Unterkirnach kann sich glücklich schätzen. Denn im Dorf gibt es Bürger, die sich intensiv um den Erhalt von Unterkirnacher Firmengeschichte kümmern. Schließlich war die 1834 gegründete Firma Wolfgang Blessing kein unbedeutendes Unternehmen im Ort. Bei Wolfgang Blessing wurden Orchestrione gebaut, die nicht nur einen guten Namen hatten, sondern auch Instrumente hoher handwerklicher Kunst waren. Und eben diese Handwerkskunst ist noch heute am „Violin-Piano-Virtuos“-Orchestrion in der Heimatstube zu erkennen. Gebaut wurde es im Zeitraum 1920/25 im Löwengründle.

Um sich an ein solches Instrument zu wagen, sind handwerkliche Fertigkeiten gefordert, die an die Gründerzeit der Firma erinnern. Und mit Wolfgang Armbruster, Manfred Ragg, Johannes Storz, Hugo Weißer und Roland Dufner sind Männer mit eben diesem notwendigen Geschick und Sachverstand an der Arbeit. Was die fünf Männer eint, ist das Bewusstsein, sich mit Verve der industriellen Entwicklung Unterkirnachs zu widmen und dafür zu sorgen, dass Kleinode wie das aus Lichtensteig im Kanton Thurgau stammende Instrument zurück nach Unterkirnach findet, wo es restauriert und spielfähig gemacht wird.

Bei früheren Restaurierungsversuchen wurden wohl mehrere stümperhafte Anläufe unternommen. So wurde eine Windlade aus Sperrholz eingebaut, was überhaupt nicht geht. Glücklicherweise sind alle Beteiligten handwerklich begabt. Wolfgang Armbruster hat eine mechanische, Hugo Weißer eine Schreinerwerkstatt. Dort entstehen Neuanfertigungen defekter Bauteile.

Für die beschädigte Windlade baute Hugo Weißer eine aus Ahornholz, um das ausgediente, defekte Teil zu ersetzen. Fein säuberlich gereinigte Ventilsitze zieren das Oberteil. Um die Wirkungsweise der Ventile zu sehen, wurde seitlich mit Plexiglas eine abgedichtete Einblickmöglichkeit geschaffen. Von Wolfgang Armbruster ist zu erfahren, dass alle Dichtungen, die mit Metall in Berührung kommen, aus Gasometerleder hergestellt sind. Diese Ledersorte ist säurefrei, womit das Oxidieren des Metalls verhindert wird.

Für Hugo Weißer war die Produktion von 60 fingergroßen Blasebälgen eine Herausforderung. Für einige mehrfach vorkommende Teile hatte Wolfgang Armbruster Lehren und Montagehilfen gebaut. Die Pfeifenstiefel der 60 Orgelpfeifen wurden ebenfalls neu gefertigt. Den Konus mit 3,5 Grad fertigten die Helfer auf der Drehbank und das Gegenstück mit den Aufnahmebohrungen wurde mit einer selbst gefertigten Reibahle aus Stahl mit demselben Konus nach dem Bohren nachgerieben. So sitzen die Pfeifen besser als zuvor.

Im Orchestrion integriert ist das spielbare Klavier mit 84 Tasten, zwei Pedalen und Kreuzsaiten. Im Unterteil befindet sich der Antriebsmechanismus. Angetrieben von einem Elektromotor, werden mithilfe von Rundlederriemen Räder angetrieben und die erneuerten Schöpfbälge aus Ahornholz in Bewegung gesetzt. Mit einem beweglichen Gummituch sind beide Bälge bespannt. Im Betrieb wird die Mechanik mit der Notenrolle gesteuert. Hierbei wird Luft durch die 100 Stanzlöcher bei jedem Überfahren des im Papier gestanzten Loches am Gleitblech angesaugt. Durch entsprechende Druckdifferenz im Innern der Ventile wird ein Steuerimpuls ausgelöst. So wird der Tastenanschlag als Impuls auf den betreffenden Stößel weitergegeben und der Ton ausgelöst.

Ein weiterer Balg sorgt für den pneumatisch-mechanischen Betrieb, um das Orgelwerk zum Klingen zu bringen. Gesteuert wird die Mechanik mit der Notenrolle. Das Orchestrion wurde auf sechs Kunststoffrollen anstelle der Stahlrollen gestellt. Alle Metallteile sind gesäubert und Messingteile poliert und mit Zaponlack versiegelt worden. Sorgfalt ist eben alles.

Das Instrument

Ein Instrument dieser Größenordnung kann zwischen 20 000 und 30 000 Euro kosten. Das Instrument in Unterkirnach wurde über einen Landeszuschuss und Spenden finanziert. Deswegen soll es für die Spender nach der Fertigstellung ein Konzert in der Heimatstube geben. Im April 2016 wurde das Instrument nach Unterkirnach gebracht, Seither sind bis Ende 2017 1169 ehrenamtliche Arbeitsstunden geleistet worden. (wm)