Wer zur Mittagszeit durch die Villinger Innenstadt schlendert, trifft am Zähringerkreuz mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Gruppe junger Menschen, die im Umfeld von Werbeständen nach spendenwilligen Passanten Ausschau halten. Mit emotionalen Fragen wie „Sie sind doch auch Tierfreund?“, oder „Haben Sie ein Herz für Kinder?“, wird versucht, Passanten zum Anhalten zu bewegen, in ein Gespräch zu verwickeln und diese zu einer Spendenmitgliedschaft zu bewegen. Andere lassen sich mehr einfallen und spuren mit Kreide ein bunte Linie um ihren Stand. Die dazugehörige Ansprache klingt dann so: „Der junge Herr mit der grünen Jacke, kommen Sie doch in den Kreis der guten Menschen.“

Freilich wird nie jemand gezwungen in diesen Kreis einzutreten, oder eine Spende zu tätigen. Viele Spendensammler sind freundlich, wenn auch offensiv. Es kommt immer wieder vor, dass Passanten gezielt der Weg abgeschnitten wird, oder dass sich jemand mit ausgebreiteten Armen in den Weg stellt. Die oft sehr engagiert auftretenden Standmitarbeiter nehmen auch mal die Verfolgung auf und versuchen so mit Bürgern ins Gespräch zu kommen, auch wenn ersichtlich ist, dass diese entweder keine Zeit oder kein Interesse daran haben. Eilige Bürger werden auf diese Weise oft gestoppt, dann kommt die Spendenfrage. An manchen Tagen warten auf wenigen Innenstadtmetern gleich mehrere Spendenteams unterschiedlicher Organisationen auf Passanten.

Für viele Menschen in der Stadt ist das trotz der guten Sache, um die es meist geht, zu viel des Guten, wie eine Meinungsumfrage des SÜDKURIER im Sozialen Netzwerk Facebook in den vergangenen Tagen ergab.

Kundschaft geht verloren

Mike Lorenz vom Modegeschäft Moos in der Oberen Straße ist ebenfalls wenig begeistert von der Vielzahl der Spendensammler. Ein beliebter Standpunkt der Werber liegt direkt vor seinem Geschäft. Es sei schon vorgekommen, dass seine Kunden angesprochen und bis zur Eingangstür verfolgt wurden, berichtet er. Einige Menschen würden die Straßenseite wechseln, wenn ein Spendenteam vor Ort sei, beobachtet Lorenz. Für ihn wird das Auftreten mancher Spendenteams somit zur Umsatz-Frage: Weniger Publikumsverkehr auf seiner Straßenseite heißt weniger Käufer im Modegeschäft. Das Problem habe er bereits im Jahr 2015, ein zweites Mal 2016, bei der Stadtverwaltung angesprochen. Bislang ohne Erfolg.

Die Standorte für eine sogenannte Sondernutzung sind von der Stadt festgelegt. „Im Stadtbezirk Villingen gibt es insgesamt 36 Standplätze. Im Innenstadtbereich sind es 23 Standorte. Davon gibt es sechs bis acht besonders attraktive Standort in der Nähe des Innenstadtkreuzes“, erklärt Rathaus-Sprecherin Oxana Brunner. Demnach dürfe die Sondernutzung nicht in Konkurrenz mit ansässigen Geschäften stehen. Im Fall von Mike Lorenz greift das nicht. Laufkundschaft verliert er trotzdem. "Im Jahr 2016 gab es 367 genehmigte Infostände", bilanziert Brunner. Die Kosten für Standbetreiber belaufen sich auf 15 Euro Verwaltungsgebühr, zuzüglich fünf bis zehn Euro Sondernutzungsgebühr. Das sei abhängig davon, ob der Stand gewerblich sei, oder beispielsweise von einer Schule beantragt werde, so Brunner.

Viele Hilfsorganisationen beauftragen für diese Mitgliederwerbung Agenturen, die sich auf das Spendensammeln spezialisiert haben. Am Montag warb eine Berliner Agentur im Auftrag des World Wide Fund For Nature (WWF) in Villingen um Spenden. Vergangene Woche war bereits eine Konkurrenzagentur für den WWF zugange. So machen das viele Organisationen. Immer wieder gibt es dafür auch Kritik, weil Spendengelder an Agenturen fließen und nicht direkt für Hilfsprojekte eingesetzt werden. "Auch wir müssen haushalten. Es lohnt sich für uns. Sonst würden wir es nicht machen", rechtfertigt WWF-Pressesprecher Roland Gramling dieses Geschäftsmodell. Für das Auftreten der Spendensammler gebe es klare Verhaltensregeln: freundlich und nicht bedrängend. Das werde vom WWF auch kontrolliert und eingefordert.

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