VS-Villingen – Zu einer überraschenden Bewegung kommt es am Immobilienmarkt in der Südstadt. Das Alten- und Pflegeheim St. Lioba soll neu gebaut werden. Die Vorschriftenlage zwingt die Eigentümer zu diesem Schritt. Darüber hinaus gibt es weitere Neuigkeiten zu der Adresse an der Roten Gasse, die auch für Mitarbeiter und Bewohner noch unbekannt sind.

Michael Stöffelmaier bestätigte am Mittwoch auf Anfrage diese Schritte. Allerdings, so schränkte er ein, bezögen sich die Neubauplanungen auf die nächsten fünf Jahre. „Diese Zeit werden wir benötigen, das sagen uns auch erfahrene Bauträger“, so der Caritas-Chef.

Die zweite Neuigkeit ist diese: Seit Januar ist die Caritas Alleineigentümer von Grundstück und Gebäude. Die Kirchengemeinde habe sich aus diesen Aufgaben zurückgezogen, in der gesamten Erzdiözese gebe es nun nur noch drei Pflegeheime unter direkter kirchlicher Verantwortung. Freilich: Die Caritas ist ein Teil der katholischen Kirche und kann bei ihrer Finanzierung teilweise auch auf Kirchensteuergelder zurückgreifen. „Es ist aktuell rund eine Million Euro, die wir erhalten“, führte Stöffelmaier jetzt weiter aus. Fakt ist: Die Kirchengemeinde hat sich laut Stöffelmaier aus der gemeinsamen Betreibergesellschaft durch Verkauf zurückgezogen. Erst 2012 war diese Verbindung hergestellt worden.

Für die Bewohner, deren Angehörige und die aktuell 120 Mitarbeiter des Hauses soll das Projekt nun gründlich geplant und dann fürsorglich umgesetzt werden. Stöffelmaier rechnet „Stand heute mit einem Kostenaufwand von 13 Millionen Euro“. Das neue Haus werde 100 Plätze haben. Heute gibt es hier 128 Plätze, bestätigt Stöffelmaier.

Das Projekt stehe ganz am Beginn, aktuell werde geprüft, wo genau der Baukörper platziert werden kann. Klar ist, das Gelände zwischen betreutem Wohnen und bestehendem Pflegeheim gibt einige Möglichkeiten her, etwa diese: Das neue Lioba-Haus könnte dort angesiedelt werden, wo früher der alte Konradskindergarten stand, der mittlerweile abgerissen ist.

Die Geschichte des Konradskindergartens zeigt die Herausforderung der Planung. Auf dem Grundstück habe es früher einen alten Steinbruch gegeben. Dieser wiederum sei „später mit Müll aufgefüllt worden“, berichtet Michael Stöffelmaier aus alten Unterlagen. „Der Bauuntergrund ist deshalb sehr vage“, sagt der Caritas-Chef. Umfangreiche Untersuchungen seien beauftragt. Aus den letzten Jahren des alten Konradskindergartens wolle man die Lehren ziehen. Dieser sei auf einer an der Oberfläche aufgesetzten Betonplatte erreichtet worden. Diese habe sich Jahrzehnte später zu neigen begonnen. Auch auf Grund dieses Wissens sei das Gebäude, in dem das betreute Wohnen angesiedelt ist, mit tief gegründeten Pfählen im Erdreich verankert.

Überraschend sind die Pläne mit dem Lioba-Neubau deshalb, weil das bestehende Gebäude als intakt und gut gepflegt gilt. Die vielen Detailvorgaben der Heimaufsicht hätten hinsichtlich der Gebäudebemessungen nicht mehr erfüllt werden können, schildert Stöffelmaier. Zwar könne beispielsweise ein Rollstuhlfahrer in den Bädern wenden, die vorgeschriebenen Radien jedoch würden nicht ganz erfüllt. Oder: Die Zimmerbreiten stimmen um Zentimeter nicht, nennt er ein zweites Manko gegenüber den Kriterienkatalogen. Außerdem müssten für je 15 Bewohner Gruppenräume mit Küche vorhanden sein, das könne das Haus so nicht anbieten, schildert Stöffelmaier weiter. Schlussendlich sei es auch die Summe „vieler Kleinigkeiten gewesen“, welche nun zu dem großen Schritt der Neubauplanung führe.

Wie das neue Lioba architektonisch gestaltet sein werde, stehe heute noch nicht fest. Ob ebenerdig oder mit Etagen, hänge sehr wesentlich von den Möglichkeiten ab, welche schlussendlich das Gelände mit all seinen Tücken biete. Ziel sei es in jedem Fall, die wunderschöne Außenlage zu erhalten und neu zu nutzen.

Ob das bestehende Haus mit all seinen Bereichen künftig in anderer Form genutzt werden solle, ist ebenfalls aktuell Gegenstand von Überprüfungen. Das nebenan entstehende neue Wohngebiet auf dem Gelände des alten Südstadtkrankenhauses bietet hier hier viele denkbare Ansätze.

