Haben Sie heute schon einem Kind etwas vorgelesen? Wir stellen diese Frage, weil am 15. November der bundesweite Vorlesetag stattfindet. Wenn die Antwort „nein“ lautet, holen Sie es unbedingt nach. Es lohnt sich, vor allem für die Kinder. Wir haben uns mit Lese-Experten darüber unterhalten, welche Vorteile das Vorlesen hat, wie der Landkreis Leseförderung betreibt und wie man in der Stadtbibliothek einfach und kostenlos immer ein passendes Vorlesebuch findet.

Vorlesen ist wichtig

„Es fördert nachweislich die sprachliche und emotionale Entwicklung der Kinder“, erklärt Andreas Meßmer, Leiter des Regionalen Bildungsbüros im Schwarzwald-Baar-Kreis, der selbst Deutschlehrer ist und seinen Kindern gerne vorliest. Sprachmuster und Formulierungen würden so vermittelt. Die innige Vorlesesituation, wenn alle nahe beieinander sitzen, stärke zudem die Bindung zwischen Kindern und Eltern, so der Fachmann weiter. „Beim aufmerksamen Lauschen trainieren und steigern Kinder ihre Konzentrationsfähigkeit.

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Symbolbild | Bild: Hans-Thomas Frisch, dpa

Vor allem bei guten Vorlesern“, so Meßmer. Das bedeutet, dass Bücher nicht einfach nur vorgelesen werden sollten. Besser sei es, dialogische Elemente einzubauen. Fragen zur Handlung, kurze Gespräche über den möglichen Fortgang der Geschichte, ein Blick zurück oder indem man unbekannte Wörter und schwierige Passagen in eigenen Worten erklärt. Besonders gut funktioniere das bei Bilderbüchern. Nicht zuletzt würde Kindern beim Vorlesen der Blick in die Welt geöffnet, indem sie andere Kulturen kennenlernen, das Tierreich oder wie man Konflikte löst. Nicht zuletzt lege man den Grundstein dafür, dass der Nachwuchs später selbst einmal zu Büchern greife. Dieser Meinung ist auch die Bibliothekspädagogin Anna Stahl von der Stadtbibliothek. „Die Bilder sollen im Kopf entstehen, nicht auf irgendeinem Bildschirm“, so die Fachfrau. Das rege die Fantasie an. Beim Vorlesen könne man entspannen und zur Ruhe kommen. Zuhören sei auch mit geschlossenen Augen möglich.

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Vorlesen so früh wie möglich beginnen

So früh wie möglich sollten Eltern mit dem Vorlesen beginnen, darin sind sich Meßmer, Stahl und auch die stellvertretende Bibliotheksleiterin Stephanie Schumacher einig. Angefangen mit Bilderbüchern, über Wimmelbücher und ersten einfachen Geschichten kann der Lesestoff nach und nach angepasst werden. Ab wann sollte man nicht mehr vorlesen? Auch auf diese Frage sind sich alle einig: „Auf jeden Fall nicht aufhören, wenn Kinder selbst lesen können.“ Neue Wörter, Formulierungen, Aussprache und schwierige Themen können über das Vorlesen auch weiterhin vermittelt werden.

Sprachförderbedarf

Vorlesen ist ein wichtiger Bestandteil bei der Sprachentwicklung, den es nicht zu vernachlässigen gilt. „Bei den Einschulunguntersuchungen wird über 20 Prozent der Kinder ein Sprachförderbedarf bescheinigt“, weiß Meßmer. Die Bibliotheksmitarbeiterinnen bekräftigen diese Aussage: „Es gibt in Grund- und weiterführenden Schulen immer mehr Kinder, die nicht richtig lesen und schreiben können.“ Als Grund einen sehen sie, dass in Familien häufig beide Elternteile berufstätig sind und das Vorlesen dadurch zu kurz kommt. In Schulen könne man das aufgrund gestiegener Anforderungen für Lehrer kaum ausgleichen.

