Asterix hatte ein kurzes Leben. Ein Leben, in dem er viel Leid erfahren musste. Geboren in Rumänien, war der 2015 geborene Mischlingsrüde ab dem elften Brustwirbel querschnittsgelähmt. Vielleicht wurde er von einem Auto angefahren, vielleicht auch verprügelt. Wer weiß schon, was diesem Straßenhund zugestoßen ist.

Tiefe Hautwunden

Fakt ist: Durch seine Lähmung war Asterix harn- sowie kotinkontinent und wund gelegen, als er im Juli auf amtsärztliche Anweisung in einer Tierarztpraxis in Villingen-Schwenningen eingeschläfert wurde. Was daraufhin über sie selbst und ihr Praxisteam hereinbrach, hätte das Tierarzt-Paar aus der Doppelstadt nie für möglich gehalten.

Drohanrufe in der Praxis

Drohanrufe und E-Mails, ein Shitstorm auf Facebook, schlechte Praxisbewertungen bei Google – selbst ernannte Tierschützer haben in den vergangenen Wochen alle denkbaren Geschütze aufgefahren. „Wir kommen mit zehn Leuten und machen eure Praxis platt, hieß es einmal am Telefon“, schildert die Tierärztin, die mit ihrem Mann seit mehr als 15 Jahren selbstständig tätig ist und die aktuell darum bittet, ihren Namen geschützt zu halten. Untätig bleiben die Ärzte nicht: Der Anrufer wurde zurückverfolgt und erhielt seinerseits einen Anruf der Polizei.

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Ein Leben als „Rolli-Hund“

Der SÜDKURIER wurde auf Asterix‘ Geschichte ebenfalls durch einen Anruf aufmerksam: Ein Skandal sei es, was der Tierarzt sich mit der Einschläferung erlaubt habe, keine Ahnung von seinem Beruf habe er. Asterix hätte als so genannter „Rolli-Hund“ in einem Hunderollstuhl noch ein schönes Leben haben können. Ob der euthanasierende Tierarzt wohl demnächst auch alle Rollstuhlfahrer einschläfern wolle?

Beschluss fällt das Amt

Auch hier muss man Emotionen von Fakten trennen: Den Beschluss, Asterix zu töten, fällte – wie immer in solchen Fällen – nicht der ausführende Tierarzt, sondern das Veterinäramt.

Als Mensch ein Schwerstpflegefall

Dem zugrunde lag zum einen eine amtstierärztliche Untersuchung von Asterix, zum anderen eine weitere Untersuchung inklusive Röntgendiagnostik und der dazugehörige Bericht des VS-Tierarztes, der als Zweitmeinung eingeholt wurde.

„Als Mensch wäre Asterix ein Schwerstpflegefall in Pflegestufe 4 gewesen“, sagt die Tierärztin, in deren Praxis Asterix zunächst – wie es das Gesetz vorschreibt – in eine tiefe Narkose versetzt wurde, bevor eine weitere Injektion sein Hundeherz zum Stillstand brachte.

Praxisteam entsetzt

Das Praxisteam ist über die Reaktionen auf Asterix‘ Geschichte entsetzt. „Eine Kuh mit gebrochenem Bein muss noch im Stall getötet werden, weil ein Transport unzumutbar wäre“, sagt die Tierärztin. „Aber einen querschnittsgelähmten Hund darf man durch halb Europa schicken und das nennt sich dann Tierschutz?“

„Erhebliche Vernachlässigung“

An dieser Stelle wird Asterix‘ Vorgeschichte relevant. Sie beginnt irgendwo in Rumänien und führt den pflegebedürftigen Vierbeiner auf Initiative einer privaten Tierschutzorganisation zusammen mit weiteren Hunden zunächst nach England. Auf der Insel ist man mit Asterix‘ Pflege überfordert, die Reise geht weiter nach Deutschland.

