Eigentlich hätte es ein längerer Spaziergang werden sollen. Durch die Natur schlendern und dabei nach heilsamen und schmackhaften Kräutern Ausschau halten, das war der Plan für den Termin mit Kräuterpädagogin Jeanette Becker aus Schwenningen. Doch es kam ein wenig anders. Nicht einmal 100 Meter nach dem Start war bereits das Ende der Strecke erreicht. Eine Stunde war bis dahin vergangen, der Notizblock voll mit Pflanzenkunde, Pflanzennamen und deren interessanten Eigenschaften.

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Kaum zu glauben, dass es im Kräutergarten von Mutter Natur auch jetzt noch so viel zu entdecken gibt. Wo viele Menschen nur Unkraut und grüne Wiese erkennen, kann die 39-Jährige einen Kräuterschatz nach dem anderen bestimmen. Es sind auch einige Bekannte dabei, die vielen Menschen ansonsten eher ein Dorn im Auge sind.

Bild: Fröhlich, Jens

Jahreszeiten: Frühling und Sommer sind die üppigsten Monate für Kräutersammler. Aber auch im Herbst und sogar im Winter ist es möglich, einen Kräutervorrat anzulegen. Jede Pflanze hat ihre Jahreszeit. Manche können in verschiedenen Wachstumsstadien verwendet werden. Beim Holunder lassen sich im Frühjahr die Blüten für einen Auszug oder etwa Tee verwenden. Später im Jahr sind die schwarzen Beeren erntereif für Saft und Marmelade.

Hier waren die Vögel schneller: An diesem Strauch hängen kaum noch Holunderbeeren.
Hier waren die Vögel schneller: An diesem Strauch hängen kaum noch Holunderbeeren. | Bild: Fröhlich, Jens

Jetzt im Herbst ist die Bestimmung schwieriger, da kaum noch Blüten zu sehen sind. Unmöglich ist es aber nicht. Selbst bei Führungen im Winter findet Becker immer noch verwertbare Kräuter unter der Schneedecke.

Lieblingspflanzen: Hunderte verschiedene Arten wachsen am Wegesrand. Viele davon kann Jeanette Becker ohne Hilfsmittel bestimmen. Vier Gewächse haben es ihr am meisten angetan. Das ist zum einen die Brennnessel, die viele Menschen nur als Unkraut wahrnehmen. Eine ähnlich kräftige Pflanze sei die Schafgarbe, die sie zu Tee verarbeitet. Daneben stehen auch Gundermann und Johanniskraut auf ihrem Treppchen.

Brennnessel: Am Treffpunkt am Parkplatz nahe dem Schwenninger Moos wuchert bereits das erste Lieblingsgewächs der Expertin.

Ganz oben kann man die Brennnessel gefahrlos festhalten um mit der anderen Hand die frischen Blätter ernten.
Ganz oben kann man die Brennnessel gefahrlos festhalten um mit der anderen Hand die frischen Blätter ernten. | Bild: Fröhlich, Jens

Fast überall wachsen Brennnesseln. Was viele schon selbst bei einer Berührung zu spüren bekommen haben, ist die Ameisensäure in den Nesseln. Damit schützt sich die Pflanze vor Fraßschäden.

Brennnesseln wuchern fast das ganze Jahr über.
Brennnesseln wuchern fast das ganze Jahr über. | Bild: Fröhlich, Jens

„Brennnesseln haben auch viele wertvolle Inhaltsstoffe“, schwärmt Becker. Sie sammelt die Blätter der Jungpflanzen, die noch frisch und nicht größer als fünf Zentimeter sind. Diese werden getrocknet und als Tee verwendet, der stark entwässernd wirkt. Sie schmecken zudem im Salat – vorher walzen – und als Spinatersatz. „Zusammen mit Salz und Öl kann auch leckeres Pesto zubereiten“, so Becker. Sogar die Samen sind essbar. Getrocknet und leicht in der Pfanne angeröstet schmecken sie nussig, im Müsli und in Salaten.

Brennnesselsamen im Glas.
Brennnesselsamen im Glas. | Bild: Fröhlich, Jens

Brennnesseln wirken harntreibend und sind Bestandteil vieler Tees zur Entschlackung, gegen Rheuma, Gelenk- und Hauterkrankungen sowie bei Gicht, Gallen- und Leberbeschwerden. Tipp für Gartenbesitzer: Brennnesseljauche wirkt gut gegen Blattläuse.

