Die soeben beschlossene Reform des Gesetzes für erneuerbare Energien (EEG) durch die Bundesregierung wird von Alfred Bruttel (64), der in Villingen ein kleines Solar-Installationsunternehmen betreibt, äußerst kritisch gesehen. Die Regulierungen gefährden nach Ansicht des Unternehmers die von der Regierung selbst gesteckten Klimaziele und bedeuteten das Ende der „Bürgerenergiewende“.

  • Vom Outlaw zum Unternehmer: Alfred Bruttel steckt schon seit vielen Jahren inmitten der dramatischen Auf- und Abschwünge des Marktes der erneuerbaren Energien. Der ehemalige Anti-Atomkraft-Aktivist („wir waren damals die Outlaws“) und spätere Kommunalpolitiker der Grünen entschloss sich zur Jahrtausendwende zu einem weitreichenden Schritt. Er hängte seinen sicheren Beruf als Realschullehrer an den Nagel und gründete ein eigenes Unternehmen: die Neue Energien Projektgesellschaft. Der Zehn-Mitarbeiter-Betrieb installiert und wartet hauptsächlich Photovoltaikanlagen. Anfänglich hat sich Bruttel als Geschäftsführer auch im Bereich Windenergie engagiert und neben dem Schwarzwald-Baar-Center mit Kapital privater Anleger die erste Windkraftanlage in Villingen-Schwenningen errichtet.
  • Seither hat sich auf dem Markt der erneuerbaren Energien viel getan. Die Windkraft wurde damals von der CDU-Landesregierung stark ausgebremst und Bruttels Unternehmen konzentrierte sich auf den Ausbau der Photovoltaik. Im Laufe der Jahre hat sein Unternehmen Anlagen mit einer gesamten Leistung schätzungsweise 50 bis 60 Megawatt installiert.
    „Mit dieser Leistung haben wir viele Atomkraftwerke verhindert“, schmunzelt er zufrieden.
  • Politik bremst: Allerdings musste Bruttel erleben, wie die vor Jahren stark geförderte Solarenergie, die zu einem wahren Ausbau-Boom in Deutschland geführt hat, in den vergangenen Jahren immer stärker von der Politik ausgebremst wird. Die Regierung versucht, den Anstieg der Stromkosten zu dämpfen. Denn inzwischen müssen die Verbraucher auf den Strompreis ständig steigende Aufschläge, die EEG-Umlage bezahlen, die für die staatliche Förderung der erneuerbaren Energien verwendet wird.
  • Doch hier setzt Bruttel mit seiner Kritik an. „Die EEG-Umlage für die Verbraucher steigt schon lange nicht mehr wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien, sondern weil die Preise an den Strombörsen verfallen.“ Mit der Umlage werden die entgangenen Gewinnmargen der großen Energiekonzerne ausgeglichen, die unter der steigenden Produktion von Strom aus alternativen Energien leiden. Dies geschehe zum einseitigen Nachteil der Geringverbraucher: den Haushalten, Kommunen und Gewerbetreibenden. Auf dem Strommarkt ist damit eine Schieflage entstanden: „Der Strompreis fällt, aber nur die Großverbraucher profitieren davon.
    Der Preisrückgang wird an private Haushalte nicht weitergegeben.“ Das heißt für Bruttel im Ergebnis: Nicht die Förderung erneuerbarer Energien belastet die Geringverbraucher, sondern die Industrieförderung der Bundesregierung.
  • Keine Waffengleichheit: Was ihn als Installateur von Photovoltaikanlagen besonders ärgert: Während der Gesetzgeber den Eigenverbrauch kleiner Hausbesitzer, die ihren Strom selbst produzieren, mit der EEG-Umlage belastet, hat die Regierung die Kohlekraftwerke davon komplett befreit. Seine Forderung an die Politik: Hier müsste zumindest „Waffengleichheit“ hergestellt werden.
  • Auch die jetzt von der Regierung beschlossenen neuen Auschreibungsregelungen zum Bau von größeren Wind- und Photovoltaikanlagen stoßen bei Bruttel auf Ablehnung. Er fürchtet, dass nur die ganz großen Anlagen der großen Energiekonzerne eine Chance auf Aufträge haben. „Die Bürgerenergiewende ist damit gestorben.“ Es dürfte künftig kaum noch Teilhabe von Genossenschaften und Bürgern am Strommarkt geben. Was in der Vergangenheit erreicht wurde, werde nun zurückgenommen zugunsten der großen Netzbetreiber.
  • Auf der Zielgeraden: Dennoch sieht Bruttel die Photovoltaik auf der Zielgeraden. Und das liegt nach seiner Beobachtung an der Masse der Bürger und Hausbesitzer, die auf die eigene Stromproduktion auf ihrem Hausdach setzen. Das rentiert sich nach Feststellung von Bruttel vor allem, je mehr ein Kleinproduzent seinen Strom selbst verbraucht und nicht alles ins Netz einspeist.
  • Nach zum Teil schwierigen Jahren ist der Unternehmer mit der aktuellen Geschäftslage recht zufrieden. „Die Marktlage für kleine Installationsbetriebe ist nicht schlecht“, konstatiert er. Das liegt auch an der brutalen Marktbereinigung der vergangenen Jahre. Rund 70 Prozent der deutschen Produzenten und ebenso viele Installationsbetriebe seien vom Markt verschwunden. Bruttel hat dank der Anpassungsfähigkeit seines Kleinbetriebs überlebt. Jetzt gibt es genügend Arbeit.
  • Voller Engerie: Aus dem Idealisten Bruttel, der einst Busfahrten zu Anti-Atomkraft-Demos organisierte, ist ein Pragmatiker geworden. „Ich habe gelernt, dass der Fortschritt eine Schnecke ist“, sagt er. Sein Tatendrang ist gleichwohl ungebremst. Dieses Jahr wird er zwar 65 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er aber noch lange nicht. „Ich habe eine selbstbestimmte Arbeit, die mir täglich viel Freude macht“, schildert er seinen Antrieb mit dem markant verschmitzten Lächeln.



Zur Person

Alfred Bruttel (64) war Deutschlehrer an der Realschule in Villingen. 1999 gründete er die Firma Neue Energien Projektgesellschaft, 2002 quittierte er den Schuldienst und machte einen Neustart als Unternehmer. Zwischen 1984 und 2009 war er mit fünfjähriger Unterbrechung Stadtrat der Grünen, außerdem einige Jahre Mitglied des Kreistages und zehn Jahre Vorsitzender des Vereins „Renergie VS“ . (est)