Ende Oktober holt Rolf Klaiber aus der Schublade seines Schreibtisches das fertig geplante Programm für das kommende Jahr im Kulturcafé Häring heraus und greift zum Telefon. Er ruft den Jazz-Künstler an, der für Januar auf dem Plan steht und sagt den Auftritt ab.

Ein paar Wochen später, an einem verschneiten Dienstagmorgen, sitzen Rolf Klaiber, 67 Jahre alt, gelernter Sozialarbeiter, und Thomas Häring, 51 Jahre alt, gelernter Konditor, an einem der großen Tische im Café Häring in Schwenningen. Häring trägt seine rote Bäckerjacke, Klaiber T-Shirt und Kapuzen-Jacke, beide blicken auf Deko-Weihnachtsmänner auf dem Fenstersims und lila gemusterte Stuhlbezüge. Vor allem aber blicken sie auf einen Lebensabschnitt, der noch vor ein paar Wochen ein jähes Ende hätte finden können.

Der Bäcker und der Kulturliebhaber. Seit acht Jahren betreiben sie das Kulturcafé Häring in Schwenningen. Verluste sind für sie am Ende eines Jahres nichts Neues. Meist stand das Minus vor 500 oder 600 Euro. "Damit kann man immer leben", sagt Thomas Häring. "Das kann man durch die Bewirtung und den Verkauf auffangen." In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl hinter dem Minus am Ende des Jahres vierstellig geworden. Die Gagen wurden höher, die Zuschauer weniger.

Thomas Häring hat es als Erster gewusst. Hat das größer werdende Minus lange vor Rolf Klaiber gesehen und hat geschwiegen. "Ich habe immer gedacht, es geht noch", sagt er. Bis zum Oktober dieses Jahres. Da hat er sich mit Klaiber getroffen, um das Programm für das nächste Jahr zu besprechen. Und hat ihm zum ersten Mal die Zahlen schwarz auf weiß gezeigt. "Ich war schockiert", sagt Klaiber. Sie beschließen: So kann es nicht weiter gehen. Sie wollen eine Pause einlegen. Bis September. Und sehen, ob sie die Finanzierung bis dahin in den Griff bekommen.

70 Besucher brauchen sie pro Abend, damit sie mit einem Plus rauskommen. Die Eintrittskarten kosten zwischen 12 und 16 Euro. Meist sieht die Buchhalterkurve so aus: 150 Euro Plus, beim nächsten Konzert 500 Euro Miese. Es gibt die Liedermacher, die, entgegen aller Erwartungen, für ein ausverkauftes Haus sorgen und es gibt die Jazz-Künstler, bei denen, entgegen aller Erwartungen, das Café am Ende halb leer bleibt, die Gage aber im Bereich von 800 Euro lag. Es ist immer eine Mischkalkulation. Das wussten sie von Anfang an. Sechs Jahre hat es so funktioniert.

Mut und Enthusiasmus braucht man, um so Kultur zu machen. Und vor allem Leidenschaft. Gelitten haben Häring und Klaiber, wenn man so will, vor jedem Auftritt. Kommen heute 20 oder 60 Leute? Haben wir am Ende Geld übrig, oder müssen wir drauflegen?

Die Rechnung ist simpel. Die Gagen liegen im Bereich zwischen 500 und 1000 Euro. Je nach Bekanntheitsgrad und Größe der Gruppe variieren die Preise. Dazu kommen Gebühren für die Gema, Fahrtkosten, Druckkosten für die Werbeflyer und die Künstlersozialabgabe. "Und wenn dann noch eine Übernachtung dazu kommt", sagt Klaiber. Die hat er dann meistens aus eigener Tasche bezahlt.

