„I can’t get no – Satisfaction“ – bis dieser heute noch ultimative Erfolgssong der Rolling Stones oder auch gängige Beatle-Hits in den wilden 60-er Jahren in der Villinger Tonhalle zu hören waren, musste sich die Jugend im Städtle gedulden. Denn derart heiße Rockmusik war bei den Jugendbällen damals vom Veranstalter Stadtjugendring gar nicht willkommen – und das, obwohl die ersten „Rock-Revoluzzer“ in Villingen noch äußerst gemäßigt unterwegs waren: die Haare noch kurz, das Krawättchen zum weißen Hemd noch gängiges Musiker-Outfit. Doch nach und nach änderten sich die Töne wie die Haare.

Aufbruch zur Langhaar-Musik

Und die Musikszene mutierte auch im historischen Zähringer-Städtchen zur „Langhaar-Musik“ – bis schließlich Ende der 60-er die Band „The Rope Sect“, die „Schnur-Sekte“, die endgültige Rock-Rakete zündete und dem Progressiv-Rock den Durchbruch auch in Villingen verschaffte. Ergebnis: Die Musiker von „The Rope Sect“ wurden als Rabauken, gar als „aufwieglerische Truppe“ bezeichnet, und die Band erntete in der Tonhalle einen kapitalen Rausschmiss. Auftrittsverbot.

Die Jahre vor „The Rope Sect“, die Entwicklung über das gesamte Jahrzehnt von der soften Tanzmusik in der Tonhalle über heißen Beat bis zum Progressiv-Rock, zeichnen ein buntes Bild der damaligen musikalischen Aufbruchstimmung der 60-er-Jahre – von der Elterngeneration meist kopfschüttelnd-kritisch beäugt. Doch die wilden Sixties, geprägt vom Protest und der Revolution gegen das Establishment, schrieben auch in Villingen Musikgeschichte. Denn die Jugend war schnell infiziert von der revolutionären Beat- und Rockmusik nach den Vorbildern von Beatles, Rolling Stones & Co. Und die Villinger Jungs – noch „Buebe“ im Schulalter – versuchten sich erfolgreich in der neuen Beat- und Rockwelt, gründeten immer wieder neue Bands, entwickelten schnell ihren eigenen Sound. Rebellion pur also auch auf der Villinger Musikbühne.

Und so waberten die rockigen Töne wie Nebelschwaden über der Brigach bald unüberhörbar in den historischen Mauern und durch die Villinger Gässle. Verschiedene Jugendbands rumorten aufmüpfig und mit höllischem Spaß in ihren teils illustren Proberäumen mit höllischem Spaß rockig-laut, um dann unter anderem im „Lindenhof“ oder im katholischen Gemeindehaus an der Waldstraße ihre ersten rauschenden Erfolge zu feiern. Bald waren die Villinger Jungs sogar „international“ unterwegs, auch in Schwenningen im Keller des Beethovenhauses, in der Rumba-Bar, da „steppte der Bär“. Mit Auftritten in Unterkirnach, Waldshut, Bad Dürrheim, mit Beatwettbewerben in Heidenheim oder in Freiburg verbinden die heute älter gewordenen damaligen „Musik-Revoluzzer“ schöne Erinnerungen.

Quirliger Musiker-Pool

Den quirligen Villinger Musiker-Pool der 60-er Jahre wenigstens ansatzweise unter einen Hut zu bringen – beziehungsweise die Namen der einzelnen Musiker korrekt den verschiedenen Bands zuzuordnen – ist ein schwieriges Stück Erinnerungsarbeit.

Ein regelrechtes Musiker-Karussell begann sich Anfang/Mitte der 60-er Jahre zu drehen. Die ersten echten Beat-Bands, die zu den ältesten im Städtle zählen, das waren die „Black Ravens“ (1964 gegründet), die „Screaks“ (1964) und die „Beatniks (1965 gegründet), die sich später „The Be Nice“ nannten. Diese Namen lassen die Augen der älter gewordenen Beat- und Rockfreaks heute noch leuchten wie auch die darauffolgenden Rockbands mit härterer Gangart, wie „The Rope Sect“, „Those“ oder „Mammut“, eine Band, die nur während der Zeit einer Schallplatten-Aufnahme „lebte“. Sie sind fest verankert in den wilden Sixties in Villingen – genauso wie die Musiker dieser Bands. Denn diese spielten in den Anfangsjahren der neuen Villinger Beat- und Rockwelt irgendwann und irgendwie in fast jeder dieser Bands mit: Peter und Klaus „Ede“ Schnur, als die Schnur-Brüder ein Begriff in der Szene, dann genau so Dieter Hahne, Drummer Herbert Kornhaas, die Frey-Brüder Achim, Günter und Wolfgang, Norbert Knöbel, Richard „Hugo“ Ketterer usw. In späteren Formationen zählten noch Bernd Rosmislowsky und Roland Herr zum festen Musiker-Pool.

Peter Schnurs erste Band waren die „Black Ravens“. „Schwarze Raben“ waren 1964 mit Peter Schnur noch Fritz Kaiser, Walter Bammert, Norbert Schmid und Konrad Hermann – bis Peter Schnur zu den „Screaks“ wechselte. Er wanderte jedoch bald weiter zu den „Black Counts“ in Bad Dürrheim, um dann bei „The Rope Sect“ zusammen mit Bruder Klaus „Ede“ wieder aufzutauchen.

