VS-Villingen – Aufbruchstimmung, Revolution auf allen Ebenen, das waren die wilden 60er Jahre. Berlin war damals das Eldorado der Protestkultur mit politischen, sexuellen wie musikalischen Inhalten. Aber auch vor beschaulichen Schwarzwaldstädtchen wie Villingen machte die Revolution der 60er nicht Halt – weniger in Protestmärschen durch die Innenstadt, dafür mit progressiver Musik. Die neue Beat- und Rockwelt, auch „Langhaar“-Musik“ oder deutscher „Kraut-Rock“ genannt, breitete sich auch in den historischen Villinger Mauern aus.

Klaus „Ede“ Schnur.
Klaus „Ede“ Schnur. | Bild: privat

In schnelllebiger Zeit heute fast vergessen ist die damalige Sensation, dass zum Ende der wilden Sixties sogar zwei Schallplatten mit Villinger Bands herauskamen, die es heute noch auf dem Musikmarkt gibt: Ein Sampler „Under Party Ground“ und die legendäre LP „Mammut“, heute mit Kultstatus als absolute Rarität hoch gehandelt. Zwei rockige Schallplatten, in der Regie des Toningenieurs Aki Kienzler mit Villinger Beat- und Rockbands in den legendären und noblen MPS-Studios in Villingen aufgenommen, die ansonsten dem feinen Jazz vorbehalten waren.

Peter Motel.
Peter Motel. | Bild: privat

„Mammut“, das sind die Brüder Peter und Klaus „Ede“ Schnur, Rainer Hoffmann, Tilo Herrmann und Günter Seier – eine Band, die nur für zwei Wochen im Studio zur Realisierung des ehrgeizigen Projekts bestand. Öffentliche Auftritte gab es nie. „Mammut“ war der Spitzname von Peter Schnur und so war schnell der Name für das „Mammut-Album“ gefunden, das erst viel später hoch gelobt werden sollte.

Musikalische Aufbruchstimmung

Die Ursprungsidee für die Produktion von „Mammut“ entstand allerdings schon bei der Produktion der ersten LP einiger Villinger Beat- und Rock-Bands, bei „Under Party Ground“. Aki Kienzler, hatte sich damals von der musikalischen Aufbruchstimmung und den vielfältigen musikalischen Ausdrucksformen der immer progressiver werdenden Rockmusik infizieren lassen und wollte sich auch außerhalb der Jazzmusik engagieren – stieß aber zunächst im renommierten MPS-Studio, der legendären Schwarzwälder Jazz-Schmiede, auf taube Ohren. Letztlich erlaubten ihm die Verantwortlichen aber doch noch, wenigstens die noblen Aufnahmestudios für diese progressive Musik zu nutzen.

Die letzte Besetzung der Beat-Band „The Be Nice“, die auch auf der Platte „Under Party Ground“ zu hören ist: (von links) Herbert Kornhaas, Bernd Rosmislowsky, Achim Frey, Roland Herr und Günter Frey.
Die letzte Besetzung der Beat-Band „The Be Nice“, die auch auf der Platte „Under Party Ground“ zu hören ist: (von links) Herbert Kornhaas, Bernd Rosmislowsky, Achim Frey, Roland Herr und Günter Frey. | Bild: privat

Mehr wollten die „MPS-Jazzer“ allerdings nicht damit zu tun haben. So musste Aki Kienzler ein eigenes Label gründen, nannte dieses „Mouse Trick Track Music“, für das er wirtschaftlich und finanziell allein verantwortlich zeichnen musste.

Mit diesem hochprofessionellen Equipment und unter der Leitung von Aki Kienzler tobten sich 1969/1970 dann die Villinger „Jung-Rocker“ in endlosen Nachtsessions in ihrer musikalischen Freiheit aus. Es entstand zunächst der Sampler „Under Party Ground“ mit den Bands „The Rope Sect“ (mit Peter und Klaus „Ede“ Schnur, Dieter Hahne, Roland Herr, Herbert Kornhaas und Peter Motel), „The Be Nice“ (damals in der Besetzung mit Achim und Günter Frey, Herbert Kornhaas, Roland Herr und Bernd Rosmislowsky), „Those“ (mit Tilo Hermann, Dietrich Danksin, Volker Hirt, Rainer Hofmann) und „The First Decision“ (Hans Hartmann, Wolfgang Eppler, Hans Herzog, Rudi Striegl und Renate Jarabeck), gemixt mit gängigem Musikmaterial.

