Marcel Klinge, 36 Jahre alt, sitzt am Donnerstagvormittag in Chucks, Skinny- Jeans und Parka in einem Café in der Färberstraße und zückt sein Handy. In den sozialen Netzwerken war er immer schon aktiv. Gerade hat er ein neues Tool für sich entdeckt. Instagram-Storys. "Hier", sagt er und zeigt auf den Bildschirm, "Interview-Termin mit dem SÜDKURIER", "Personalausschuss", "Verwaltungsausschuss", "Feierabend". Die Leute sollen wissen, was er gerade macht. Vor allem, was er rund 700 Kilometer entfernt in Berlin macht. Am 24. Oktober wird sich der 19. Deutsche Bundestag konstituieren und Klinge wird einer der 80 neu gewählten FDP Abgeordneten sein. Im Interview spricht er über Kontemplation beim Faxen, wann er Angela Merkel das erste Mal kennenlernen wird und warum ihm Thorsten Frei derzeit noch Asyl in seinem Berliner Büro gewährt.

In drei Worten, Herr Klinge: Wie waren die ersten zweieinhalb Wochen in Berlin?

Marcel Klinge: "Aufregend, sehr abwechslungsreich, sehr spannend."

Was haben Sie bisher gemacht?

"Vor allem habe ich mich mit der Bürokratie im Bundestag rumgeärgert. Immerhin habe ich jetzt einen Laptop bekommen mit einer Bundestagsmailadresse und eine Telefonnummer, aber ich habe noch kein Telefon. Ich hab noch nicht mal ein Büro. Der halbe Bundestag zieht gerade um. Und wir sind als Fraktion neu dazugekommen, es wird wohl noch bis Januar 2018 dauern, bis ich ein eigenes Büro haben werde. Nächste Woche bin ich zwei Stunden beim CDU-Kollegen Thorsten Frei zu Gast. Er hat mir netterweise seine Hilfe angeboten."

Gibt es noch weitere Unwägbarkeiten?

"Sie brauchen für alles ein Faxgerät. Ich habe, glaube ich, gefühlt 100 Formulare in den vergangenen Tagen ausgefüllt, die mussten alle gefaxt werden. Es ist schon eine kleine logistische Herausforderung, um arbeitsfähig zu sein. Hilfreich war ein dreitägiges Boot-Camp der FDP-Fraktion in Berlin, in dem haben wir erklärt bekommen, was macht eigentlich ein Abgeordneter, wie stellt man Mitarbeiter ein, und so weiter."

Gab es etwas, dass Sie, abgesehen vom Faxgerät, überrascht hat?

"Für mich sehr emotional berührend war, als ich das erste Mal nach der Wahl mit dem Abgeordnetenausweis in den Bundestag gegangenen bin." Er greift in seine Jackentasche und zieht seinen Geldbeutel heraus, darin ein hellbraunes, kleines Papier. "Vorläufiger Abgeordnetenausweis" steht darauf. Kein Bild. "Das ist schon ein stolzes Gefühl. Und ich habe auch Respekt vor der Aufgabe. Man macht schließlich Gesetze für 82 Millionen Menschen. Der Verantwortung bin ich mir bewusst. Man will ja auch was bewegen, man geht ja nicht in die Politik, um sich gemütlich die Zeit zu vertreiben. Darum will ich auch gerne in den Bildungsausschuss. Das Thema liegt mir am Herzen. Ich bin selbst Bildungsaufsteiger."

Wofür würden Sie sich denn einsetzen?

"Wir wollen die Finanzierung verbessern, die Schulen besser ausstatten, das ist ja auch in VS ein Riesenthema. Ich bin auch dafür, dass man Lehrer besser bezahlt, vor allem in Grundschulen, wir wollen eine Technikprämie für Schüler einführen, 1000 Euro, dafür können Tablets oder weiße Boards gekauft werden."

Wie läuft das konkret ab, müssen Sie sich für den Ausschuss bewerben?

"Ich habe einen Fragebogen ausgefüllt, als erste Präferenz habe ich Bildung angegeben, danach Wirtschaft und Tourismus. Innerhalb der Fraktion stimmt man sich dann ab und schaut, wer wofür geeignet ist. Die jeweiligen Plätze in den Ausschüssen ergeben sich aus den Mehrheitsverhältnissen."

Ihr Ausweis, der ist noch vorläufig...

".... seit heute nicht mehr. Ab heute ist das Ergebnis amtlich und ich bin offiziell Abgeordneter und verdiene mein Geld damit. Ab heute kann ich auch Mitarbeiter einstellen."

Wie viele Mitarbeiter werden Sie haben?

"Das kann jeder frei entscheiden. Jeder hat ein Budget von rund 20 000 Euro im Monat zur Verfügung. Mein Team wird aus drei Mitarbeiterinnen bestehen, keine Vollzeitstellen. Eine Büroleiterin, jemand, der die Pressearbeit macht, eine inhaltliche Referentin und dann habe ich noch ein, zwei Studenten, die sich um die Social-Media Arbeit kümmern."