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Symbolbild | Bild: Oliver Ruether, dpa

Lesekoffer für Kindergärten

Frühkindliche Bildung und Sprachentwicklung zu fördern, ist daher ein Arbeitsschwerpunkt des Bildungsbüros des Kreises, welches 2010 die Arbeit aufgenommen hat. Anfangs habe man vor allem Fachpersonal in Kitas geschult und unterstützt, erklärt Meßmer. „Weil sich im Bereich der Sprachentwicklung ganz viel im Alltag der Kinder und in den Familie abspielt, haben wir vor sechs Jahren die Lesekoffer für Kindergärten mit der Stadtbibliothek entwickelt“, so der 51-jährige Pädagoge. In 60 Einrichtungen im Kreis wurden die Koffer verteilt. Dort werden sie in die Arbeit mit Vorschulkindern eingebunden. Jedes Kind darf ihn für zwei Wochen mit nach Hause nehmen. Für Eltern liegt eine kurze Anleitung bei. „Der Koffer soll das Interesse wecken und den Kontakt zu Bibliotheken herstellen“, erklärt Meßmer. Denn dort müssen diese am Ende des Jahres wieder abgegeben werden. Im Kindergarten hängt jeweils ein Plan aus, wo sich der Koffer gerade befindet. „Wir sind zufrieden. Die Koffer werden rege genutzt“, so der Pädagoge.

Andreas Meßmer, Leiter des Regionalen Bildungsbüros, zeigt einen von rund 60 Vorlesekoffern, die seit sechs Jahren in Kindergärten im Kreis zum Einsatz kommen.
Andreas Meßmer, Leiter des Regionalen Bildungsbüros, zeigt einen von rund 60 Vorlesekoffern, die seit sechs Jahren in Kindergärten im Kreis zum Einsatz kommen. | Bild: Fröhlich, Jens

Passende Bücher finden

Eine gute Anlaufstelle, um Vorlesebücher zu finden, sind die Stadtbibliotheken. Für Kinder und Jugendliche ist das Angebot kostenlos. „Wir machen fast täglich Klassenführungen“, erklärt Stahl. So lernen Kinder die Einrichtung kennen und wissen, in welchen Regalen sie fündig werden. „Ihren Ausweis bekommen sie dabei meist gleich mit und können sofort ausleihen.“ Eltern, die sich mit der richtigen Auswahl schwer tun, werden von den Mitarbeitern der Bibliothek gerne beraten. Regale sind nach Alter und Themen sortiert, was die Suche einfach macht.

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Im unteren Stockwerk sind Bücher für Kinder unter zehn Jahren zu finden. Die Jugendbücher gibt es im oberen Stockwerk. Kinderbücher mit Erklärungsbedarf, zum Beispiel zum Thema Trauer, sind im Erwachsenenbereich angesiedelt. Explizite Buchempfehlungen seien hingegen schwierig, da jedes Kind andere Vorlieben und Interessen habe, so Stahl. Genau darauf sollten Eltern bei der Auswahl eingehen. Wer sich dennoch anhand von Vorschlägen informieren möchte, findet auf der „Stiftung Lesen“-Internetseite einige Buchempfehlungen. Noch einfacher funktioniert die Seite www.einfachvorlesen.de. Hier werden jede Woche drei Vorlesegeschichten kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Bild: Fröhlich, Jens

Regelmäßige Vorlesetage

Am bundesweiten Vorlesetag findet in der Schwenninger Bibliothek von 15 bis 17.30 Uhr eine Vorleserunde für Kinder ab fünf Jahren statt. Drei Vorleser lesen im Wechsel jeweils 30 Minuten lang ein Buch vor. Regelmäßige Vorlesetage finden immer dienstags, ab 16.30 Uhr, statt. In Villingen und Schwenningen lesen Ehrenamtliche in zwei Gruppen (3 bis 5 Jahre und 6 bis 9 Jahre) Kinderbücher vor. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine unverbindliche Anmeldung ist erforderlich.

Monika Maier liest ihren kleinen Zuhörern in der Stadtbibliothek beim Vorlesetag 2018 eine Geschichte von der kleinen Hexe vor.
Monika Maier liest ihren kleinen Zuhörern in der Stadtbibliothek beim Vorlesetag 2018 eine Geschichte von der kleinen Hexe vor. | Bild: Timo Kammerer