Entzweien sich Villingen und Schwenningen einmal mehr an einem politischen Großprojekt? Einige Stadträte aus Schwenningen artikulieren immer lautstärker die Befürchtung, mit dem geplanten Bau eines neuen Verwaltungszentrums auf dem Mangin-Gelände in Villingen werde der Stadtbezirk Schwenningen zur politischen und administrativen Bedeutungslosigkeit degradiert. Das politische Gewicht der Doppelstadt verlagere sich einseitig nach Villingen. Einige Villinger Stadträte fürchten indes, dass das Projekt auf diese Weise zerredet werden soll und kritisieren dies als "unerträgliches Stadtbezirksdenken".

  • Kritiker Nenno: Zu den Kritikern der Mangin-Planung gehört Rudolf Nenno von den Freien Wählern, der auch zu den Anführern der Bürgerinitiative gehörte, die 2012 das Projekt eines zentralen Rathauses für VS erfolgreich zu Fall gebracht hat. "Es war die Intention der damaligen Bürgerinitiative, dass das politische Gleichgewicht zwischen den beiden großen Stadtbezirken erhalten bleibt", betont Nenno gegenüber dem SÜDKURIER. Dieses Gleichgewicht sieht er mit der Mangin-Planung gefährdet. In zwei ehemaligen Kasernengebäuden sollen 350 Rathausmitarbeiter untergebracht werden, darunter auch das Technische Dezernat von Bürgermeister Detlef Bührer, der bisher im Schwenninger Rathaus residierte. "Schwenninger Bürger sagen mir, sie fühlen sich politisch abgehängt, wenn das umgesetzt wird", schildert Nenno. Immer wieder werde die Forderung erhoben, ins Schwenninger Rathaus gehöre ein Bürgermeister. Für Nenno ein "legitimes Anliegen". Auch die Aussicht, dass auf dem Mangin-Gelände ein Neubau entsteht, in dem nicht nur ein neues Stadtarchiv und eine Kantine untergebracht werden sollen, sondern auch ein fester Ratssaal für den Gemeinderat, gefällt einigen Schwenningern nicht. Sie wollen, dass der Gemeinderat weiterhin gleichermaßen in Villingen und in Schwenningen tagt. "Auch dazu sage ich entschieden ja", bestätigt Nenno. "Ich denke, wir brauchen den Ratssaal nicht". Auch hinter das Gesamtprojekt des neuen Verwaltungszentrums macht Nenno ein Fragezeichen. Wenn es sich wirtschaftlich nicht rechne und teurer sei als der Ist-Zustand der jetzigen Verwaltungsgebäude, "sehe ich keinen Grund, es zu beschließen."
  • Auch SPD warnt: Das Projekt Mangin grundsätzlich infrage stellen will die SPD-Fraktion im Gemeinderat zwar nicht. Doch auch Fraktions-Chef Edgar Schurr warnt vor einem politischen Ungleichgewicht zwischen den großen Stadtbezirken. Daher habe die SPD vorgeschlagen, im Schwenninger Rathaus ein eigenes Dezernat unterzubringen. Die Genossen regen an, dass in der Stadtverwaltung neben dem Dezernat 1 des Oberbürgermeisters und dem Dezernat 2 (Technisches Dezernat von Baubürgermeister Bührer) ein neues Dezernat 3 für "Kultur und Bildung" geschaffen wird. Eines dieser drei Dezernate sollte dann im Schwenninger Rathaus untergebracht werden, damit dort auch eine Führungsebene mit politischem Gewicht vor Ort ist. "Darüber sollte man nachdenken", findet Schurr. Er ist auch dafür, dass die Ratsitzungen wie bisher in beiden großen Stadtbezirken stattfinden. "Wir sollten die Befindlichkeiten des Stadtbezirks Schwenningen in angemessener Form berücksichtigen", forderte er.