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Gänsefingerkraut: Nur wenige Meter weiter findet Becker Gänsefingerkraut im dichten Grün, gut erkennbar an den gefiederten Blättern und der silbernen Blattunterseite. Als Tee und in Salben soll es gegen Rückenleiden, bei Rheuma, Gicht und Darmkrankheiten helfen. Direkt daneben wachsen mit Ampfer und Frauenmantel zwei weitere Heilkräuter.

Video: Fröhlich, Jens

Wegerich: Wenige Schritte weiter wird Becker erneut fündig. Ein mittlerer Wegerich mit seinen breiten, behaarten Blättern sowie ein Spitzwegerich stehen dicht beieinander. Die Pflanzenteile können innerlich und äußerlich angewendet werden. Als Tee zubereitet helfen sie bei Husten. Zerdrückte Blätter lindern Mückenstiche. Auch die Wundheilung soll gefördert werden.

Spitzwegerich
Spitzwegerich | Bild: Angelina Sortino

Wilde Möhre: Vorbei an Gänseblümchen und Hagebutten taucht eine wilde Möhre auf. Diese Urform ist vor allem am typischen Möhren-Geruch bestimmbar und die junge Wurzel kann man gut essen. Aber Vorsicht: Die Pflanze ähnelt anderen weißen, giftigen Doldenblütlern: Giersch, Hundspetersilie, gefleckter Schierling und Bärenklau. Neben dem Geruch kann die Pflanze durch ein weiteres typisches Merkmal bestimmt werden: Ein kleiner schwarzer Punkt in der Mitte der Blütendolde.

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Unkraut: An nahezu allen Fundorten wächst immer auch Löwenzahn. Das „Super-Unkraut“ aller Gartenbesitzer hat aber auch viele positive Eigenschaften, weiß Becker. „Junge Blätter schmecken im Salat. Presssaft aus Blättern ist gut für Leber und Verdauung“, nennt sie einige Anwendungsbeispiele. Die Pflanze soll zudem die Blutreinigung fördern und gegen Gelenkablagerungen helfen. Ein Tee aus der Wurzel regt die Nierenfunktion an.

Kein Unkraut: Auch Löwenzahn kann als Heilpflanze verwendet werden.
Kein Unkraut: Auch Löwenzahn kann als Heilpflanze verwendet werden. | Bild: Fröhlich, Jens

Ähnlich unbeliebt bei Gärtnern ist Rotklee. Ihm wird eine heilende Wirkung bei Keuchhusten und bei Hautproblemen zugeschrieben, zum Beispiel bei Schuppenflechte. Getrockneten Blüten können einfach als Tee zubereitet werden.

Rotklee gehört zu der Familie der Schmetterlingsblütler.
Rotklee gehört zu der Familie der Schmetterlingsblütler. | Bild: Fröhlich, Jens

Gundermann: Mit einem weiteren Lieblingskraut der Kräuterpädagogin endet der Spaziergang. Becker entdeckt Gundermann im Gras, der sich unscheinbar am Boden entlang schlängelt – auch im Winter. „Die Pflanze wirkt entzündungshemmend“, so Becker. Außerdem kann Gundermann bei schlecht heilenden, eitrigen Wunden, bei eitriger Bronchitis, Harnwegserkrankungen oder bei Schnupfen Linderung verschaffen. Das Gewächs mit einem starken Eigengeruch ist auch als Würzkraut beliebt. Oder als „Wiesen-After-Eight“, so Becker. Ihr Rezept für Naschkatzen: Die frische Blätter einfach in flüssige Kuvertüre tauchen und abkühlen lassen.

Gundermann-Blätter
Gundermann-Blätter | Bild: Fröhlich, Jens

Regeln: „In Naturschutzgebieten darf man keine Pflanzen sammeln“, erklärt die 39-Jährige. Auch sollte man darauf achten, dass man nicht auf Privatgrundstücken nach Kräutern sucht, ohne vorher die Erlaubnis eingeholt zu haben. Auf öffentlichem Gelände ist in etwa die Menge eines Handstraußes für den privaten Verbrauch erlaubt.

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Es sei darauf zu achten, Pflanzen nicht nur an einer Stelle, sondern an mehreren Standorten zu sammeln. Auch bei Kräutern gibt es, wie bei Pilzen, giftige Exemplare. Sammler sollten also nur mitnehmen, was sie exakt bestimmen können. Eine Kur oder eine Selbstbehandlung mit Kräutern sollte immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen, um mögliche Risiken zu vermeiden.

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