Wie auf einer Blumenwiese riecht es am Dienstagnachmittag am Münsterzentrum. Auf mehreren Tischen vor dem Gebäude liegen frische Kräuter verteilt: Goldrute, Schafgabe, Lavendel und andere Pflanzen werden dort von vielen helfenden Händen zu Kräuterbüscheln zusammengebunden. Die über 20 Helferinnen der Frauengemeinschaft des Münsters in Villingen treffen sich jedes Jahr vor Maria Himmelfahrt, um die Büschel für den Gottesdienst zu binden.

"Von meiner Kindheit kannte ich diesen Brauch noch", sagt Margarethe Säger. Damals seien die Kräuterbüscheln vor dem Gottesdienst verteilt und gesegnet worden. "Dann wurden sie mit nach Hause genommen, wo sie aufgehängt und getrocknet wurden", erklärt sie. Doch dann geriet der Brauch in Vergessenheit. Erst Ende der 70er-Jahre kam er, angeregt durch Margarethe Säger, wieder nach Villingen. Seitdem bindet sie jedes Jahr Kräuter und gibt ihr Wissen an andere Frauen weiter. "Die Kräuter kommen aus Gärten und der freien Natur", erklärt sie. Lediglich die Rosen werden von der Frauengemeinschaft gekauft.

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Unterstützt wird Margarethe Säger seit über zehn Jahren von Uschi Schwert, die sich über die steigende Beliebtheit des Brauches freut. "Es werden jedes Jahr mehr Helferinnen, obwohl der Termin mitten in der Ferienzeit liegt", sagt sie. Allerdings sei das Sammeln der Kräuter schwieriger geworden. "Durch die dichte Bebauung, den Dünger der Landwirtschaft und die aktuelle Hitze finden wir manche Pflanzen gar nicht mehr", sagt Schwert. Goldrute, Wilder Thymian, Frauenmantel oder verschiedene Minzearten seien deshalb nur noch schwer zu kriegen. "Die erforderlichen sieben Kräuter kriegen wir dieses Jahr aber zusammen", sagt Margarethe Säger.

"Durch das Kräuterbinden entsteht eine Gemeinschaft." So erklärt sich Uschi Schwert die steigende Beliebtheit des Brauches. "Es macht außerdem Spaß und ist schön, wenn die Leute mit Körben voll Kräuter zu uns kommen", sagt sie. Bis zum Abend sollen über 300 Büschel gebunden werden, die dann in der Kirche gegen eine Spende verteilt werden. "Der Erlös kommt unserer Kirchenglocke zugute. Die benötigt eine Restaurierung", sagt Uschi Schwert.

Margarethe Säger (links) und Uschi Schwert koordinieren das Kräuterbinden.
Margarethe Säger (links) und Uschi Schwert koordinieren das Kräuterbinden. | Bild: Kipar, Sandro

Hintergrund des Brauchs ist eine katholische Erzählung: Die Jünger Jesu besuchten und öffneten das Grab der Gottesmutter Maria. Dort fanden sie jedoch nur duftende Kräuter, Lilien und Rosen vor. In der Bibel selbst wird dies allerdings nicht erwähnt. In der Katholischen Kirche wird der Brauch vor allem als Ausdruck für die Achtung vor der Schöpfung und der Heilkraft der Kräuter gesehen.

Der Gottesdienst mit Segnung der Kräuterbüschel findet am 15. August um 9.30 Uhr im Münster in Villingen statt.