Die Spielanweisungen für die Aufführung von Barockmusik können leidenschaftlich klingen, zum Beispiel „in modo furioso“ oder „con tenerezza“. Sowohl das Furiose, das Hitzige, als auch das Zärtliche, das Hingebungsvolle, fanden im Villinger Franziskaner großartige musikalische Interpreten: die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann und das in Dresden beheimatete La Folia Barockorchester mit seinem künstlerischen Leiter Robin Peter Müller.

Regula Mühlemann signiert nach dem Konzert Programmhefte und ihre CDs.
Regula Mühlemann signiert nach dem Konzert Programmhefte und ihre CDs.

Im Zentrum des Konzertprogramms stand Kleopatra, die letzte Königin des ägyptischen Ptolemäerreiches aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Die Ausrichtung an geschichtlichen oder mythischen Figuren der Antike ist in der Welt der barocken Oper nichts Ungewöhnliches.

Klangschönes Timbre

Regula Mühlemann singt, begleitet von La Folia, Arien von sechs Barockkomponisten: Giovanni Legrenzi, Alessandro Scarlatti, Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel, Johann Adolf Hasse und Carl Heinrich Graun. Es ist Musik aus Opern, die zwischen 1681 und 1742 uraufgeführt worden sind. La Folia spielt im Wechsel hierzu Instrumentalmusik von Francesco Geminiani sowie von Vivaldi, Hasse und Graun. Hört man Regula Mühlemann singen – übrigens zwischen zwei Bühnenengagements an der Mailänder Scala -, wird einem rasch klar, wodurch sie sich in den vergangenen Jahren ihren ausgezeichneten Ruf erworben hat. Sie verdankt ihn ihrer klaren Stimme mit ihrem überaus klangschönen Timbre, ihrer ganz fein austarierten sängerischen Balance und technischen Virtuosität sowie ihrer emotionalen Intensität und Glaubwürdigkeit.

Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann (ganz rechts) und der Geiger Robin Peter Müller (ganz links) sorgen zusammen mit dem La Folia Barockorchester im Franziskaner für einen exquisiten Hörgenuss.
Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann (ganz rechts) und der Geiger Robin Peter Müller (ganz links) sorgen zusammen mit dem La Folia Barockorchester im Franziskaner für einen exquisiten Hörgenuss.

Dazu zwei betörende Beispiele. Die Arie „Quel candido armellino“ aus der Abendmusik „Marc‘Antonio e Cleopatra“ von Hasse beschreibt musikalisch den schmerzlichen Moment, in dem sich Kleopatra für einen Freitod in Würde entscheidet. Mühlemann gestaltet die Szene in wunderbar atmendem Gleichmaß, mit einfühlender Dynamik und einer ungemein dezenten Dramatik, die ergreifen. Einem vergleichbaren Augenblick widmet sich Händel in seiner Oper „Julius Cäsar„. Das einleitende Rezitativ „Was höre ich? O Gott!“ singt Mühlemann hochexpressiv. Die sich anschließende Arie, deren innere Spannung gesanglich lange gehalten werden muss, erfährt ein Höchstmaß an Sensibilität. Zu hören ist barocker Belcanto in idealer Reinform.

Spielerische Präzision

Was die musikalische Qualität betrifft, stehen der Barockgeiger Robin Peter Müller und die Instrumentalisten von La Folia in nichts nach. Sie eröffnen das Konzert mit „Aplomb“ – diesem vom ersten Ton an spürbaren, durch kraftvolle Selbstsicherheit geprägten Nachdruck, der unverzüglich beeindruckt. Die Sinfonia aus „Cleopatra e Cesare“ von Graun hat alles, was Barockmusik in historischer Aufführungspraxis faszinierend macht: energiegeladene Vitalität, musikhistorisch fundiertes Verständnis und absolute spielerische Präzision.

Viel Beifall für alle

Seine glänzende Virtuosität stellt Robin Peter Müller unter anderem beim Violinkonzert „Il grosso mogul“ von Antonio Vivaldi (RV 208) unter Beweis. Schwindelerregende Arpeggien sind für ihn ebenso wenig ein Problem wie Verzierungen der kompliziertesten Art, sein Kammerorchester folgt ihm vollkommen synchron bei jedem extremen Tempowechsel oder jeder effektvollen Pause. Es gibt begeisterten Beifall.