Villingen-Schwenningen – Wenn man Helmut Wider anschaut und er über sein Leben und seine Aktivitäten erzählt, bekommt man eine neue Sicht auf das Alter: 80 Jahre wird der frühere Kripochef heute, der als radelnder Weltenbummler sein Rentnerdasein etwas anders gestaltet als viele Gleichaltrige. Die wichtigste Entscheidung in seinem Leben hat Helmut Wider dem SÜDKURIER zu verdanken: 1956 hat er eine Anzeige gelesen, dass die Polizei Nachwuchs sucht. Für den 17-Jährigen war klar: "Da bewerbe ich mich." Mit vier Geschwistern ist er in Unterbränd aufgewachsen, der Vater war Kleinlandwirt und Holzhauer. Die Kindheit war von Armut geprägt, wie er erzählt. Die Möglichkeit, bei der Polizei anzufangen, bot da ungeahnte Chancen, die Helmut Wider bis zu seiner Pensionierung nutzte. Er bildete sich stets weiter, hatte den Mut, neue Dinge anzugehen und brachte es so bis zum Kriminaldirektor. Allerdings wäre seine Karriere bei der Polizei beinahe an seiner Größe gescheitert: "Da ging es um einen Zentimeter", lacht er. 1,69 Meter ist er groß, 1,68 Meter ist die Mindestanforderung der Polizei.

Die Ausbildung in Biberach und Göppingen war von militärischem Drill geprägt mit "viel Strammstehen", einer Ausbildungsvergütung von 120 Mark und einer Gemeinschaftsunterkunft mit fünf anderen jungen Männern. 1960 ging es nach Triberg, beim dortigen Polizeiposten startete Helmut Wider mit 21 Jahren in sein Berufsleben. Das Radeln spielte zu dieser Zeit schon eine große Rolle, als Jugendlicher war er bereits südbadischer Meister im Querfeldeinfahren, später war er lange Jahre Vorsitzender des Radclubs Villingen. Im Winter versuchte er sich in der Nordischen Kombination. "Immerhin konnte ich mich mal in einer Ministrantengruppe beim Skispringen mit Georg Thoma messen", erinnert sich Wider.

Die körperliche Fitness war für den Einsatz in Triberg wichtig: Musste Helmut Wider doch damals auf Fußstreife gehen, erst mit dem Bus nach Schonach, dann ging es über 25 Kilometer bis über den Rohrhardsberg wieder zurück. "Wir haben bei allen Höfen und Gasthöfen vorbeigeschaut, ob da vielleicht ein Verbrecher untergeschlüpft ist." Das war selten der Fall, beliebt waren die Streifentouren aber, weil die Bauern immer nachfragten, "ob der Gendarm Hunger hat". Dann gab es ein zünftiges Vesper und einen Schnaps dazu, so die Erinnerung von Helmut Wider. Unvergessen ist ihm auch eine Schlägerei in Schonach, wo er von einem "hünenhaften Kerl" bedroht worden ist: "Da habe ich mir den Feuerlöscher geschnappt und ihn vollgesprüht." Mit dem Zug ging es dann nach Villingen, um die Tatverdächtigen zum Amtsgericht zu bringen – meist wurden diese mit Handschellen an der Heizung festgebunden.

1961 hat Helmut Wider geheiratet, später kamen zwei Söhne auf die Welt. Durch seinen Sport genoss er hohes Ansehen in Polizeikreisen und wurde vom Polizeipräsidenten zur Europameisterschaft der Polizei geschickt. "Da gab es einen Streifenlauf, das war der Vorläufer des Biathlon. Wir haben 15 Kilometer Langlauf gemacht und dann zweimal mit dem Karabiner geschossen." Für Wider waren die sportlichen Erfolge eine Möglichkeit, als Polizeihauptwachmeister unter tausenden "etwas aufzufallen". "Dieses Kalkül ist aufgegangen", erzählt er. In raschen Schritten ging es die Karriereleiter hinauf: Er begann den Lehrgang für den mittleren Dienst, dann wurde er für den gehobenen Dienst ausgewählt und konnte die Fachhochschulreife nachholen. Er wechselte von der Schutzpolizei zur Kriminalpolizei nach Villingen. Sein erster Fall: "Ein junger Mann hat seine Freundin umgebracht, das vergisst man nicht so leicht." Später wechselte er zum Landeskriminalamt nach Stuttgart und baute dort das erste Rechenzentrum der Polizei auf.

Als er die Berufung für den höheren Dienst bekam, musste Helmut Wider einen schweren Schicksalsschlag wegstecken: Seine Frau starb und er musste sich alleine um die beiden Kinder kümmern. So nahm er das Angebot erst zwei Jahre später an und studierte unter anderem in Münster. Danach kam er als Kriminalrat und stellvertretender Dienststellenleiter zurück nach Villingen zur Kripo. Auch privat nahm sein Leben wieder eine positive Wendung: Er lernte seine heutige Frau Verena kennen, die er 1987 geheiratet hat. Die Hochzeitsreise führte die beiden auf dem Fahrrad quer durch Frankreich, dann mit der Fähre nach Irland, wo sie die grüne Insel umrundeten. Damit war der Grundstein gelegt für viele spektakuläre Radreisen quer durch Kanada, Neuseeland, durch Südamerika, Georgien, Armenien und unzählige kleinere Touren durch Europa und Deutschland. Übernachteten die Widers anfänglich noch in Hotels und Pensionen, war mit dem Wunsch der Kanada-Durchquerung klar, dass künftig mit Zelt gereist wird. "Da war ich immerhin schon fast 70", lacht Helmut Wider. Also wurden neue Räder, Zelte und die ganze notwendige Ausrüstung angeschafft und das Ehepaar startete zu seinen außergewöhnlichen Touren.

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Seit einigen Jahren haben Helmut und Verene Wider auch kein Auto mehr: "Wir sind überzeugte ÖPNVler." Wenn er in die Loipe will oder auf die Piste, steigt Wider in den Bus und fährt nach Schonach. "Wir kommen mit Bus und Bahn überall hin", betont er. Keinerlei Scheu hat der Jubilar auch vor der Digitalisierung, betreibt er doch eine eigene Homepage und ist bei Facebook aktiv. "Ich muss da keinen Enkel fragen, im Gegenteil, die Enkel holen sich manchmal Rat beim Opa."

Mit dem Rad quer durch Mexiko: Helmut Wider macht mit seiner Frau Verena immer wieder spektakuläre Radtouren, die die beiden um die ganze Welt führen. Bild: Privat
Mit dem Rad quer durch Mexiko: Helmut Wider macht mit seiner Frau Verena immer wieder spektakuläre Radtouren, die die beiden um die ganze Welt führen. Bild: Privat | Bild: privat

Stolz ist Helmut Wider, dass seine fünf Enkel auch sehr sportlich sind. Am Montag gibt es einen Tag der offenen Türe in der St. Nepomuk-Straße, wo er heimisch geworden ist. Mit der Familie und Freunden feiert er dann am Wochenende ein großes Fest.