Auch 2017 wieder: Das Hahn-Schickard-Institut wächst und wächst. Das industrieorientierte Forschungsinstitut, angesiedelt in der Nähe des Zentralklinikums, verzeichnet seit drei Jahren Wachstumsraten von 20 bis 30 Prozent. Hier entstehen nicht nur neue intelligente Technologien aus der faszinierenden Welt der Mikrosystemtechnik, sondern auch neue Arbeitsplätze. Der SÜDKURIER sprach mit Alfons Dehé, dem neuen Institutsleiter, über die Ursachen des Wachstums und seine Zukunftspläne.

  • Neuer Standort: Kerngeschäft des Instituts ist es, im Auftrag von Unternehmen neue Produkte mit Mikrosysemtechnik zu entwickeln. Hier kann Hahn-Schickard auf eine wachsende Bandbreite von Anwendungstechniken zurückgreifen, die in den vergangenen Jahren entwickelt wurden. Ein Grund für das laufende Wachstum, so Institutsleiter Alfons Dehé, ist die Eröffnung eines weiteren Standorts in Freiburg. Dort werden neue Produkte für die Medizintechnik entwickelt und produziert – ein Wachstumsmarkt.
  • Eigene Fertigung: Ein weiterer Wachstummotor ist die hauseigene Produktion. "Wir haben mit unseren Reinräumen so großen Erfolg, dass wir unseren Firmenkunden in wachsendem Maße fertige Produkte liefern", berichtet Dehé. Im Reinraum des Instituts sowie in einem weiteren Reinraum im Innovationspark Villingen werden unter strengen klinischen Bedingungen im Auftrag heimischer Unternehmen mikroelektromechanische Systeme (MEMS) wie Silizium-Sensoren hergestellt und damit zunehmend Geld verdient. Einnahmen, die dem Institut sehr willkommen sind, um seine Forschungsprojekte zu finanzieren.
  • Neuer Reinraum: Die Auftragslage ist inzwischen so gut, dass sich das Institut entschlossen hat, auf seinem Gelände eine neue Reinraumfertigung zu bauen. Sieben bis acht Millionen Euro fließen jetzt in einen Anbau mit den Produktionsanlagen sowie neuen Büros. Der Neubau wächst bereits in die Höhe. Am 12. Juni wird hier Richtfest gefeiert. Bis die Reinraumfertigung von Silizium-Sensoren stattfinden kann, wird es allerdings noch dauern. Dehé schätzt, dass sie bis Frühjahr 2019 anlaufen kann. Diese hauseigene Produktion schafft auch neue Jobs am Institut – allein zehn neue Arbeitsplätze im vergangenen Jahr. Die Zahl der Vollzeitstellen an allen drei Standorten wuchs von rund 150 im Jahr 2014 auf mittlerweile 220. Davon sind allein am Standort Villingen-Schwenningen rund 130 Vollzeitstellen angesiedelt.
  • Zurück zu den Wurzeln: Als weiteren Wachstumsfaktor sieht Institutsleiter Dehé den Erfolg einer ganzen Reihe neuer Produkte. Besonders interessant aus lokalem und historischem Blickwinkel: Das Institut hat im Auftrag des Schweizer Uhrenherstellers Horage (Biel) Bauteile für ein modernes, hochpräzises mechanisches Uhrwerk für Armbanduhren auf Siliziumbasis entwickelt. Anlass ist die verstärke Nachfrage nach mechanischen Uhrwerken, die aber kaum noch irgendwo in Massenfertigung hergestellt werden. Für Hahn-Schickard ein schöner Erfolg und zugleich eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, hat doch das Institut einst als Forschungsgesellschaft für Uhren und Feingerätetechnik 1955 begonnen.
  • Dickes Kundenlob: In ihrer Arbeit bestätigt fühlen sich die Führungskräfte und Mitarbeiter durch das Ergebnis der im letzten Jahr erfolgten Überprüfung ihrer Tätigkeit durch eine hochrangige Expertenkommission. Vor allem die guten Noten durch ihre Industrie-Kunden sorgten bei den Verantwortlichen für strahlende Gesichter. Die Expertenkomission kam in Abschlussbericht zum Ergebnis, dass Hahn-Schickard "durch seine thematische Positionierung und sein Dienstleistungsangebot in der Mikrosystemtechnik eine Schlüsselposition in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft besitzt".
  • Super-Mikrofone: "Wir möchten gerne weiter wachsen und wir müssen auch weiterwachsen", lautet die Zielvergabe von Dehé. Zugleich möchte er seinen eigenen "Forschungsanspruch" am Institut verwirklichen. Der 51-jährige studierte und promovierte Physiker war vor seiner 2017 erfolgten Berufung zum Institutsleiter in VS zehn Jahre lang beim Infineon-Konzern in München für die Entwicklung eines mikromechanischen Silizium-Mikrofons verantwortlich, wie sie in Mobiltelefonen verwendet werden. Es handelt sich um wenige Millimeter große Bauteile mit einer fast vergleichbaren Qualität von Studio-Mikrofonen. Bis 2014 hatte Infinion davon eine Milliarde Stück verkauft. Dehé will sein Know-How ins Institut einbringen. "Ich will die Mikrofone in die technologische Spitze treiben", hat er sich zum Ziel gesetzt. Anwendungsbereiche sieht er vor allem in der industriellen Fertigung. "Wir wollen den Maschinen das Hören beibringen." Dehé sieht hier eine echte Marktlücke mit einer Fülle von Anwendungen. Ein weiteres neues Forschungsfeld, dass er forcieren will, sind Umweltsensoren, die die Güte der Luftqualität innerhalb und außerhalb von Räumen analysieren können. Auch dies nach seinem Urteil ein Markt der Zukunft.