Hier wird er zunächst in einer Pflegestelle im Raum Tuttlingen untergebracht. Dort wird er zusammen mit anderen Hunden vom Tuttlinger Kreisveterinäramt wegen „erheblicher Vernachlässigung“, so Amtstierarzt Karl Schwab, konfisziert. Schwab war selbst mit zwei Amtskollegen vor Ort. Weil es in Tuttlingen keine freien Plätze mehr gibt, landet Asterix im Donaueschinger Kreistierheim.

Tierheim-Team versucht alles

Dort hatte man mit allen Mitteln probiert, seinen Zustand zu verbessern – vergeblich. Versuche, Asterix mit einem Hunderollstuhl Mobilität und damit Lebensqualität zu verschaffen, scheiterten. „Er fiel mit seinem Rolli immer wieder um und wurde dann verdreht irgendwo liegend von einem Mitarbeiter des Tierheims gefunden und wieder aufgerichtet“, schildert die Tierärztin.

„Den Einzelfall betrachten“

Sie bestreitet die Sinnhaftigkeit von Hunderollstühlen nicht. „Es gibt Hunde, die können damit gut leben. Andere können es nicht. Man muss den Einzelfall betrachten. Asterix hatte keinerlei Körperspannung, um sich in dem Rollstuhl zu halten.“ Bei der Diskussion würden Dinge miteinander verquickt, die nichts miteinander zu tun haben. „Ein Mensch kann auch als Rollstuhlfahrer ein wunderbares Leben haben. Ein Hund ist ein Lauftier, er will springen und rennen, er kommuniziert durch Schwanzwedeln und seine Haltung.“ Alles normale Verhaltensweisen, die Asterix nicht mehr möglich waren.

Ein trauriges Schicksal

Das traurige Leben des Hundes lässt auch die Tierärztin nicht kalt. „Asterix war ein lieber Hund, der mir leidtat. Das Leben hat es mit ihm von Anfang an nicht gut gemeint.“ Letztlich müsse man jedoch sachlich abwägen, was der beste Weg für alle sei. „Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.“

Starke Einschränkungen

Eine aufopferungsvolle Pflegestelle hätte Asterix‘ Leben vielleicht verlängern können. Ihn alle zwei Stunden wickeln, Kot und Urin aufwischen, die wund gelegenen Stellen verbinden, Antibiotika gegen die Hautinfektionen verabreichen können. Jedoch mit Einschränkungen für Mensch und Tier, die sich mit normalem Berufs- und Familienleben nicht hätten vereinbaren lassen.

Nicht vermittelt

Von denjenigen, die jetzt im Internet Asterix‘ Tod beklagen, hatte jedenfalls offenbar niemand Interesse daran, den Hund bei sich aufzunehmen: Er konnte aus dem Tierheim nicht vermittelt werden. „Ich bin seit Bekanntwerden dieses Irrsinns einfach nur traurig, dass dieser lebensfrohe Hund nun tot ist“, schreibt eine Facebook-Nutzerin auf einer Seite, die Asterix‘ Schicksal publik macht. Klickt man auf ihr Profil, wird als Wohnort eine Stadt in Rheinland-Pfalz genannt. Ein anderes Posting besagt „die Eigentümerin aus Rumänien hat einen Anwalt eingeschaltet“. Warum Asterix‘ vermeintliche „Eigentümerin“ sich dann nicht selbst um den Hund gekümmert hat und er nach England und Deutschland vermittelt werden musste, darüber klärt der Facebook-Eintrag freilich nicht auf.

Ein zweischneidiges Schwert

Amtstierarzt Schwab sieht diese Art der Hundevermittlung kritisch. „Es gibt im Ausland sicher großes Tierleid. Aber wir haben auch hier in Deutschland viele Tiere, die vermittelt werden sollen.“

Eine bessere Prognose hatten übrigens Asterix‘ Mitpatientinnen, die beiden ebenfalls gelähmten Mischlingsweibchen: Sie waren nur teilweise querschnittsgelähmt und konnten im Tierheim aufgepäppelt werden. Mittlerweile wurden sie an eine Pflegestelle vermittelt, weiß Karl Schwab.

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