Es gibt Tage, an denen wünscht sich Jessia Twitchell, wenn sie in den Spiegel schaut, mehr Falten. Das sind dann die Tage, an denen in ihrer Kölner Werkstatt eine neue Morbili Scheme auf ihren verschmitzten, altersweisen Gesichtsausdruck wartet. Twitchell behilft sich dann entweder mit Grimassen oder beginnt, andere Menschen genauer zu beobachten. "Plötzlich findet man Falten interessant und schön", sagt sie und muss selber ein wenig darüber lachen.

Wie der Fastnachts-Goascht nach Köln kam

Jessica Twitchell ist 36 Jahre alt und eine von einer Handvoll Frauen, die in Deutschland Schemen schnitzt. Twitchell ist gelernte Bildhauerin. Schemen schnitzt sie erst seit ein paar Jahren. Ihr Lebensgefährte, Thomas Straub, hat sie darauf gebracht. Er hat den Narro für den Narrobrunnen geschnitzt.

Er weiß, was Fastnacht in Villingen bedeutet und er hat den Fasnet-Goascht nach Köln mitgenommen. Und irgendwann dachte Twitchell, Schemenschnitzen, das ist doch kein Hexenwerk. "Das krieg ich doch auch hin." Das war 2013. Heute braucht sie für eine Scheme, vom Sägen bis zur Fassung, rund 50 Stunden – für ihr erstes Morbili brauchte sie fast doppelt so lang. Sie arbeitet dabei nicht am Stück. Innerhalb von ein paar Tagen schnitzt sie die Scheme aus, dann folgen mehrere Ölschichten, also auch mehrere Trockenphasen.

Inzwischen hat sie so rund 15 Schemen geschnitzt. Narro, Morbili, Stachi und Alt-Villingerin. Jede neue Scheme ist wie ein neues Kennenlernen. Eine neue Falte, ein neuer Augenaufschlag, ein neues, spöttisches Grinsen. Irgendwann, sagt sie, bekommt man ein Gefühl dafür, wie man vorgehen muss, damit man den Ausdruck verändern kann.

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"Der Narro", sagt sie, "ist der Schwerste". Er verzeiht nicht den kleinsten Fehler. Beim Morbili oder bei der Alt-Villingerin gibt es mehr stilistische Möglichkeiten. "Da kann man auf Kundenwünsche eingehen." Beim Narro hält sie sich an die Klassiker. Dominikus Ackermann, der Ölmüller, hat die einst vor über hundert Jahren gestaltet, so soll sie auch heute noch aussehen.

Lob vom Kollegen

Beim diesjährigen Schemeobed der Zunft hat Twitchell ihre Masken zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Ein bisschen nervös war sie auch. "Man kann sich dort gut vergleichen", sagt sie. Und vor allem kann man sehen, ob die eigenen Schemen gut ankommen. Glaubt man dem, was die anderen sagen, kann sie beruhigt sein. "Was ich gesehen habe", sagt Oliver Mauch, bekannter Schemenschnitzer aus Villingen, "war sehr gut".

Rund 20 Schemenschnitzer werden es sein, schätzt Mauch, die für die Historische Narrozunft in Villingen Masken herstellen. Die meisten sind Männer, lediglich zwei Frauen fallen ihm auf Anhieb ein, eine davon ist Twitchell. Vielleicht, sagt er, liegt es daran, dass es mitunter auch körperlich anstrengend ist, das Schemenschnitzen.

Was schief gehen kann

Ein Bildhauer redet nicht gern über seine Verschnitzer. Schon gar nicht, wenn es um das Heiligtum der Fastnacht geht. Dennoch gibt es sie, die typischen Fehler. Einer davon: Beim Aushöhlen zu dünn geworden.

Die Hinterschneidungen, beim Morbili beispielsweise die Falten um die Augen, sollten unter fünf Millimeter sein. "Da kann es schon mal vorgekommen sein, dass ein Span zu viel abgeschnitten wurde", sagt sie. Beim Morbili kann man das noch richten. Beim Narro sähe das schon anders aus.

Wenn die Anspannung abfällt

Der Moment, wenn die erste Lackschicht drauf ist, ist der Moment, in dem Twitchell das erste Mal erleichtert durchatmet. "Jetzt ist alles gut", denkt sie dann. Das gilt für Narro, Morbili und Stachi gleichermaßen.

Twitchell kommt ursprünglich aus Nordheim vor der Rhön. Sie hat in Bischofsheim eine Ausbildung zur Holzbildhauerin absolviert und Bildhauerei studiert, war die erste Frau, die zum Abschluss eine Auszeichnung erhalten hat, sie hat in Karlsruhe und Bayreuth gelebt, bevor sie vor sieben Jahren mit ihrem Lebensgefährten nach Köln zieht. "In Köln", sagt sie, "ist der Karneval ein Massenphänomen geworden. Es vergeudet sich ein bisschen."

Das Besondere an der Villinger Fasnet

In Villingen sei das anders. "Hier hatte ich das Gefühl, dass es alles noch eine spezielle, eigentümliche Stimmung hat. Die Atmosphäre ist einfach toll. Und wenn dann noch gestrählt wird, ist das einfach schön." Twitchell geht an der Fasnet in Villingen auch ins Häs. "Als was ich gehe, variiert", sagt sie. Unveränderlich hingegen ist das Gefühl, eine ihrer Schemen selbst zu tragen. "Es ist ungewohnt, dass man aus der Scheme raus schaut", sagt sie. "Anstatt als Bildhauerin auf die Scheme draufzuschauen."

In einer früheren Version des Artikel hieß es, dass Twitchell aus Bischofsheim in der Rhön stammt. Twitchell kommt jedoch aus Nordheim und hat lediglich ihre Ausbildung zu Holzbildhauerin in Bischofsheim absolviert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.