Ein bisschen Skepsis, aber auch viel Neugier sind im Vorfeld zu spüren: Wie denn soll im Villinger Franziskaner ein Konzert möglich sein, das den Fokus auf Musik für Orgel richtet? Gibt es doch in diesem Konzerthaus gar keine Orgel! Des Rätsels Lösung lieferten der Organist Christian Schmitt mit einem softwaregesteuerten Orgelspieltisch samt zwei Säulenlautsprechern und die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter der Leitung ihres Gastdirigenten David Reiland.

Essen ist überall

Das in den Niederlanden von der Firma Mixtuur gebaute Instrument ist ein verblüffendes, für manch einen Hörer aber auch irritierendes Produkt des Zeitalters der Digitalisierung. In diesem Fall bedeutet das konkret: Jede der 4500 Pfeifen der Kuhn-Orgel, die mit ihren 62 Registern in der Philharmonie Essen steht, wurde zunächst klanglich eins zu eins mit einem elektronischen Aufnahmeverfahren kopiert. Anschließend wurden die gewonnenen Daten mit Hilfe einer speziellen Software namens Hauptwerk wieder so kombiniert, dass von einem transportablen Spieltisch aus an jedem beliebigen Ort ein Klangbild erzeugt werden kann, wie es im Original in Essen zu hören ist.

Zwei besondere Werke

Nun ist es also möglich, dass im Franziskaner zwei Werke aufgeführt werden, die in der neueren Musikgeschichte einen besonderen Stellenwert besitzen: das 1938 vollendete Konzert für Orgel, Streicher und Pauken in g-Moll von Francis Poulenc sowie die Sinfonie Nr. 3 in c-Moll von Camille Saint-Saens aus dem Jahr 1886, auch Orgel-Sinfonie genannt.

Ebenbürtige Interpretation

Das Werk von Poulenc ist zwar nur einsätzig, variiert aber permanent und kontrastreich etwa in den Tempi, den Klangfarben oder der Rhythmik. Bei der Niederschrift ließ sich Poulenc vermutlich von zwei Absichten leiten: die unzähligen Klangwirkungen der Orgel zeitgemäß hören zu lassen und der Pauke einen Rang auch als Soloinstrument einzuräumen. Christian Schmitt versteht sich auf das sacht fließende Legato oder das sensible Ausspielen feiner Melodielinien ebenso wie auf die abrupte Attacke und den klangintensiven, höchst erregten Ausdruck. Die Pauke und das gesamte Orchester sorgen für eine ebenbürtige Interpretation.

Brillante Geschmeidigkeit

Bei seiner sich unmittelbar anschließenden Zugabe präsentiert sich Schmitt mit imponierender Virtuosität. Die Fuge in d-Moll, die auf die berühmte Toccata von Johann Sebastian Bach (BWV 565) folgt, ist geprägt durch enormes Tempo, hohe Transparenz und eine brillante Geschmeidigkeit über die drei Manuale hinweg.

Beifall ohne Ende

Seine nicht minder hohen Qualitäten lässt die Württembergische Philharmonie besonders in der Orgel-Sinfonie von Saint-Saens vernehmen. Sie erfordert zusätzlich zur Orgel ein mächtiges Aufgebot an Instrumenten einschließlich Bassklarinette, Kontrafagott, großer Trommel und Klavier. David Reiland führt die engagiert zur Sache gehenden Musiker mit viel Übersicht, mit Kraft und einer dezidierten, präzisen und außerordentlich dynamischen Geste.

Das Orchester folgt ihm sehr geschlossen, pflegt in den langsameren Partien ein warmes Klangbild, beherrscht aber auch die tadellose Trennschärfe der strammen Rhythmik und des Presto-Tempos. Zusammen mit Schmitt ergibt sich ein Klangereignis, das etwas von Ekstase an sich hat. Der Beifall will kaum enden.