Das Stück "Warten auf Godot" ist ein Wagnis, für Regie und Schauspieler ebenso wie für das Publikum. Dieser Klassiker des absurden Theaters ist alles andere als zugänglich. Und kann, wenn missverstanden, leicht in ein Fahrwasser geraten, das nur seicht philosophisch oder, schlimmer noch, zum trüben Klamauk gerieren kann.

Dazu kommt eine wortreiche Sprache, die selten einem sinnvollen Muster folgt und damit eine Herausforderung selbst für gestandene Schauspieler ist. Dieses Textungeheuer so zu bändigen, dass es dennoch einen Sinn ergibt, gehört zu den großen Leistungen der darstellenden Kunst.

Ein echter Hingucker

Allein deshalb gebührt der aktuellen Inszenierung des Theaters am Turm, die jetzt Premiere feierte, echte Anerkennung. Und sie ist, rein vom Bühnenbild (Matthias Breithaupt, auch Regie) her betrachtet, ein echter Hingucker. Drei gewölbte Himmelsbilder mit Schäfchenwolken stehen als Paravent im Hintergrund, der Boden ist ebenso wolkig bemalt, eine Felsendekoration und ein dürres Bäumchen komplettieren die Wüste.

Während das Publikum noch die Stühle sucht, sitzt ein Mann mit extrem struppigem Vollbart (Tobias Hess als Estragon mit Mut zur Hässlichkeit) auf einem der Steine und harrt aus. Dazu tröpfelt Saties Gymnopedie aus den Lautsprechern.

Ja, man kennt dieses melancholische Klaviergeklimpere, eine Versicherungsgesellschaft nutzt das Stück für TV-Werbekampagnen, um die Menschen von einem abgesicherten Leben zu überzeugen.

Unsicher das Publikum

Unsicher allerdings ist das Publikum, wann denn das Stück nun beginnt, denn da vorne auf der Bühne passiert die ersten Minuten nichts weiter, als dass der Penner versucht, einen Schuh auszuziehen.

Ein zweiter Mann betritt die Bühne (Ercan Özmen mit Bäuchlein als Wladimir), die beiden beginnen sofort einen mehr oder weniger unsinnigen Dialog. Dabei stellt sich heraus, dass sie warten. Auf einen gewissen Godot. Sie warten, bis der verbittert-boshafte und selbstgefällig Pozzo (Rupert Kubon) mit seinem willenlosen Sklaven Lucky (Patrick Wehrstein) dazu stößt, eine Weile bleibt und sich wieder entfernt.

Die Suche nach dem Sinn

Und damit ist im Grunde das Stück erzählt. Denn zwischen dem Anfang und dem Ende geschieht eigentlich nichts. Nichts, das einen Sinn ergeben, nichts, was Einblick in die Beweggründe der Figuren, ihren Werdegang, ihr Kommen oder Gehen geben würde.

Was diesen Raum, dieses Nichts füllt? Vielleicht der Sinn, den man als Zuschauer in seinem eigenen Leben findet. Oder eben nicht.

Allerdings kann dieses "Füllen" nur dann geschehen, wenn das Stück auch entsprechend inszeniert und gespielt wird. Dazu braucht es Schauspieler, die sich ganz in den Dienst der Kraft stellen, die das Theater, insbesondere bei Stücken jenseits des Gefälligen und Gewohnten, entfalten kann.

Denn es gibt sie, die Kraft des Theaters, die, wenn einmal geweckt, den Betrachter nicht mehr nur Konsument, sondern zu einem Teil des Geschehens werden lässt.

Die Leistung der Schauspieler

Tatsächlich gelingt es vor allem Tobias Hess, der sich seiner Rolle zu ergeben weiß, und Ercan Özmen, sobald dieser sein allzu gewolltes Gelaufe hin und her auf das Notwendige reduzieren kann, in ihrem gemeinsamen, auf Abhängigkeit beruhenden Spiel, diese Kraft zu beschwören. Insbesondere im zweiten Akt machen die beiden spürbar deutlich, was Samuel Beckett mit seinem "Warten auf Godot" ausdrücken wollte.

Wenn Estragon und Wladimir dabei ihr Handeln so reduziert und eingedickt haben wie eine gute Soße, beide in der absurden Sinnlosigkeit sind, statt sie zu spielen, berührt diese leise, lachend-weinende Verzweiflung, die sich mit dem "Godot" auftut.

Pozzos Gebrüll

Und wenn es Rupert Kubon gelänge, sich ebenfalls in den Dienst dieser Kraft zu stellen, indem er sich ein Beispiel an Patrick Wehrstein nähme, der allein durch seinen Augenausdruck und die fantastische Präsenz seiner Körperspannung ein wahrer Diener des Theaters ist, wenn es diesem Pozzo also gelänge, seine verzweifelte Boshaftigkeit nicht durch Gebrüll ausdrücken zu müssen, dann wäre dieses Stück ein erfüllendes Erlebnis, weit jenseits des Gefälligen.