Gebannt hörten 600 Gäste Axel Petermann, einem der führenden Fallanalytiker Deutschlands und Berater der ARD-Tatort-Sendungen, zu, als dieser am Dienstag beim VS-Forum des SÜDKURIER in der Neuen Tonhalle in Villingen von den spektakulärsten Fällen seiner Karriere erzählte: Verstörend verwüstete Tatorte, teils bis zur Unkenntlichkeit entstellte Opfer und aufwühlende Täterbiografien gehörten zum täglichen Geschäft des mittlerweile pensionierten Kriminalisten. Trotzdem wirkte der 64-Jährige nahbar, humorvoll und sorgte so dafür, dass die konzentrierte Stille im Zuschauerraum bisweilen von erleichtertem Lachen und amüsierten Zwischenrufen unterbrochen wurde.

Entsprechend leichtfüßig gab Petermann auch Einblicke in sein Privatleben – das stets von seinem Beruf beeinflusst worden war. „Ich bin nachdenklicher geworden“, gestand der gebürtige Bremer dabei im Gespräch mit SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz, als es darum ging, wie sehr dieses Metier einen Menschen prägt. „Im Privaten bin ich genauso blauäugig wie jeder andere auch“, sagte der Kriminalist. „Es gibt aber einiges, über das ich sehr viel nachdenke.“

Podcast vom Vortrag von Axel Petermann

Dateiname : VSF022 Axel Petermann Vortrag
Dateigröße : 107.51 MBytes.
Datum : 09.11.2016
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Dateiname : VSF023 - Interview mit Axel Petermann
Dateigröße : 21.92 MBytes.
Datum : 11.11.2016
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Bis heute gingen ihm manche Fälle nicht aus dem Kopf. Etwa der Mord an zwei Frauen in zwei Vororten von Bremen: Beide lebten nur 60 Kilomter voneinander entfernt. Beide starben in der gleichen Nacht, innerhalb kurzer Zeit. An beiden Tatorten fanden sich die gleichen Spuren. Als der Kriminalist in Ruhestand ging, war noch unklar, was vorgefallen war. Ob der Profi weiterhin an diesen Fällen arbeite, wollte Lutz daraufhin wissen. „Nein, das überlasse ich den anderen“, sagte Petermann und blickte für einen kurzen Moment ins Leere.

Einen Eindruck davon, welche Szenarien den Mann mit dem kinnlangen weißen Haar und dem Schnauzer erwarteten, wenn er einen Tatort betrat, gab er mit einer Auswahl von Bildern, die Leichenfunde dokumentierten: Der an seinen tödlichen Stichwunden verbundene und im Bett – umringt von seinen geliebten Kuscheltieren – aufgebahrte Mann, der von seiner Mutter getötet worden war. Die unendlich lang wirkende Blutspur, die von der Tiefgarage eines Wohnhauses in einen kleinen Nebenraum zum Leichnam einer brutal hingerichteten jungen Frau führte. Trotz ihrer Grausamkeit wirkten diese Tatort-Fotografien erträglich – kommentiert von der ruhigen Stimme Petermanns.


Dennoch: Am Ende seines Arbeitsalltages zu Hause nicht mehr an den aktuellen Fall zu denken, sei für den Ermittler unmöglich gewesen – erst recht, als er noch am Anfang seiner Karriere mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern im Stadtzentrum Bremens gelebt hatte. „Da, wo auch die Täter und Opfer wohnten, mit denen ich mich später beschäftigte“, wie er sagt. Dass der Kriminalist – ebenso wie seine Frau – beim Spaziergang durch die Stadt auch mal von der Mutter eines verurteilten Mörders angesprochen wurden, sei nicht selten gewesen. „Als dann mitten in der Nacht eine nackte Prosituierte bei uns klingelte, die auf der Flucht vor einem gewaltbereiten Freier war, hatte meine Frau genug.“ Die Familie zog kurze Zeit später an den Stadtrand. Seine Arbeit blieb die gleiche.

Das Schreiben seiner Bücher habe ihm geholfen, seinen Arbeitsalltag zu verarbeiten, sagte Petermann. Drei hat er bislang verfasst, sein letztes, Der Profiler, erschien im Sommer 2015. Längere Zeit habe dieses Buch auf seinem Nachttisch gelegen, sagte Stefan Lutz. „Dann habe ich aber gemerkt, dass es sich wirklich nicht dazu eignet, um sich in den Schlaf zu lesen.“ Ein Geständnis, das Petermann amüsierte. „Ich schlafe nicht viel“, gab der SÜDKURIER-Gast zu. „Ich gehe mit den Gedanken an einen Fall ins Bett und wache damit wieder auf. Das ist schon okay“, sagte Petermann und lachte – wie so oft an diesem Abend.