Das Hahn-Schickard-Institut und seine Aufgaben

Das Hahn-Schickard-Institut für Mikro- und Informationstechnik wurde 1989 vom Land in Villingen-Schwenningen angesiedelt. Hier ist der Hauptsitz der Gesellschaft, die zwei weitere Niederlassungen in Suttgart und Freiburg betreibt. Angesiedelt ist die Forschungseinrichtung in der Wilhelm-Schickard-Straße im Zentralbereich.

  • Geschichte: Die Gesellschaft ging aus der im Jahr 1955 auf Initiative kleiner und mittlerer Unternehmen der Uhrenindustrie in den Räumen Schwarzwald-Baar und Pforzheim gegründeten „Forschungsgesellschaft für Uhren- und Feingerätetechnik“ hervor und ist heute eine vom Land geförderte Gesellschaft im Bereich der Mikrosystemtechnik. Seit 1989 trägt die Gesellschaft die Namen der württembergischen Wissenschaftsgrößen Wilhelm Schickard (1592–1635) und Philipp Matthäus Hahn (1739–1790) als Ausdruck der Verbundenheit mit der Technologiegeschichte des Landes Baden-Württemberg. Die Mitglieder sind vorwiegend Unternehmen aus Baden-Württemberg. Prinzipiell kann jedes Unternehmen Mitglied der Hahn-Schickard-Gesellschaft werden.
  • Aufgabe: Kleine und mittelständische Unternehmen haben häufig keine Möglichkeit, selbst zu forschen oder zu entwickeln. Das Land hat daher insgesamt 13 Institute für angewandte Forschung geschaffen, die kleinere und mittlere Unternehmen unterstützen sollen, innovative Ideen und neue Techniken in marktfähige Produkte umzusetzen. Eines davon ist das Hahn-Schickard-Institut. Es leistet im Auftrag seiner Industrie-Kunden sowohl Forschung und Entwicklung, aber auch zunehmend Fertigung im Bereich Mikrosystemtechnik. Das Wirtschaftsministerium des Landes unterstützt die Einrichtung mit einer Grundfinanzierung von 20 Prozent sowie weiterer Projektförderung. Das Institut in VS forscht auf dem Gebiet Mikrosystemtechnik und entwickelt mit etwa 220 Mitarbeitern in Villingen-Schwenningen, Stuttgart und Freiburg Produkte überwiegend in direkter Kooperation mit der Industrie.
  • Die Anwendungsfelder: Das Institut forscht und realisiert Produkte und Technologien in folgenden Zukunftsfeldern: Industrie- und Prozesstechnik, Bioanalytik, Medizintechnik, Energie und Umwelt, Positionserfassung und Tracking sowie intelligente Haustechnik. Zumeist geht es um Sensoren und Prozessoren in extremem Miniaturformat, die das Institut in spezifischen Anwendungen entwickelt und den Unternehmen dazu ein komplettes System von der Hardware bis zur Software anbietet. (est)