„Dä Du Dä“ der Ursprung

Bereits bei der Produktion des Titels „Dä Du Dä“ von „The Rope Sect“ für die „Under Party Ground“-Scheibe erkannten Kienzler und Klaus „Ede“ Schnur das Potenzial dieses Stücks und beschlossen, im Stile dieses Songs ein Album aufzunehmen – „Mammut“. Peter Schnur, Rainer Hofmann, Tilo Hermann und Günter Seier machten begeistert mit. Eine ganze LP in zwei Wochen – das funktionierte nur mit viel Improvisation und Motivation. Aki Kienzler war wie zuvor schon bei „Under Party Ground “ der Fels in der Brandung, nicht nur einmal schweißgebadet, aber immer offen für ausgeflippte Ideen der Musiker. Morgens und nachmittags entstanden die Ideen, abends und nachts wurde geprobt und aufgenommen.

Drei der Plattenstars der 60er Jahre freuen sich für alle Beteiligten von damals über den Erfolg, den die Vinyl-Scheiben heute haben: (von links) Herbert Kornhaas, Bernd Rosmislowsky und Klaus „Ede“ Schnur zeigen stolz die Schallplatten „Mammut“ und „Under Party Ground“, die heute als Kultscheiben für „Krautrock“ hoch im Kurs stehen.
Drei der Plattenstars der 60er Jahre freuen sich für alle Beteiligten von damals über den Erfolg, den die Vinyl-Scheiben heute haben: (von links) Herbert Kornhaas, Bernd Rosmislowsky und Klaus „Ede“ Schnur zeigen stolz die Schallplatten „Mammut“ und „Under Party Ground“, die heute als Kultscheiben für „Krautrock“ hoch im Kurs stehen. | Bild: Marga Schubert

„Ede, der musikalische Kopf von ,Mammut‘, kam morgens (das heißt, so gegen 11 Uhr) mit zwei Gitarrenakkorden (manchmal waren es auch mehr) ins Studio und meinte, das wäre das nächste Stück“, erinnert sich Rainer Hofmann. Doch am Abend war dann aus den Akkorden mit einer Vielzahl an Ideen tatsächlich ein Stück geworden. Fehlte noch der Gesang. Wer kann englisch? Niemand. Kein Problem. Ede setzte sich mit einem englischen Wörterbuch in eine ruhige Ecke und dichtete. Rainer Hofmann: „Und oft graute schon der Sommermorgen, wenn Ede, Peter und Tilo die Vocals aufnahmen.“ Die eigenwilligen Titel der einzelnen Stücke entstanden ebenfalls kurios. War zum Beispiel am Ende einer Aufnahme aus dem Musiker-Pool der genervte Heinz-Ehrhard-Fluch „Himmel, Gesäß und Nähgarn“ zu vernehmen – schon hieß der Titel „Nähgarn-Mammut“. Und so entstand die explosive Mischung verschiedener musikalischer Stile mit wilden Trommelwirbeln, verzerrten Gitarren und düsteren Orgelklängen.

Mit einer Studioparty mit zahlreichen Freunden endete für die Musiker die Produktion – und damit war die Gruppe „Mammut“ Geschichte. Die Musiker gingen wieder eigene Wege. „Mammut“ gab 1972 ein Abschiedskonzert zusammen mit „The Rope Sect“ und „Those“.

Später Erfolg für „Mammut“

Nach der Produktion der beiden Schallplatten mit Villinger Beat- und Rock-Bands waren diese allerdings alle andere als begehrt auf dem Musikmarkt, der damals mit progressiver Rockmusik geradezu überschwemmt wurde. So war „Mammut“, in einer Auflage von 500 Stück auf dem Markt, nach einigen Wochen auf dem Wühltisch für fünf DM zu haben. Es sollten Jahrzehnte vergehen, in denen die Platten in der Versenkung so gut wie verschwunden waren. Doch dann wendete sich das Blatt plötzlich, als vor Jahren in einem Musik-Journal der „Krautrock“ aus Villingen in den höchsten Tönen als beispielgebend für die damalige Zeit gelobt wurde. Die Preise für „Mammut“ schnellten in astronomische Höhen. Auch der Sampler „Under Party Ground“ ist wieder im Angebot, geht bei Sammlern schon mal für 350 bis 500 Euro über den Tisch. Doch „Mammut“ schlägt alle Rekorde. Vor kurzem soll für eine Original-LP gar ein Höchstpreis von um die 3500 Euro gehandelt worden sein. Der Villinger Dieter Hahne, in diesem Musiker-Pool der 60er und später unter anderem bei der Kultband Cock‘s Combo“ immer wieder treibende Kraft für musikalisch-rockige Umtriebe in Villingen (heute noch aktiv in Berlin), hat dafür gesorgt, dass „Mammut“ 2009 wieder erstand und bei longhairmusic neu aufgelegt wurde: „Mammut“, eine Kultscheibe mit „Villinger Krautrock“. (ms)