In dem zum Teil politisch vergifteten Klima zwischen Erdogan-Gegnern und -Befürwortern und den Spannungen zwischen der türkischen und deutschen Regierung setzt die Alevitische Gemeinde von Villingen-Schwenningen ein mutiges politisches Zeichen. In einer öffentlichen schriftlichen Stellungnahme distanziert sich die örtliche türkisch-islamische Glaubensgemeinschaft der Aleviten vom türkischen Staatspräsidenten und legen ein klares Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung ab.

In der vom Vorstand der Alevitischen Gemeinde und Kulturzentrum Villingen-Schwenningen und Umgebung e.V. (VSAKM Cem Haus) unterzeichneten Stellungnahme an die "Damen und Herren der freien Presse in Deutschland" heißt es unter anderem:

"Wir als Alevitische Gemeinde und Mitglied der AABF (Alevitische Gemeinde Deutschland) verfolgen aufmerksam und mit großer Sorge die Geschehnisse in unserem Umfeld." Der Verein distanziere sich ausdrücklich von den Äußerungen und den Nazi-Vergleichen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen Ministerpräsidenten. Die Gemeinde und deren Mitglieder definieren sich, so heißt es weiter, "als deutsche Aleviten und bekennen uns ausdrücklich zu der Freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne des Art. 21 II GG."

Die Verhaftung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sehen die Aleviten "als willkürlichen Akt und lehnen jeglichen Eingriff in die Pressefreiheit strikt ab." Der Verein betont: "Die gesellschaftliche Integration unserer Mitglieder und die Teilhabe am öffentlichen Leben wird von uns gefördert und als eines der Ziele unserer Vereinsarbeit angesehen."

Außerdem stellt der Verein fest: "Wir sind gegen ein Präsidialsystem, wie sie der Staatspräsidenten Erdogan beabsichtigt. Die Gemeinde arbeitet aktiv daran, dass unsere Mitglieder mit türkischer Staatsangehörigkeit für ein „Nein“ in diesem Referendum stimmen. Seien sie versichert, dass unsere Mitglieder die Freiheiten, welche sie hier genießen und schätzen, zu verteidigen wissen."

Die Alevitische Glaubenslehre lehne jegliche Gewalt, Unterdrückung sowie religiösen Fanatismus entschieden ab. Sie akzeptiere jeden Menschen ungeachtet seines Geschlechtes oder Orientierung, seiner Herkunft oder seines Äußeren als gleichwertigen Menschen. Im Zentrum des alevitischen Glaubens stehe der Mensch als eigenverantwortliches Wesen. In der alevitischen Lehre sei die Seele eines jeden Menschen unsterblich, sie strebt durch die Erleuchtung die Vollkommenheit mit Gott an. Dies erreiche man durch Nächstenliebe, Geduld, Bescheidenheit sowie andere gute Werte, die im öffentlichen Leben gezeigt und unbedingt angewendet werden müssten. Die Aleviten haben keine Moscheen, sondern praktizieren ihre Rituale in ihren Gemeindehäusern, dem „Cem Haus“.

Die Aleviten distanzierten sich daher von Auslegung des Islam, "wie sie die AKP Regierung des Staatspräsidenten Erdogan vertritt und unseren Brüdern und Schwestern in der Türkei aufzwingen möchte". Seit Jahrhunderten versuchten die Osmanen und deren Nachfolger, die türkische Regierung, die Aleviten "gezielt zu assimilieren und zu vernichten". Abschließend heißt es: Das Cem Haus der Gemeinde stehe jedem Bürger, der sich zu der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bekennt und keine radikale Weltanschauung vertritt, zum Dialog offen.