  • Kein Verständnis: Wenig Verständnis für diese Befindlichkeiten hat indes Andreas Flöß, der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler. Den einfachen Bürger sei doch völlig gleich, an welchem Ort eine kommunale Verwaltung sitze und ihre Entscheidung treffe. Wichtig seien für meisten Menschen, dass die viel benötigten Dienstleistungen wie etwa für die Ausstellung eines neuen Ausweises in den Stadtbezirken vertreten seien. Dies werde über die Bürgerservice-Zentren der Stadt und die Ortsverwaltungen gewährleistet. Ob aber ein Dezernat in Villingen oder Schwenningen angesiedelt werde, sei den meisten Bürger ziemlich egal. Die Frage, wie das Rathaus Schwenningen künftig belegt werde, habe im Übrigen mit der Entwicklung des ehemaligen Kasernengeländes Mangin nichts zu tun. Hier gebe es ein Sanierungsgebiet, dass mit großen Millionen-Zuschüssen von Bund und Land für eine neue städtebauliche Nutzung – Stadtverwaltung und sozialer Wohnungsbau – umgewandelt werden könne. Diese Chance müsse die Stadt nutzen, gleich, ob das Gelände sich nun in Villingen oder in Schwenningen befinde.
  • Kritik an Kritikern: Flöß, der als Architekt im Rahmen einer Ausschreibung von der Stadt mit der Anfertigung einer Machbarkeitsstudie für das Areal beauftragt, betonte ausdrücklich, er sei in dieser Sache völlig neutral vorgegangen. Er habe dem Gemeinderat ohne Wertung die Kosten für die Hochbaumaßnahmen von rund 45 Millionen Euro vorgelegt. Das sein eigener Fraktionskollege Nenno die Studie von Flöß nun als Planung mit "Residenzcharakter" tituliert, ärgert Flöß daher mächtig. Hier sei nichts pompös oder gar protzig geplant, sondern nur einfach und funktional. Daher warnt Flöß davor, dieses wichtige Infrastrukturprojekt jetzt mit populistischen Parolen madig zu machen und einen Keil zwischen die Stadtbezirke zu treiben. Genau dies werde derzeit von einigen Schwenninger Stadträten versucht. "Ich finde es ungerecht, dass diese Kritiker ausgerechnet aus dem Stadtbezirk Schwenningen kommen, die in den letzten zehn Jahren alles bekommen haben, was sie wollten." Rund 150 Millionen Euro seien in Schwenningen verbaut worden für die Landesgartenschau, die Helios-Arena, den Markt- und Muslenplatz, das Feuerwehrgerätehaus, die Neckarhalle, das Deutenberg-Gymnasium, das Krematorium und manches mehr. In Villingen sei dagegen kaum investiert worden. Er habe für fast alle diese Projekte in Schwenningen gestimmt. "Deshalb ertrage ich diese Diskussion nicht, die will ich auch nicht mehr haben!" Dieses "unerträgliche Stadtteildenken" müsse endlich überwunden werden. "Wir haben nur die eine Chance, dass wir an einem Strang ziehen. Sonst kommen wir nicht voran", mahnte Flöß.
  • Kosten und Nutzen prüfen: Renate Breuning, die CDU-Fraktionsvorsitzende, erklärte, aus ihrer Sicht sei die Idee eines zentralen Rathauses die beste Lösung für die Stadt gewesen. Doch nach dem Bürgerentscheid von 2012 sei dies "Schnee von gestern". Jetzt gehe es darum, zu prüfen, ob die "zweitbeste Lösung" auf dem Mangin-Gelände realisierbar sei. Für Breuning ist dabei die Frage von Kosten und Nutzen die entscheidende. Das neue Verwaltungszentrum sei nur vertretbar, wenn eine deutliche Verbesserung der Unterbringung der städtischen Bediensteten und eine gute Erreichbarkeit für die Bevölkerung zu vertretbaren Kosten zu erreichen sei. Dabei ist sie der Meinung, dass dem Gemeinderat ein "würdiger Versammlungsort" zustehen sollte. Sie plädiert daher mit Nachdruck dafür, dass der Gemeinderat endlich einen festen Ratssaal bekommt und der bisherige "Wanderzirkus" beendet werde. "Wenn das Selbstbewusstsein der Stadtteilbewohner davon abhängt, ob der Gemeinderat mal hier, mal da tagt, dann ist an dem Selbstbewusstsein etwas grundsätzlich nicht in Ordnung", schrieb Breuning jüngst in einem städtischen Verlautbarungsorgan. Dass in Schwenningen die Lage des Mangin-Geländes als nicht optimal kritisiert werde, sie verständlich. "Aber sollte man nach 46 Jahren nicht auch mal Abstand nehmen von diesem Stadtteildenken?", fragt Breuning. Allerdings stellte sie auf Nachfrage klar, dass sie Verständnis habe, wenn Bürger den vorgesehenen Abzug des Technischen Dezernats aus dem Schwenninger Rathaus als Verlust betrachten. Hier sieht sie durchaus noch Diskussionsbedarf.