Vor ein paar Wochen hat Klaiber es einmal ausgerechnet. Exakt 6200 Euro hat er in den vergangenen acht Jahren aus privater Tasche in das Kulturcafé gesteckt. "Andere gehen Skifahren, ich mache Kultur", sagt Klaiber. "Das ist eben mein Hobby." Der Blick geht in Richtung Thomas Häring. Er nickt. "Bei mir war es noch mehr." Verluste waren sie gewohnt, sie haben immer gesagt: "Es muss im Rahmen bleiben." Am Ende hat es den Rahmen gesprengt. "Zu blauäugig", sagt Häring, seien sie gewesen. "Zu stolz", sagt Klaiber. Sie wollten es alleine schaffen. Vergangene Woche saß Klaiber dann im Büro von Kulturamtsleiter Andreas Dobmeier. Mit einem klein bisschen weniger Stolz, dafür mit einer Zuschuss-Zusage über 2500 Euro hat er das Büro am Ende wieder verlassen. "Dafür muss man sich nicht schämen", sagt er. Es klingt, als müsse er sich selber noch mal kurz davon überzeugen. "Andere machen das auch so." Klaiber will jetzt auch versuchen, Sponsoren in der Schwenninger Geschäftswelt aufzutreiben. "Damit wenigstens die Flyer über Werbung finanziert werden können." Die angedachte Pause wollen sie zwar machen, aber nicht bis September. Im Juni soll es weitergehen.

Für den Moment, so scheint es jedenfalls, haben sie ihn gewonnen: Den großen Kampf um die kleine Kunst.

Finanzielle Hilfen von der Stadt: So werden die freien Kulturträger in VS unterstützt

  • Rollmops-Theater: In diesem Jahr hat Olaf Jungmann, der das kleine Theater in der Färberstraße vor drei Jahren ins Leben gerufen hat, das erste Mal einen Zuschuss von der Stadt erhalten: einen Mietzuschuss von 2000 Euro und einen Einmalzuschuss in Höhe von 5000 Euro. Ob er den Zuschuss auch nächstes Jahr noch bekommt, das weiß er nicht. "Das ist good will", sagt er, "und muss jedes Mal weider durch den Gemeinderat". Sieben Inszenierungen (in der Regel Eigenproduktionen) stemmen sie im Jahr, dazu kommen Gastspiele und Kinderinszenierungen. Das Theater bietet Platz für 35 Zuschauer. Ist es ausverkauft, können sie gerade mal so die Theatermiete finanzieren. "Um anständig überleben zu können, bräuchten wir mindestens 15 000 Euro", sagt Jungmann.
  • Theater am Turm: 3000 Euro beträgt der Zuschuss, den das Theater von der Stadt pro Jahr erhält. Seit 1991 bietet das Theater in der Schaffneigasse – mit einem Stamm von etwa 20 Akteuren, meist Laien oder frühere Profis – an bis zu fünf Abenden in der Woche anspruchsvolle, hintergründige und meist selbstproduzierte Stücke. Dazu kommen Gastspiele und Koproduktionen. Platz bietet das Theater für 95 Besucher. Pro Jahr kommen rund 10 000.
  • Folk-Club: Bislang bekam der Folk-Club pro Jahr 2800 Euro von der Stadt in bar – hinzukommt: Der Musik-Club ist in einem städtischen Gebäude (der Scheuer) untergebracht, die Miete wird daher über die interne Verrechnung abgeglichen. Rund 30 Konzerte mit durchaus namhaften Größen der Folk-Szene veranstaltet der Club im Jahr – bis zu 250 Besucher finden dort Platz. Für das erste Halbjahr 2019 wird der Club eine Programm-Auszeit nehmen – eine Zwangspause aufgrund der Lärmproblematik mit der Nachbarschaft des Kulturzentrums
  • Jazzclub: 6000 Euro erhält der Jazzclub derzeit jährlich von der Stadt. Seit über 50 Jahren zählt der kleine Club (ausgerichtet für rund 60 Besucher) in der Webergasse zu den bekannten Namen der Szene. Bei den rund 30 Konzerten, die der Club pro Jahr ehrenamtlich organisiert auf die Beine stellt, stehen nicht selten namhafte Jazzgrößen aus der ganzen Welt auf der Bühne.
  • Kommunales Kino Guckloch: 4800 Euro erhält das Kommunale Kino Guckloch von der Stadt – Mietkosten entfallen, da das Kino in der Scheuer, also einem städtischen Gebäude untergebracht ist. Mittwochs ist in der Regel Kinotag, dafür sorgen 20 Ehrenamtliche für die Filmauswahl. Platz bietet das Kino für 100 Zuschauer.
  • Kommunales Kino Capitol: 2240 Euro erhält das Kommunale Kino in Schwenningen von der Stadt, hinzukommt ein Mietzuschuss in Höhe von 4500 Euro. Immer dienstags wird ein Film gezeigt, außerdem richtet der Verein jährlich ein Kurzfilmfestival aus.