VS-Villingen – Es war bereits dunkel in der Villinger Innenstadt. Dennoch tummelten sich am vergangenen Freitag zahlreiche Menschen in der Fußgängerzone, um Besorgungen zu machen, etwas zu essen, oder einfach, um zu bummeln. Die großen Kaufhäuser hatten noch geöffnet, kleine Händler schlossen bereits. Die Uhren an den Türmen und den Handgelenken zeigten 18.30 Uhr.

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Was viele der Passanten vermutlich nicht wussten ist, dass im Haus in der Oberen Straße 1, mitten in der Stadt, dort, wo am Freitagabend letzte Kleidungsstücke über die Ladentheke gingen, vor knapp 100 Jahren schon einmal ein Bekleidungsgeschäft ansässig war, damals eines der größten der Stadt.

Bild 1: Das Schicksal der Familie Boss interessiert nicht nur Erwachsene
Bild: Fröhlich, Jens

Hier verkaufte die jüdische Familie Boss erfolgreich Mode für Mädchen und Damen. Acht bis zehn Angestellte arbeiteten im Kaufhaus, das immer wieder mit besonderen Werbeaktionen auf sich aufmerksam machte. Ende der zwanziger Jahre soll es vom Erker aus ein Frühjahrskonzert für Bürger gegeben haben. Auch einen Verkaufssonntag gab es, was in einer alten Tageszeitung zu lesen war.

Bild 2: Das Schicksal der Familie Boss interessiert nicht nur Erwachsene
Bild: Fröhlich, Jens

Mitten in diesem abendlichen Treiben versammelten sich vor der Eingangstüre des Modegeschäftes rund 40 Menschen, um hier dem Schicksal der Familie Boss zu Gedenken.

Bild 3: Das Schicksal der Familie Boss interessiert nicht nur Erwachsene
Bild: Fröhlich, Jens

In der Mitte der Gruppe lagen vier Stolpersteine, die hier einmal verlegt werden sollen.

Bild 4: Das Schicksal der Familie Boss interessiert nicht nur Erwachsene
Bild: Fröhlich, Jens

Es war der zweite Teil einer Vortragsreihe unter freiem Himmel, die der SÜDKURIER zusammen mit dem Verein Pro Stolpersteine organisiert. Nach einem musikalischen Beitrag wurden die Biografien von Bertha, Edith, Adolf und Erwin Boss verlesen.

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Die Geschäfte der Familie liefen erst durch die Witrtschaftskrise und später aufgrund der Schikanen durch die Nationalsozialisten immer schlechter. Die Zahl der Kunden ging zurück. 1935 mussten die tüchtigen Geschäftsleute Josef Boss und seine Frau Bertha aufgeben und das Haus unter Wert verkaufen. Wie Wolfgang Heitner vom Verein Pro Stolpersteine in seiner einleitenden Ansprache verriet, starb Josef 1939 als gebrochener Mann in Stuttgart. Ihm blieb die Deportation in den Osten erspart, nicht so seiner Frau.

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Eine Gedenkminute und Musik vom Duo Hans Haller und Christine Dannert bildeten den besinnlichen Schlusspunkt. Einer der schönsten Momente ergab sich nach dem offiziellen Teil. Mehrere Kinder scharten sich zusammen mit dem Vereinsvorsitzenden Friedrich Engelke um die mit Rosen und Kerzen ausgelegten Stolpersteine.

Die Kinder löcherten ihn mit Fragen. „Warum sehen die Steine unterschiedlich aus?“, wollte ein Junge wissen. Bei zwei Steinen hatte Engelke die Messingplatten symbolisch aus Papier nachgebildet, da die richtigen Steine erst noch bei Künstler Gunter Demnig bestellt werden müssen. Warum eine alte Frau umgebracht wurde, fragte ein Mädchen, die zuvor genau zugehört hatte. Keine leichte Aufgabe, Kindern solch einen grausamen Sachverhalt zu erklären, der selbst für Erwachsene nur schwer begreifbar ist. Engelke nahm sich jedoch viel Zeit und freute sich über den Besuch der jungen Familien: „Meist sind bei solchen Veranstaltungen nur Erwachsene anwesend.“

Rückblick auf die erste Gedenkveranstaltung in der Gerberstraße

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