Helmut Späth (78) steht an einem Dienstagnachmittag auf seinem Balkon im dritten Stock seiner 120 Quadratmeter Wohnung im Betreuten Wohnen im Wohngebiet Welvert, mit idyllischem Ausblick auf braune Ziegeldächer und grüne Bäume. Doch Späth sieht weder die Ziegeldächer, noch Bäume, er sieht nur ein Blechdach, das den unterhalb seines Balkon liegenden Basketballplatz abschirmt. Späth sieht, wenn man so will, nur Ärger.

Bumm, bumm, bumm, sagt er. So gehe das von 15 Uhr oft bis weit nach 20 Uhr. "Es wird irgendwann unerträglich". "Eine halbe Stunde, eine Stunde, das würde man noch aushalten, aber es geht stundenlang." Seine Frau habe schon Ohropax, um in Ruhe ein Buch lesen zu können. "Wenn ich dann mit ihr reden will, muss ich sie anschreien, damit sie was hört."

Vor vier Jahren, als das ehemalige Kasernenareal Welvert erschlossen wurde, war das Pflegeheim und der daran anschließende Gebäudekomplex für das Betreute Wohnen im hinteren Teil des Geländes geplant gewesen. Neben dem Basketballplatz sollte ursprünglich ein Bürogebäude entstehen. Doch der Bauträger entschied sich aus Platzgründen anders. Und 2016 zogen die ersten Bewohner in die Wohnungen neben dem Basketballplatz. Seit Mai 2017 steht dort ein Schild, das das Spielen von 13 bis 15 Uhr und ab 20 Uhr untersagt. Die Uhrzeit ist inzwischen abgekratzt worden.

Die Stadt weiß um das Problem. Auch wenn Späth sagt, er habe nie eine Antwort auf seine Briefe bekommen, in denen er unter anderem beklagt, dass sie Schrauben in den Körben locker seien und bei jedem Wurf klapperten. Späth ist nicht der Einzige, der sich beschwert. "Gerade das Prellen des Basketballs verursacht einen hohen Schall, der teilweise weit bis in andere Wohngebiete dringt", sagt Madlen Falke, Pressesprecherin der Stadt. Und: "Es gab und es gibt immer wieder Beschwerden."

Beinahe täglich sind die Mitarbeiter des Ordnungsamtes vor Ort, manchmal sogar mehrmals am Tag. "Insbesondere nach Ende der Spielzeit wird kontrolliert", sagt Falke. "Wenn beispielsweise um 20.05 Uhr sich keine Spieler aufhalten, kann das um 21 Uhr schon wieder anders aussehen. Unseres Wissens nach ist auch die Landespolizei dort regelmäßig präsent."

70 Mal, schätzt Späth, waren sie dieses Jahr schon selbst unten auf dem Platz, haben ermahnt, doch bitte leiser zu sein, haben erinnert, die Ruhezeiten einzuhalten. Mit den Jugendlichen könne man gut reden, sagt er. Die seien meistens einsichtig. Den meisten Ärger hätten sie mit den Erwachsenen – zwischen 20 und 30 Jahren. Kommentare wie: "Wir haben jetzt Zeit, also spielen wir jetzt" und "Wenn es ihnen nicht passt, können sie ja wegziehen", seien da noch die harmlosesten.

Helmut Späth war Unternehmer. Über 30 Jahre hat er seine eigene Firma geleitet – ein Heizkostenabrechnungs-Unternehmen. 2016 beschließt er, gemeinsam mit seiner Frau, das Haus zu verkaufen und eine der neuen Wohnungen im Welvert zu kaufen. "Wir haben das gekauft, um unseren Lebensabend dort zu verbringen", sagt er. Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Heute würde ich die Wohnung nicht mehr kaufen."

Späth ist kein verbohrter, alter Mann. Er hat Verständnis für die Jugend: "Ich kann verstehen, wenn sie einen Platz brauchen, zum Ballspielen." Verlangt im Gegenzug aber auch Respekt. Und er betont: "Keiner hier hat was gegen Kinder." "Die können da unten laut sein und rumkrakelen." Wenn es nach ihm ginge, könnte der Spielplatz sogar erweitert werden. Zwei Rutschen, unterschiedlich groß, eine Doppelschaukel und eine Sandkiste fände er schön. "Da haben auch die Kleinen was davon."

Im April dieses Jahres hat er angefangen, Unterschriften zu sammeln. 37 hat er inzwischen. Von den Eigentümern und Mietern der 50 Wohnungen im Komplex. Bei einer Versammlung am Donnerstag kommender Woche – beide Eigentümergesellschaften und die Hausverwaltung der Pflegeeinrichtung die Zieglerschen werden anwesend sein – soll ein Schreiben aufgesetzt werden, in dem sie die Stadt zum Handeln auffordern wollen. "Es muss eine Lösung her, die für alle tragbar ist", sagt Späth. "So kann es nicht weiter gehen." Das Mindeste wäre schon ein Dixi-Klo. "Viele pinkeln an die Garageneinfahrt."

Am liebsten wäre es Späth, der Platz würde ganz verlegt werden. An den Klosterhof, zum neuen Jugendkulturellen Zentrum zum Beispiel. "Da gehört er doch auch eigentlich hin", sagt Späth. Nach Ansicht der Stadt würde eine solche Verlegung das Problem nicht lösen, allenfalls verlagern. Direkte Wohnbebauung gebe es auch dort. "Letztendlich kann man als Stadt nur an die Toleranz und Akzeptanz beider Interessengruppen appellieren", sagt Falke. "Die Sportler gönnen den Anwohnern ab 20 Uhr ihre Ruhe und die Anwohner dulden bis 20 Uhr den Geräuschpegel der Nutzer."

Es ist kurz nach 15 Uhr an diesem Dienstag, zwei Kinder hangeln am Klettergerüst, ansonsten ist der Platz leer. "Eine Ausnahme", sagt Späth. "Viele sind bei dem Wetter wohl lieber ins Freibad gegangen." Auf dem Balkon gegenüber hat es sich eine Frau mit ihrem Buch im Liegestuhl gemütlich gemacht. Auf dem Balkon von Späth steht nichts, außer einem Fressnapf für den Hund. Kein Stuhl, kein Tisch. Seit eineinhalb Jahren wohnt er mit seiner Frau dort, seitdem, so sagt er, haben sie den Balkon noch nie benutzt.