Sie leiden im Verborgenen, übernehmen Aufgaben und Verantwortung, für die sie eigentlich noch viel zu jung sind und haben ein erhöhtes Risiko, selbst krank zu werden: Kinder aus Familien mit sucht- oder psychisch kranken Eltern.

Bundesweite Aktionswoche

Ihnen will die aktuell laufende, bundesweite „Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien“ eine Stimme geben. Schirmherrin ist die Schauspielerin Katrin Sass, die sich durch ihren offenen Umgang mit ihrer eigenen Alkoholsucht Respekt erworben hat.

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Der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ zufolge wachsen allein rund 2,6 Millionen Kinder in Deutschland mit alkoholkranken Eltern auf, 3 Millionen Kinder und Jugendliche haben mindestens einen drogen- oder alkoholkranken Elternteil. Damit diese Kinder sich trotz dieser Belastung zu gesunden Erwachsenen entwickeln, brauchen sie fürsorgliche Menschen, die sie in ihrer psychischen Widerstandskraft stärken.

Stabile Strukturen

Das können Verwandte oder Freunde sein – aber auch Menschen wie die Sozialpädagoginnen Andrea Klumpe-Burghardt und Ines Hädrich von der Kindergruppe „Tandem“, in der Kinder Geborgenheit, Austausch und verlässliche Strukturen erleben. Seit dem Jahr 2008 existiert das kostenlose Angebot für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. Für ältere Kinder und Jugendliche gibt es das Anschlussangebot „Tandem plus“, das sich im Jugendtreff „Chilly“ im Haslach trifft.

Sucht ist ein Tabu

„Früher wurde nach diesen Kindern nicht viel gefragt“, sagt Andrea Klumpe-Burghardt, die bei der Caritas als Sozialpädagogin arbeitet. Das habe sich glücklicherweise inzwischen geändert. Dennoch begrüße sie die Aktionswoche sehr, in der die Belange dieser Kinder ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden sollen, denn Sucht und Krankheit seien auch weiterhin Tabuthemen.

Auch die Eltern leiden

Ob ein oder beide Elternteile nun psychisch oder an einer Sucht erkrankt seien, spiele bei den Auswirkungen auf den Alltag kaum eine Rolle. „Eine an Depression erkrankte Mutter kann es morgens genau so wenig aus dem Bett schaffen und die Kinder versorgen wie eine alkoholsüchtige Frau“, sagt Andrea Klumpe-Burghardt. „Auch sucht- oder psychisch kranke Eltern wollen gute Eltern sein. Sie schaffen es nur nicht“, fügt Ines Hädrich von der Fachstelle Sucht hinzu. Den Sozialpädagoginnen ist eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern wichtig. Die meisten seien froh über das Angebot, würden sie doch selbst unter der instabilen familiären Situation leiden.

Zwei Stunden Kind sein

Hier setzt „Tandem“ an. Immer dienstags trifft sich die Gruppe – momentan sind es acht Kinder aus dem ganzen Landkreis – in den Räumen der Caritas-Tagesstätte „Die Brücke“ in Villingen. Zwei Stunden lang dürfen die Kinder einfach Kind sein; es wird gespielt, gemeinsam gekocht und gegessen, mit Ton gewerkelt oder gebastelt, getobt und geklettert. „Oft gehen wir auch raus, denn viele der Kinder sind Stubenhocker, die viel am Computer zocken“, schildert Ines Hädrich.

Austausch tut gut

Der Austausch ergibt sich bei den gemeinsamen Unternehmungen von ganz alleine. „Wir sagen nicht: So, heute reden wir mal über Alkohol“, sagt Ines Hädrich. Sie erinnert sich gut an ein Mädchen, die beim Werken mit Ton plötzlich fragte, was es eigentlich mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung auf sich habe. In der Gruppe machen die Kinder und Jugendlichen die wichtige Erfahrung, dass sie nicht alleine sind. Denn wie sehr die Kinder unter der familiären Situation leiden, sie oft versuchen, zu vertuschen, das wissen die Sozialpädagoginnen aus ihrem Arbeitsalltag.

Angst vor der Schule

„Es gibt Kinder, die den Schulbesuch verweigern, weil sie Angst davor haben, ihre Eltern alleine zu Hause zu lassen“, sagt Andrea Klumpe-Burghardt. Die Kinder seien meist höchst selbstständig, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibe. „Einerseits ist das natürlich eine Fähigkeit, andererseits verursacht es viel Leid, da ihre eigenen Bedürfnisse zu kurz kommen.“

Stark gegen Stress

Für die Kinder sei es enorm wichtig, gesunde Bindungen zu psychisch stabilen Menschen aufzubauen. Dadurch wiederum erlangen die Kinder Widerstandskraft gegen Stress und Belastungen. Zu Hause würden die Kinder meist in permanenter Hab-Acht-Stellung leben, weil suchtkranke Eltern unberechenbar sein können. Was an einem Tag gelobt wird, kann am anderen Tag bestraft werden. „Die Kinder entwickeln mit der Zeit unglaublich feine Antennen, sie spüren jede Stimmung auf“, sagt Andrea Klumpe-Burghardt.

Wissen macht stark

Wichtig ist es den Sozialpädagoginnen dabei auch, den Kindern Wissen über die Erkrankung ihrer Eltern zu vermitteln. „Je mehr sie wissen, umso besser schaffen sie es, sich zu distanzieren“, erklärt Ines Hädrich. „Sie lernen, dass ihnen gut gehen darf, auch wenn Vater oder Mutter einen schlechten Tag haben.“

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