Haben Sie schon eine Wohnung in Berlin?

"Nein. Aktuell komme ich bei Freunden unter. Durch mein Studium habe ich noch gute Kontakte nach Berlin. Eine eigene Wohnung steht weiter hinten auf meiner Liste. Erst mal ging es darum, Mitarbeiter zu finden und Arbeitsverträge aufzusetzen, ich muss auch noch meine Biographie und ein Foto an den Bundestag schicken. Eben viel Kleinkram."

Bleiben Sie Villingen weiter erhalten?

"Der Gemeinderat verpflichtet. Ich werde ein halbes Jahr probieren, ob ich es einigermaßen miteinander vereinbaren kann. Wir haben 21 Sitzungswochen nächstes Jahr. Es wird sich zeigen, wie es läuft, wenn die Plenarsitzungen und Gemeinderatssitzungen in derselben Woche sind. Außerdem bin ich hier sehr gerne zuhause. Hier ist mein Lebensmittelpunkt, wir sind gerade erst umgezogen in die Südstadt. Ich werde pendeln."

Wann geht es wieder nach Berlin?

"Am Montag zur Bundesvostandssitzung. Ich fahre am Samstag zur Landessitzung nach Stuttgart und von da weiter nach Berlin. Dann ist nächste Woche Gemeinderat, am Freitag Fraktionssitzung in Berlin, übers Wochenende komme ich wieder zurück und dann ist die konstituierende Sitzung am 24. Oktober."

Haben Sie Angela Merkel schon kennengelernt?

"Nein. Das erste Mal werde ich sie wohl am 24. Oktober sehen. Wenn es sich ergibt, sage ich auch mal Hallo und Grüße aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis, aber das ist doch eher unwahrscheinlich."

Christian Lindner, den Fraktionsvorsitzenden der FDP, sehen Sie da wahrscheinlich öfter?

"Wir sehen uns in den Fraktionssitzungen. Aber da wollen alle was von ihm. Ich muss ihn nicht den ganzen Tag bequatschen. Wenn was ist, kann ich ihm jederzeit eine Mail oder eine SMS schreiben. Er ist für uns alle immer ansprechbar. Und er muss sich jetzt auf wichtige Dinge konzentrieren."

Sie meinen die Koalitionsverhandlungen. Sie Sie da auch involviert?

"Ich bin nicht miteingebunden. Die Kanzlerin hat uns nach drei Wochen jetzt endlich mal eingeladen. Aber das ist eine Sache für die Führungsspitze."

Die konstituierende Sitzung wird sicher ein weiterer emotionaler Höhepunkt werden?

"Ich werde das erste Mal in den Plenarsaal dürfen. Man ist schick angezogen, mit Anzug und allem, die Nationalhymne wird gespielt, jeder Abgeordnete wird aufgerufen, der Bundestagspräsident gewählt. Ich freue mich da richtig drauf. Das wir ein ganz bewegender Moment. Ich glaub', da wird man ganz stolz raus gehen."

Welche Wünsche haben Sie für Ihre Zeit in Berlin?

"Ich habe mir vorgenommen, dass ich ansprechbar bleibe und offen für Argumente. Meinem neuen Team habe ich gesagt: 'Wenn ich mich komisch verhalte, dann sagt es mir.' Ich will kritikfähig bleiben und nicht abheben. Das Raumschiff Berlin gibt es schon."

Haben Sie Angst, dass es Sie mitnimmt?

Er überlegt eine Weile. "Wenn Sie in Berlin ankommen, vom Fahrdienst abgeholte werden, ins Büro gebracht werden, Termine haben, dort Mittagessen und dann vom Fahrdienst wieder zurückgebracht werden, dann haben Sie nicht viel vom Leben mitbekommen. Ich meine das nicht negativ. Das ist eben so. Ich fahre mit dem Fahrrad, wenn es geht. Ich habe mir vorgenommen, so normal wie möglich zu bleiben. Dazu gehört auch, dass man dem Pförtner 'Grüß Gott' sagt."

Würden Sie sagen, dass sich Ihr Leben seit der Wahl um 360 Grad gedreht hat?

"Ich fühle mich auch nicht anders als vorher. Ich habe das immer gedacht, aber es ist nicht so."

Fragen: Anja Greiner

Zur Person

Marcel Klinge, 36, ist in Thüringen geboren und in VS aufgewachsen. Er hat in Berlin Politik und Soziologie studiert, seit 2001 ist er FDP-Mitglied. 2014 wurde er in den Gemeinderat gewählt und seit 2014 steht er auch an der Spitze des FDP-Bezirksverbandes Südbaden. Zudem ist er Mitglied im Landes- und Bundesvorstand der FDP. Bei der Bundestagswahl sicherte sich die FDP in VS 14,5 Prozent der Stimmen. Klinge zog damit im dritten Anlauf in den Bundestag ein. (ang)