Der Übergang vom alten zum neuen Lioba soll für die Bewohner und Mitarbeiter ganz sanft verlaufen. Mitspielen muss hier allerdings noch die Behörde. Von der Heimaufsicht erwartet die Caritas derzeit „die Genehmigung für eine fünfjährige Übergangszeit“ bis zur Inbetriebnahme des neuen Villinger Lioba-Hauses.

Lioba-Historie

Das Altenheim St. Lioba wurde von der Baugenossenschaft „Neue Heimat“ (jetziges „Familienheim“) erbaut und im Dezember 1957 von Dekan Max Weinmann und Ewald Merkle eröffnet. Bis zum September 1992 leiteten die Ordensschwestern der Benediktinerinnen von der Heiligen Lioba das Heim. Dieser Orden gab der Einrichtung auch ihren Namen. Im Oktober 1997 zogen sich die Ordensschwestern aus dem Heimalltag zurück. 2004 wurde die Einrichtung um das betreute Wohnen erweitert, die seit Ende der 90er Jahre bestehende „Tagespflege“ fand im Tagesstüble neue größere Räume. Mit dem Café Marie in der Marie-Curie-Straße unterhält St. Lioba eine zweite Tagespflegeeinrichtung für Senioren. Im Pflegeheim in der Roten Gasse gibt es 128 Plätze, in der Tagespflege 34 Plätze. (tri)

Nach dem Krieg mit riesengroßem Mut

Das Pflegehaus in der Südstadt:

  • Die Zustände damals: Nach Ende des Kriegs darbten in Villingen die Menschen. Es gab nur ein Altenheim, und zwar das von Vinzentinerinnen geleitete Heilig-Geist-Spital. Es befand sich in den Obergeschoss-Räumen des ehemaligen Franziskanerklosters, dem heutigen Konzerthaus. Der Altenhilfeverein St. Elisabth kümmerte sich damals ambulant um die Versorgung vieler gebrechlicher Menschen, die im „Spittel“ keinen Platz gefunden hatten.
  • Merkle,Brachat und Haas: Als die alten Villinger anpackten, kam auch der Bereich Altenpflege voran. Villingens alter Münsterpfarrer und Dekan Kurt Müller beschreibt die ersten Schritte so: „Um der allgemeinen Not abzuhelfen, wurden von 1947 an in der Erzdiözese Freiburg katholische Volksbüros eingerichtet, und in Zusammenarbeit mit dem kath. Männerwerk begann eine Bauhilfesammlung. Im Raum der Dekanate Villingen, Kinzigtal und Geisingen wurde der eben aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Ewald Merkle beauftragt, diese Aktivitäten zu koordinieren. Ohne Büro, ohne Gehalt, am Anfang ohne Fahrzeug versuchte er, aus Nichts Hilfe zu organisieren.“ Zur Erinnerung: Es war eine Zeit, in der es kaum Nahrungsmittel gab, Villinger plünderten Kohlezüge der Franzosen am Bahnhof aus und brachen aus reiner Not in den Kasernen ein, um für das Überleben Nahrungsmittel zu stehlen.
  • Mit der Kirche: Kurt Müller berichtet weiter, es war nach der Währungsreform 1948: „Schon damals war die Dringlichkeit eines neuen Altenheimes allen bewußt. Ewald Merkle, Karl Brachat und Albert Haas begannen mit Überlegungen und Plänen. Dann das Hindernis der Finanzierung: Da die Baugenossenschaft keine Zuschüsse erhalten konnte, trat mit Dekan Weinmann die katholische Gesamtkirchengemeinde auf den Plan.
  • Der Name: Während der Bauphase konnten in vielen Verhandlungen Benediktinerinnen von der Heiligen Lioba aus dem Mutterhaus in Freiburg Günterstal für die Führung des Hauses gewonnen werden. Daher wurde dem neuen Altenheim auch der Name St. Lioba gegeben. Der Name der Schwesterngemeinschaft und des Altenheims erinnert an die Heilige Äbtissin Lioba, eine Verwandte des Heiligen Bonifatius, die im 8. Jahrhundert in Tauberbischofsheim wirkte. Gesamtkosten von 1,65 Millionen Mark.
  • Ein besonderer Ort: Am 17. November 1957 benedizierte Dekan Weinmann die Hauskapelle, die zwar sehr klein, aber kostbar ausgestattet war. Ihr Schmuck waren die fünf gotischen Figuren von Hans Sixt von Stauffen, die aus dem Kloster Amtenhausen stammen. 1971 wurden die Plastiken ins städtische Museum als Leihgaben der Münsterpfarrei übergeben und in St. Lioba durch Kopien von Klaus Ringwald ersetzt. (tri)