Die ersten „Beatniks“

Die „Beatniks“, das waren 1965 in der ersten Besetzung Herbert Kornhaas, Achim Frey, Hartmut Sachs und Helmut Gehring. „Als Mikro musste damals auch schon mal eine leere Spraydose mit eingebautem Lautsprecher herhalten“, lacht Herbert Kornhaas, wenn er an diese Zeit zurückdenkt. Für den ausscheidenden Gehring kam dann Günter Frey dazu, später Dieter Hahne und Norbert Knöbel. Die letzte Besetzung als „Beatniks“ waren dann jedenfalls Herbert Kornhaas, Wolfgang Frey, Achim Frey und Dieter Hahne, die sich ab November 1967 „The Be Nice“ nannten.Parallel zu dieser Beatnik-Szene gab es die „Screaks“, die zuvor „Screaming Lions“ hießen (sie bestanden zwischen 1964 und 1966). Die „Screaks“, das waren zu Anfangszeiten Dieter Hahne, Norbert Knöbel (als Schulfreunde gerade mal 15 Jahre jung), Günter Frey und Richard „Hugo“ Ketterer. Als Günter Frey ausstieg, kam Peter Schnur dazu, was die „Screaks hellauf begeisterte. Das war für sie wie ein „Ritterschlag“, galt Peter Schnur damals doch als einer der besten Gitarristen im Städtle. Als Hartmut Sachs bei den Beatniks ausstieg, packten Dieter Hahne und Norbert Knöbel die Gelegenheit und stiegen bei den „Beatniks“ ein. Denn diese hatten einen festen Probenraum in der Schreinerwerkstatt Kornhaas in der Schulgasse. Das war dann auch das Ende der „Screaks“, die bisher von einem Probenraum zum anderen wechseln mussten.

Auf Erfolgsspur

Die neue Musikwelt der jungen Villinger wurde immer professioneller. Als rühriger „Manager“ verschaffte Jürgen Efinger den „Beatniks/The Be Nice“ immer wieder effektvolle Auftritte. Spielten die Jungs auch schon Mal im Heilig-Geist-Spital zur Freude der Senioren oder verursachten Anfang 1967 bei der Eröffnung von Fred’s Modescheune auf der Niederen Straße in Villingen einen Menschenauflauf samt Verkehrsstau, wurde die Szene immer erfolgreicher. Es kam die Zeit der Beat-Festivals im Ländle, die Beat-Stars aus Villingen konnten sich vor Fans kaum retten. Immer in den vordersten Platzierungen gab es auch zweimal erste Plätze bei den großen Beatwettbewerben der Vereinten Jugendringe in Heidenheim. Die Gruppe hatte sich sogar einen VW-Bus zugelegt, dessen Kauf und die Unterhaltung brav von allen abbezahlt werden musste. Herbert Kornhaas führte die Buchhaltung. Ein neues Schlagzeug, sein ganzer Stolz, kostete ihn 1966 1724,85 DM . Er spielt es heute immer noch mit enthusiastischer Drummer-Begeisterung in verschiedenen Bands – mit diversen Erweiterungen natürlich.

Die Erfolgsphase von „Be Nice“ setzte sich bis etwa 1974 fort. Zwischenzeitlich waren 1969 noch Bernd Rosmislowsky und Roland Herr dazu gestoßen. Dieter Hahne hatte zu der Zeit schon zur härteren Gangart gewechselt, rockte jetzt bei „The Rope Sect“. Zur letzten „Be Nice“-Besetzung gehörten jedenfalls Achim und Günter Frey, Herbert Kornhaas, Roland Herr und Bernd Rosmislowsky.

Eine wilde Zeit

Waren die Töne dieser Beat/Rock-Bands noch relativ moderat, ging es mit „The Rope Sect“ so richtig los mit progressivem Rock. „The Rope Sect“, das waren die „Rock-Rabauken“, in der ersten Gründungs-Besetzung 1968 mit Peter und Klaus „Ede“ Schnur, Roland Herr und Richard Ketterer. „Das war der Durchbruch in der Villinger Rockszene“, meint Klaus „Ede“ Schnur, mit seinem Bruder Peter Namensgeber der Band (Schnur – englisch Rope). Das Musiker-Karussell drehte sich auch bei „Rope Sect“ schnell und gelegentlich chaotisch. Noch im selben Jahr stieß Dieter Hahne dazu. Bald feierten dann nur noch Ede, Dieter und Richard als wildes Power-Trio legendäre Erfolge. Die nächsten Rock-Komplizen zu einem absolut kreativen Quintett waren dann Peter Motel, Günter Geiser und Herbert Kornhaas. Ketterer war ausgeschieden. „Eine wilde Zeit“ – nun wurde nicht mehr gecovert, eigene Stücke waren angesagt, verschachtelte, experimentelle Arrangements und vertrackte Harmonien. „Die Zuhörer mochten uns trotzdem“, lacht Dieter Hahne. Da gab es Titel, die hießen schon mal „Albert Mangelsdorf pflanzt Steckrüben“ oder ganz banal „B 33“. Die Band konnte mit dem VW-Bus von Elektro-Schneider zu den Auftritten fahren, war ihr „Manager“ doch Sohn Clemens. Die meisten der Sixtie-Revoluzzer schafften den Sprung in die 70-er Jahre, um sich in den nächsten Jahrzehnten wieder neu zu formieren. Ihre Namen sind jedenfalls bis heute in Villingen ein Begriff.