Von der Terrasse von Patricia Haas-Meusel hat man einen tollen Blick auf die Dächer und Baumkronen am Benediktinerring. Von hier aus hat sie auch den Unfall mitbekommen, bei dem Anfang Juni nur wenige Stunden nach dem Unfall eines 18-Jährigen ein 24-jähriger Motorradfahrer tödlich verunglückt war. "Ich habe das Aufheulen des Motorrads, das Kratzen von Metall auf der Straße, den Knall und dann die Ruhe gehört", erinnert sich Patricia Haas-Meusel an den Sonntagnachmittag.

Raserei ist ein häufiges Problem

So wie viele Bürger sind auch die Anwohner des Benediktinerrings tief betroffen von den beiden Todesfällen. In die Betroffenheit hat sich in den Wochen nach den Unfällen jedoch auch Unverständnis und Verärgerung über die Äußerungen von Polizei und Stadtverwaltung gemischt, wonach der Innenring nicht als Rennstrecke und Unfallschwerpunkt zu sehen sei.

Die Stadtverwaltung hatte nach dem Unfallwochenende mit zwei toten Motorradfahrern in einer Stellungnahme erklärt, dass es in der Vergangenheit und auch nach dem Wochenende keine objektiven Anhaltspunkte gebe, dass es sich bei Kloster- und Benediktinerring um Gefahrenstellen oder einen Unfallschwerpunkt handele. Ähnlich äußerte sich das Polizeipräsidium Tuttlingen in den Medien. Der betroffene Straßenabschnitt sei weder Rennstrecke noch Unfallschwerpunkt. Es gebe deshalb, so die Polizei, auch keinen Anlass für Geschwindigkeitsmessungen.

Drei Viertel Autos, ein Viertel Motorradfahrer

Mit diesen Äußerungen wollen sich die Anwohner jedoch nicht zufriedengeben. "Wir haben uns alle über diese Äußerungen sehr geärgert. Denn wer hier wohnt, weiß: Die Realität sieht anders aus! Auf dem Innenring wird gerast!" Bei schönem Wetter komme es regelmäßig vor, dass Auto- und Motorradfahrer mit stark überhöhter Geschwindigkeit über den Ring preschten.

"Es sind etwa zu etwa drei Viertel Autos, der Rest sind Motorradfahrer", schätzt Wolfgang Federer aus der Hafnergasse. Das Problem habe in den vergangenen zehn Jahren sukzessive zugenommen. "Die Autos sind schneller und lauter geworden", erklärt Federer. Nach den Unfällen sei es einige Zeit lang verdächtig ruhig gewesen, ergänzt Stephan Niggemeier. Vor allem an den Wochenenden sei das Phänomen vom frühen Abend bis in die Morgenstunden sehr häufig. Allerdings werde auf dem Straßenabschnitt, an dem gleich mehrere Schulen und Kitas liegen, durchaus auch zu anderen Zeiten zu schnell gefahren.

Anwohner sehen Handlungsbedarf

"Das ist ein eklatantes Sicherheitsproblem, fast schon ein rechtsfreier Raum", empört sich Anwohner Claus Herr. Ihn stört das aus seiner Sicht zur Schau gestellte Desinteresse seitens der Behörden. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, haben sich einige Anwohner zusammengeschlossen, um in der heutigen Gemeinderatssitzung mit einer Stellungnahme auf das Problem und die aus ihrer Sicht unzureichenden Schlussfolgerungen aufmerksam zu machen. "Wir haben das Bedürfnis, mit unserem Anliegen wahrgenommen und vor allem auch ernst genommen zu werden", sagt Patricia Haas-Meusel.

An der Unfallstelle erinnern viele Blumen und persönliche Briefe und Fotos an den verstorbenen Motorradfahrer.
An der Unfallstelle erinnern viele Blumen und persönliche Briefe und Fotos an den verstorbenen Motorradfahrer. | Bild: Kevin Rodgers

Drei Forderungen an Stadt und Polizei

Die Gruppe, die sich vergangene Woche zu einem Runden Tisch zusammengefunden hatte, hat drei Kernpunkte ausgemacht, die sie den Stadträten und auch Oberbürgermeister Kubon mit auf den Weg geben will. "Erstens stellen wir fest, dass auf dem Ring gerast wird. Das Problem ist seit Langem da und offensichtlich", so Haas-Meusel. Zweitens seien die neuen Tempo 30-Zonen, die unabhängig von den Geschehnissen eingeführt wurden, ein richtiger Schritt, jedoch nicht ausreichend. Es müssten weitere verkehrssichernde Maßnahmen getroffen werden.

Drittens fordern die Anwohner, dass vor allem die Polizei den Druck erhöht und zu den fraglichen Zeiten verstärkt Kontrollen durchführt. "Wir wissen, dass die Polizei unterbesetzt ist. Aber das kann nicht die Begründung für fehlende Präsenz sein", so Stephan Niggemeier. Letztlich geht es den Anwohnern um eine konstruktive Diskussion. "Wir möchten miteinander reden, nicht übereinander."