Als Margot Schaumann Mitte der 60er-Jahre das erste Mal in einer Hose zur Arbeit ging, schmiss ihr Chef sie hochkant wieder raus. Schaumann hatte gerade ihre Ausbildung bei der Stadt angefangen, es war Winter und der Leiter des Hauptamtes mit dem Anblick einer Frau in Hosen überfordert. „Du machst, das du heimkommst“, habe er zu ihr gesagt. „Hier trägt man keine Hosen, hier trägt man Röcke.“

Als Schaumanns Vater davon Wind bekam, gab es ein Donnerwetter. Nicht für Margot, sondern für den Chef. „Ab dort“, sagt Schaumann, „durften wir auch Hosen tragen“.

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Sigrid Rath hat im Gegensatz zu Margot Schaumann in den 60er-Jahren noch keine einzige Hose besessen. „Das war was, das man dann erst später getragen hat“, sagt sie. Margot Schaumann, Altjungfere und Ur-Villingerin, war in den 60er-Jahren Anfang 20.

Margot Schaumann beim Einlochen auf dem Minigolfplatz: Auch in der Freizeit hat man in den 60er-Jahren Wert auf modischen Stil gelegt.
Margot Schaumann beim Einlochen auf dem Minigolfplatz: Auch in der Freizeit hat man in den 60er-Jahren Wert auf modischen Stil gelegt. | Bild: privat

Sigrid Rath, 76 Jahre alt, die Frau des langjährigen Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins, Günter Rath, war Mitte 20.

Bleistiftrock, Bluse und Pumps: Heute geht man so zum Business-Meeting, damals war Sigrid Rath mit ihrem Mann Günter so im Urlaum unterwegs. Die normale Werktagskleidung war das, sagt sie.
Bleistiftrock, Bluse und Pumps: Heute geht man so zum Business-Meeting, damals war Sigrid Rath mit ihrem Mann Günter so im Urlaum unterwegs. Die normale Werktagskleidung war das, sagt sie. | Bild: privat

Zwei Frauen, eine Zeit und doch zwei unterschiedliche Geschichten.

Im Gegensatz zur Hose, die ihre Eltern noch gut fanden, schwand die Begeisterung für die Mode der Tochter, als Schaumann irgendwann die ersten Mini-Röcke trug. „Die Eltern fanden das natürlich nicht so toll. Für mich war es eine Art Befreiung.“ Villingen war noch eine kleinbürgerliche Stadt. „Hier war alles sehr konservativ.“ Die Einstellungen der älteren Generation und die Auslage in den Geschäften. Zum Einkaufen hat ihre Mutter sie damals zum C&A nach Stuttgart genommen. „In Villingen gab es nicht wirklich was.“

Das Kleid, das Sigrid Rath auf diesem Bild trägt, war etwas ganz Besonderes: Ein Geschenk von der Verwandtschaft aus Amerika. „So etwas hat es hier damals noch nicht gegeben.“ Bilder: privat
Das Kleid, das Sigrid Rath auf diesem Bild trägt, war etwas ganz Besonderes: Ein Geschenk von der Verwandtschaft aus Amerika. „So etwas hat es hier damals noch nicht gegeben.“ Bilder: privat | Bild: (privat)

Rainer Böck, der Vorsitzende des Gewerbeverbandes VS würde der Aussage wohl widersprechen. Jedenfalls in Teilen. Es gab Geschäfte in Villingen, die Boutique Gerda zum Beispiel in der Niederen Straße oder das Modehaus Haux am Latschariplatz – dort wo heute Pimkie und Orsay sind, es gab das Modehaus Broghammer, den Herrenausstatter Böck und das Outlet Högermann.

Das Problem: die Mode war meist langweilig, für die gediegenere Kundschaft oder eben nur für Herren. Das Modehaus Broghammer beispielsweise hat erst in den 70er-Jahren eine Damenabteilung eingerichtet.

Sigrid Rath fuhr nicht nach Stuttgart, sie bekam die außergewöhnlichen Sachen geschickt. Ein Kleid hat sie immer noch, rot gemustert, etwa knielang, fließender Stoff und angedeuteter Wasserfallausschnitt: „Die Kleider in dem Stil hat es hier nie gegeben“, sagt sie. Ihre Verwandtschaft aus Amerika hatte es ihr geschickt. „Das war schon etwas Besonderes.“ Heute hängt das Kleid noch in ihrem Schrank, damals hatte sie es zum Tanzen an. „Ich habe es als Cocktailkleid benutzt.“

Das Kleid von damals hat Sigrid Rath noch heute. Bild: Norbert Trippl
Das Kleid von damals hat Sigrid Rath noch heute. Bild: Norbert Trippl | Bild: (privat)

Amerika und Stuttgart hin oder her: Viel wurde damals auch selbst genäht. Den ersten Petticoat zum Beispiel – „den hat meine Oma mir genäht“, sagt Margot Schaumann – oder das Kleid zum Tanzkränzchen – „das habe ich damals selber genäht“, sagt Sigrid Rath. Die Kleiderschränke waren damals gut sortiert. Das bedeutet auch, sie waren nicht überfüllt. „Man hatte entschieden weniger Sachen“, sagt Schaumann. Mehr als eine oder zwei Hosen hatte sie nie.

Das Wenige, das man hatte, konnte man dafür umso besser einsetzen. Man hat darauf geachtet, geht das oder geht das nicht, sagt Schaumann. Sowohl was die Figur als auch die Zusammenstellung angeht. Wenn man heute durch die Fußgängerzone gehe, habe man das Gefühl nicht mehr unbedingt. Ob Ausflug oder Sonntagsspaziergang, Mantel und Hut waren obligatorisch.

Nicht ohne Mantel und hohe Schuhe: Auch beim Sonntagsspaziergang – hier am Warenberg in Villingen – musste die richtige Kleidung gewählt werden.
Nicht ohne Mantel und hohe Schuhe: Auch beim Sonntagsspaziergang – hier im Groppertal – musste die richtige Kleidung gewählt werden. | Bild: privat

Ohne Hut, sagt Schaumann, sei ihr Vater nie in die Stadt und ihre Mutter nie mit ihr spazieren gegangen. „Es hat auch wirklich Sonntags- und Werktagskleider gegeben“, sagt Rath. Sonntags ging für die Frauen nichts ohne Kleid.

Auch beim Wochenendausflug an den Bodensee ging nichts ohne das obligatorische Kleid.
Auch beim Wochenendausflug an den Bodensee ging nichts ohne das obligatorische Kleid. | Bild: privat

„Da wurde wirklich Wert drauf gelegt. Es wäre nicht möglich gewesen, ganz leger zu gehen“, sagt Schaumann. Das 60er-Jahre-Äquivalent zu Jeans, T-Shirt und Oversize-Pullover, also dem, was man heute gern als Casual-Look bezeichnet, waren damals Bleistiftröcke, Blusen und Sommerkleider. Und irgendwann auch die ersten Hosen.