungsweisend.

Macht es Sinn, wie vorgeschlagen wurde, die Kindergartengruppen befristet aufzustocken und mit Aushilfspersonal zu ergänzen?

Um mehr Kinder unterzubringen, braucht es ausreichend große Räumlichkeiten und qualifiziertes Personal – was uns beides derzeit nicht unbegrenzt oder ausreichend zur Verfügung steht. Eine Aufstockung der Plätze in die bestehenden Gruppen ist aufgrund der Vorgaben zum Erhalt der Betriebserlaubnisse, welche der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) erteilt, nicht möglich. Diese Option wurde von unserem Amt bereits geprüft.
Aushilfspersonal bedeutet nicht automatisch Aufstockung, sondern zusätzliche Kräfte zur Unterstützung des pädagogischen Personals, die befristet und zu den Stoßzeiten in der Kindertagesstätte eingesetzt werden.

Können zusätzliche Wald-Gruppen geschaffen werden, um zusätzliche Plätze anzubieten? Das hätte ja den Vorteil, dass nicht zusätzliche Räume geschaffen werden müssten.

Bei dieser Einrichtung ist zwar die Raumfrage weniger von Bedeutung, aber auch Waldkindergärten unterliegen den Vorgaben für das notwendige pädagogische Personal und benötigen eine Betriebserlaubnis.

Was raten Sie Eltern, die jetzt keinen Kindergartenplatz bekommen? Müssen die sich einfach in Geduld üben?

Der Kontakt zu unserer zentralen Vormerkstelle ist das A und O, damit die Familien Planungssicherheit haben und rechtzeitig mit ihren Arbeitgebern ins Gespräch gehen können. Die Familien müssen sich leider in Geduld üben, auch wenn wir die persönliche Betroffenheit wahrnehmen und durchaus verstehen. Die Stadt Villingen-Schwenningen ist auch auf die Unterstützung der Unternehmen in Bezug von Vereinbarkeit von Beruf und Familie angewiesen, etwa für flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle usw.

Wie sehen die Perspektiven in den nächsten zwei, drei Jahren aus?

Die bereits jetzt auf den Weg gebrachten Lösungen werden eine gewisse Entspannung mit sich bringen, dennoch wird der Fokus weiter auf dem Ausbau liegen müssen, Verwaltung und Politik arbeiten hier eng zusammen!

Droht mit den neuen Wohngebiet Friedrichspark in Villingen und Eschelen in Schwenningen in diesen Bereichen nicht schon der nächste Wohnbereich, wo Kindergartenplätze zur Mangelware werden? Was planen sie dort?

Das Thema Neubaugebiete und deren Auswirkungen sowie die notwendigen Maßnahmen für den Kindertagesstätten-Ausbau werden ausführlich in der Bedarfs- und Jugendhilfeplanung 2019/2020 benannt.

Fragen: Eberhard Stadler