Er ist das, was man etwas abgedroschen ein Urgestein nennen könnte. Doch im Vergleich zur heutigen, wie weiche Kreide vor sich hin bröselnden, Sozialdemokratie Deutschlands, ist Franz Müntefering tatsächlich solide wie Granit. Ungebrochen, prägnant und mit einem trockenen Humor gesegnet, mit dem er früher schon in Ministerposten und als Vizekanzler die Geschicke der Bundesrepublik prägte und mit wunderbaren Bonmots – wie dem von der mistigen Opposition – bereicherte.

Zum Besuch von Franz Müntefering (erste Reihe, Zweiter von links) ist der Saal im Theater im Ring gut gefüllt. Schon vor Beginn der Veranstaltung unterhält sich der ehemalige Vizekanzler mit seinen Sitznachbarn.
Zum Besuch von Franz Müntefering (erste Reihe, Zweiter von links) ist der Saal im Theater im Ring gut gefüllt. Schon vor Beginn der Veranstaltung unterhält sich der ehemalige Vizekanzler mit seinen Sitznachbarn. | Bild: Uwe Spille

Nun war dieser gerade 80 Jahre alt gewordene Müntefering im Theater am Ring in Villingen zum Autorengespräch geladen. Denn heute, sieben Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag, ist er als Buchautor in der Republik unterwegs, aktuell als Botschafter des Älterwerdens, mit seinem neuesten Werk „Unterwegs“. Und der kleine Saal des Theater am Ring ist sehr gut gefüllt, als Müntefering das Podium betritt. Hier wird er die nächste Stunde im lebhaften Gespräch mit Wolfgang Niess verbringen, unverkennbar mit dieser markanten Stimme, dem norddeutsch rollenden „R“ die Zuhörer in seinen Bann ziehen.

Was Senioren wollen und brauchen

Werden die älteren Menschen nicht mehr von der Politik eingebunden, stellt Wolfgang Niess die erste Frage. Das komme darauf an, gibt Müntefering zur Antwort, welche Bereitschaft es gebe, Verantwortung zu übernehmen. Denn „es macht auch im Alter mehr Spaß, was zu machen statt nur im Stuhl zu sitzen und Kreuzworträtsel zu lösen“.

Kommunen haben die Aufgabe, sich um ältere Menschen zu kümmern, die Anzahl der Einpersonenhaushalten mit Senioren nehme drastisch zu. „Die dürfen nicht elendig einsam vor sich hin leben, so etwas darf nicht sein.“ Auch die ambulante palliative Begleitung und Versorgung müsse ausgebaut werden. „Wenn du am falschen Ort wohnst hast, du keine Chance“, verdeutlicht Müntefering. Hierfür brauche es Geld für die Kommunen, nicht nur für Kitas, da gebe es vom Staat schon viel Geld.

Was Müntefering jung hält

Mehrgenerationenhäuser als mögliche Lösung bringt Niess ins Spiel. „Davon gibt es bisher etwa 500, die sind sehr wichtig für die sozialen Kontakte gerade von älteren Menschen, die nicht mehr so mobil sind. Aber wir brauchen viel mehr solcher Mittelpunkte.“ Was macht Müntefering, dass er fit wie ein 60-jähriger aussieht, fragt Niess. Die drei L gibt Müntefering vor: Laufen, Lernen und Lachen. Man müsse das Leben mögen, mit Humor. Und nein, ein Optimist ist er bei aller Liebe zum Leben jedoch nicht. Zuversichtlich zu sein reicht ihm. Gut ins Alter kommen, sich kümmern und sagen, das wird schon werden – das ist heute seine Devise.

Jeder Einzelne ist gefordert

Was kann der einzelne tun? Wo möglich sollte man anderen helfen. Man müsse sich aber auch helfen lassen können, gerade wenn man alt ist. „Männern, die sagen, sie wollen nie gepflegt werden muss ich antworten, hört auf mit eurer Arroganz“, gibt er unmissverständlich zu Protokoll. Dann erzählt Müntefering von seiner Jugend, seinen ersten Schritten in der Politik, die Jahre als Minister und als Parteivorsitzender, schildert seine Weltsicht, analysiert die heutige Politik.

Das ist auch amüsant, Münteferings ausgefeilte Rhetorik, seine Erfahrung, sein trockener Humor und treffliche Selbstironie trägt durch den Abend. Doch letztlich geht es ihm um die Gleichwertigkeit aller Menschen, das ist im wichtig. „Das ist der entscheidende Punkt in der Demokratie.“ Solche Statements und das klare „wir dürfen nicht zulassen, dass die Bekloppten das Sagen kriegen“ angesichts des grassierenden Rechtsextremismus ist begeisternd für die anwesenden Zuhörer. Oder wie man es in Zeiten von Corona und Grippe treffender sagen könnte: ansteckend. Und so geht man zuversichtlich geworden nach Hause.