Für Aufsehen bei den Freunden der Villinger Fastnacht sorgt ein Film von 1928/1929, der jetzt unter dem Titel "Brauchtumspflege in Villingen" aufgetaucht ist. Nach erstem Eindruck handelt es sich um bislang unbekanntes oder in Vergessenheit geratenes Filmmaterial.

Eine Kurzversion von drei Minuten wurde kürzlich von Brauchtumsfreunden im Internet auf dem Videoportal "Youtube" entdeckt und beim jüngsten Narro-Obed der Narrozunft gezeigt. Noch interessanter: Von diesem Kurzfilm, so haben gestern Recherchen des SÜDKURIER ergeben, gibt es auch eine Langversion von 20 Minuten mit historisch wahrscheinlich einmaligen Ansichten von Villingen und der Fastnacht Ende der 1920er-Jahre.

Diese Szene des Films "Brauchtumspflege in Villingen" von 1928/29 zeigt einen Schemenschnitzer bei der Arbeit.<em>Alle Aufnahmen: Archiv Karl Hoeffkes </em>
Diese Szene des Films "Brauchtumspflege in Villingen" von 1928/29 zeigt einen Schemenschnitzer bei der Arbeit.Alle Aufnahmen: Archiv Karl Hoeffkes

Den Film gedreht hat der bayrische Filmregisseur und Filmproduzenten Hubert Schonger (1897–1978), der sich von den 20er- bis Ende der 60er-Jahre mit Kultur- und Naturfilm, Musikfilm, Märchenfilm und Literaturverfilmungen, Heimatfilm und Bergfilm einen Namen gemacht. Einer seiner Spezialitäten waren auch Reisefilme und Städteporträts. So kam er wohl auch nach Villingen.

Der Schwarz-Weiß-Film steigt ein mit einer Kamerafahrt über verschiedene Schwarzwaldtäler und zeigt dann das verschneite Villingen. Es folgen interessante Einblicke in eine Villinger Uhrmacherwerkstatt, dann der Übergang zu einem Schemenschnitzer bei der Arbeit. Schließlich erwacht die Fastnacht zum sprudelnden Leben. Zu sehen ist wildes Narrentreiben auf den Straßen, das Aufstellen des Narrenbaums auf dem Münsterplatz, Szenen vom Umzug mit den Traditionsfiguren von Narro, Villingerin, Butzesel und dem Randgeschehen. Besonders interessant: Villingen war Treffpunkt der Narrenzünfte aus Rottweil, Elzach und Überlingen sowie anderer Zünfte von der Baar. Erstaunlich, wie viele Zuschauer das närrische Treiben schon damals anlockte.

Altvillingerin trinkt im Gasthaus mit dem Rörchen durch die Maske.
Altvillingerin trinkt im Gasthaus mit dem Rörchen durch die Maske.

Ins Auge fällt auch, dass die Hästräger ihre Schemen in der Wirtschaft schon damals nicht abgesetzt haben. Auch die Altvillingerinnen tragen Masken, vermutlich waren es seinerzeit aber noch keine Holzmasken. Die Frauen trinken mit dem Strohhalm durch die Masken, die Narros lupfen die Maske mit gesenktem Kopf beim Trinken, um nicht erkannt zu werden. Der Film endet mit einem völlig erschöpften Narro, der am Ende der Fastnacht zu Hause auf dem Stuhl einschläft und von seiner Frau entkleidet wird.

Ins Internet gestellt wurde der Film sowie die Kurzfassung von der Agentur Karl Höffkes (AKH), die nach eigenen Angaben den weltweit größten Bestand an privat gedrehten Filmen, also vor allem von Amateurfilmern, aus den Jahren 1900 bis 1945 besitzt. Der Schwerpunkt des Filmarchivs liegt auf den Jahren 1914 bis 1946.

Michael Bohrer, der Archivar der Villinger Narrozunft, kennt bislang nur die dreiminütige Kurzversion auf "Youtube". Die nähere Beschäftigung mit dem Filmmaterial hat er erst einmal auf Zeit nach Fastnacht verschoben. Ob der Film schon im Zunftarchiv vorhanden ist, kann er daher noch nicht beantworten. Wenn nicht, dann wäre der aufgetauchte Streifen eine schöne Bereicherung und ein hochinteressantes Dokument der Zeitgeschichte.

Fasnet vorbei: Der erschöpfte Narro wird von seiner Frau abgeschirrt.
Fasnet vorbei: Der erschöpfte Narro wird von seiner Frau abgeschirrt.

Der Fastnachtsfilm

Den Villinger Fastnachtsfilm des damaligen Kulturfilmers Hubert Schonger von 1928/29 ist in einer Kurzfassung auf dem Videoportal Youtube im Internet zu finden.  Die interessantere Langversion des Films von 20 Minuten lässt sich ebenfalls im Internet von der Seite des Archivs Karl Hoeffkes (AHK) herunterladen und anschauen unter diesem Link (Größe: 294 MB).