„Gedächtnis der Region“: Rückblick auf die 50er Jahre. In dieser SÜDKURIER-Serie wurden zahlreiche, in Jahrzehnten oft verschüttete Erinnerungen an die Aufbaujahre nach dem Krieg wieder aufgeweckt. Auch bei Lilo Streit, heute 89 Jahre alt – bei Kriegsende gerade mal süße 18, in den 50ern eine junge Ehefrau – setzten diese Erinnerungen ein wahres Gedanken-Karussell in Gang. Und als in einer SÜDKURIER-Reportage über die alten Gasthöfe in dieser Zeit der Name „Meyerhof“ auftauchte, in dem eine Gesangsgruppe „Rudolfos“ so große Erfolge feierte, da strahlte sie. Waren die „Rudolfos“ doch eine Singgruppe unter der Leitung ihres Ehemannes Rudi Streit und sie aktiv immer dabei und als Wirtstochter anfangs in der „Flughafen-Gaststätte“ und später im „Meyerhof“ zuhause.

Ohne Strom und fließend Wasser

Wer kennt ihn nicht in Villingen, den Sängerbarden Rudi Streit, der so viele schöne Lieder komponiert und mit seinen Sängerkameraden gesungen hat, über viele Jahre am Klavier und mit Gesang begleitet von seiner Lilo, geborene Hermann. Im Gasthaus „Flughafen“, das ihre Eltern Justine und Erwin Hermann 1939 übernahmen, verbrachte Lilo Streit ihre Jugendjahre und musste schon früh mit anpacken. Denn der Vater musste bereits drei Wochen nach der Übernahme in den Krieg ziehen. Die Mutter musste mit drei Kindern (Lilo und zwei Brüder) das Gasthaus alleine führen. Noch genau erinnert sich Lilo Streit, dass es zu dieser Zeit im „Flughafen“ weder Strom noch fließend Wasser gab. Beleuchtet wurde das Haus mit Gaslaternen und das Wasser holte man an einer Quelle direkt am Flughafen in Eimern. Zum Waschen benutzte man das Wasser aus Regentonnen vor und hinter dem Haus.

Doch 1944, Lilo war gerade 17 Jahre jung, musste das Lokal geschlossen werden. Erst 1946 kam der Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Dann wurde da Gasthaus wieder eröffnet. Lilo Streit weiß noch genau, dass der Vater zum Holz machen an den Bodensee fuhr und als Lohn Apfelsaft erhielt. Diesen konnte er dann im Lokal im Friedengrund ausschenken. Bald startete man mit der ersten Tanzbühne im Freien, Schlachtfeste und Gartenfeste wurden veranstaltet. Mutter Justine Hermann war eine exzellente Köchin, das Lokal florierte. Unter anderem war der Männerchor oft zu Gast. Und mit dabei ein toller Sänger, lacht die Seniorin verschmitzt in der Erinnerung.

Denn der „tolle Sänger“ war Rudi Streit und sollte später ihr Ehemann werden. Lilo Streit begleitete die Sänger oft am Klavier, die Jugendlichen, auch Lilo und Rudi, trafen sich damals öfters auch im Jugendclub „schaffende Jugend“. 1948 wurde geheiratet – mit Genehmigung der Eltern, denn Lilo war noch keine 21 Jahre alt.

Auch als junge Ehefrau arbeitete Lilo Streit weiter im Gasthaus der Eltern mit. Das änderte sich auch nicht, als es die Wirtsfamilie in die Villinger Innenstadt zog. Erwin und Justina Hermann übernahmen Ende 1952 den bankrotten „Meyerhof“. Lilo Streit erlebte fortan umtriebige Jahre in dem beliebten Gasthaus.

Die Küche war im zweiten Stockwerk, und nicht nur, wenn die Narros an Fasnet in Scharen zum Strählen auftauchten, war die Gaststube zum Bersten voll. Die Menschen in den 50er Jahren wollten Feiern, hatten vieles aus verlorenen Kriegsjahren nachzuholen. Zu den ständigen Veranstaltungen zählten auch Gesangabende der „Rudolfos“, der Singgruppe unter der Leitung von Rudi Streit. Lilo Streit war auch hier immer mit dabei, begleitete die Gruppe musikalisch und sang im Duo mit ihrem Ehemann. Nicht zu vergessen: In diesem bewegten Leben gebar Lilo Streit auch drei Kinder.

Ein bewegtes Leben

1959 starb die Mutter Justine Hermann und Lilos Bruder Günther übernahm den Meyerhof, den er bis 1964 betrieb. Lilo Streit arbeitete dann in der Firma Burger erlernte mit 44 Jahren noch den Umgang mit Computern, erzählt sie stolz. Rudi Streit war weiter in verschiedenen Gesangsgruppen unterwegs, von den „Nachtfaltern“ über die „Flotte 7“ bis 1997 zu den „Vier Oldies“. „Und ich immer mit dabei“, lacht die Seniorin. Doch 1998 brach das fröhliche Musikerleben des Ehepaares Streit nach einem Schlaganfall, den Rudi Streit erlitt, leider ab . 2008 feierte das Ehepaar noch Diamantene Hochzeit, nur wenige Wochen später starb Rudi Streit.

Geblieben sind Lilo Streit eine Fülle an schönen Erinnerungen, die durch die Berichte der SÜDKURIER-Serie „Gedächtnis der Region“ aufgefrischt wurden. Geblieben aus einem bewegten Leben sind Lilo Streit auch ihr Optimismus, ihre Unternehmungslust, ihre Freude an Festen und fröhlichen Begegnungen mit Menschen.

Im Sessel sitzen und Däumchen drehen, ist nicht ihr Ding. Als Wirtstochter ist die 89-Jährige auch heute noch nicht schüchtern. Sie macht sich alleine auf, um Waldfeste zu besuchen, unternimmt gerne Ausflüge mit der „Harmonie“, natürlich ist sie auch an Fasnet immer noch unterwegs, wenn auch in etwas ruhigeren Bahnen. Lilo Streit lebt heute im „ Betreuten Wohnen“ im Seniorenzentrum Lioba, ist im Städtle nirgendwo fremd und so gut zu Fuß, dass sie noch immer den Weg vom Lioba bis zum Friedhof schafft.

Lilo Streit ist sogar noch so mobil, dass sie im vergangenen Jahr, als die Gesangsgruppe „Gassenhauer“ ihre neue CD „Hoppedali“ aufnahm, zusammen mit den jungen Sängern voller Inbrunst das unvergessliche, von Rudi Streit komponierte und getextete, als fasnächtliches Kulturgut verankerte „Hoppedali“-Lied mitsang.

 

Wechselvolle „Flughafen“-Geschichte

Beliebte Gastwirtschaft im Friedengrund wurde 1926 von Edwin Nosch gebaut

Ehrgeiziges Luftverkehrsprojekt: Das „Flughafen-Restaurant“ im Friedengrund, in dem die 89-jährige Lilo Streit ihre Jugendjahre verbrachte, ist das letzte Erinnerungsstück an das viele Jahrzehnte zurückliegende ehrgeizige Luftverkehrsprojekt der Stadt Villingen.

Flughafen-Chronik: In Aufzeichnungen von Siegfried Preiser, die dieser wiederum unter anderem aus Band 2 „Das Leben im Alten Villingen“ entnahm, ist festgehalten, dass 1926 Cafe-Besitzer Edwin Nosch einen Bauplatz für eine Wirtschaft am Flugplatz erwarb. Der Bauplatz für eine Wirtschaft am Flugplatz soll im Benehmen mit der Badisch-Pfälzischen Luftverkehrsgesellschaft ausgesucht worden sein. Doch 1933 wurde der Flugplatz geschlossen, lediglich eine Flugsportgruppe hatte nach Überlieferungen dort wohl noch ihr Domizil.

Flughafen-Restaurant: Bis Ende 1939 führte Erwin Nosch die Gaststätte Flughafen, bis 1939 das Ehepaar Erwin und Justina Hermann die Gaststätte übernahm. Doch Tochter Lilo Streit erinnert sich entgegen anderer Aufzeichnungen, dass während des Krieges sehr wohl noch gelegentlich Flugbetrieb auf dem Flugplatz herrschte. Sie kann sich an Start und Landungen von Aufklärungsfliegern und auch von Privat-Flugzeugen erinnern, zum Beispiel mit Geschäftsleuten der Firma Röchling-Stahl.

Verschiedene Wirte: Nachdem die Wirtefamilie Hermann 1952 den „Meyerhof“ übernommen hatte, sind in Aufzeichnungen zunächst lediglich Veranstaltungen registriert, jedoch keine Wirte. Erst im Jahr 1955 berichtete der SÜDKURIER, dass der Stadtrat nichts gegen eine Übernahme der Schankwirtschaft „Flughafen“ durch die Eheleute Scharfschütze einzuwenden habe, so hielt es Siegfried Preiser in seinen Gastronomie-Chroniken fest. 1962 übernahm Malermeister August Marks mit seiner Ehefrau Paula als Eigentümer das Gasthaus „Flughafen“ und bewirtschaftete das Lokal bis Januar 1976.

Doch dann erschießt Sohn Manfred Marks seine Ehefrau Rita im Streit und das Lokal wurde geschlossen. 1977 kaufte und betrieb Dalibor Duzel das Restaurant, deutsche und kroatische Küche wurde angeboten.

Pizzeria-Ära beginnt: 1979 übernahmen als erste Pächter Giuseppe Villan und Arnaldo Beli den „Flughafen“, der vorübergehend dann auch „Da Arnaldo“ hieß und erstmals als Restaurant-Pizzeria betrieben wurde. Es folgte dann in den folgenden Jahrzehnten bis heute eine Ära mit verschiedenen italienischen Wirten und Pächtern, Umbauten, vorübergehender Schließung und letztlich umfangreicher Renovierung 2007. Das Lokal wird bis heute als Restaurant-Pizzeria mit großer Gartenterrasse betrieben. (ms)