Herr Braun, hinter Ihnen liegt ein ungewöhnlich bewegtes Jahr. Wie sind Ihre Eindrücke nach der Sommerpause?

Wir hatten eine grandiose 775-Jahr-Feier, die mir viel Kraft und Mut gegeben hat. Da haben alle mitangepackt und man hat gesehen, dass unsere Gemeinschaft funktioniert. Ich bin persönlich auch ausgesprochen froh, dass wir bei der Gemeinderatswahl drei Listen mit qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern hatten.

Mit den Vertretern der Unterkirnacher Vereine stößt Bürgermeister Braun (links) nach dem Fassanstich auf ein Gelingen des großen Festes in Unterkirnach an.
Mit den Vertretern der Unterkirnacher Vereine stößt Bürgermeister Braun (links) nach dem Fassanstich auf ein Gelingen des großen Festes in Unterkirnach an. | Bild: Cornelia Putschbach

Mir zeigt das, dass sich viele Bürger für unseren Ort interessieren und sich einbringen wollen. Wir haben viele große Herausforderungen, da brauchen wir Gemeinderäte, die Verantwortung übernehmen.

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Sie sprechen sicher den Wegzug der Firma Wahl und dessen finanzielle Folgen an.

Wir haben vergangenes Jahr schon versucht, Kosten einzusparen. Wir sind ja zunächst vom Schlimmsten ausgegangen. Nämlich, dass die Firma Wahl zum Jahreswechsel Unterkirnach verlassen wird. Das ist ja augenscheinlich jetzt nicht der Fall. Wenn man die Aktivitäten in St. Georgen sieht, wird das mit Sicherheit noch ein bisschen dauern.

Ist die Lage denn so düster, wie ursprünglich befürchtet?

Die Lage ist nicht schwärzer gemalt worden, als sie tatsächlich ist. Natürlich sieht man im ersten Moment die Dinge vielleicht etwas kritischer, als es im Nachhinein dann ist. Fakt ist: wenn Wahl Unterkirnach verlässt, dann fehlen uns in Summe etwa 2,8 Millionen Euro in den ersten beiden Jahren. Wir konnten durch eine Kreditaufnahme und durch Sparmaßnahmen bereits Geld auf die Seite legen. Wir werden diese Herausforderung in jedem Fall hinbekommen.

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Trotzdem muss gespart werden, allem voran am Aqualino.

Das Thema Hallenbad wird natürlich noch mal auf den Plan kommen, das ist klar.

Anfang des Jahres haben Sie moniert, dass die Auslastung schon seit längerer Zeit zu wünschen übrig lässt.

Es war im Frühjahr ein deutlicher Aufwärtstrend zu erkennen, der sich jetzt eher wieder beruhigt hat. Wir haben treue Badegäste, die regelmäßig hingehen. Aber generell sieht man einfach zu wenig Besucher. Es gibt mittlerweile ein riesiges Freizeitangebot. Wir können sicherlich noch das ein oder andere Zusatzangebot machen. Aber die Zahlen werden nicht explodieren.

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Ein eigenes Hallenbad ist natürlich auch ein Luxus für eine Kommune dieser Größe.

Das Bad hat einen Kostenaufwand. Es gibt auch unterschiedliche Sparideen, wie zum Beispiel, das Bad in den Sommermonaten zuzumachen, um Kosten zu reduzieren. Dann bietet man den Gästen lieber die Freibadnutzung in der Umgebung an. Das sind Punkte, die sich im Herbst/Winter entscheiden. Es wird sicherlich darauf hinauslaufen, ob wir uns das leisten können und wollen. Das muss man ehrlicherweise so sagen.

Eine Pflichtaufgabe ist der Kindergarten. Wie überall sind auch in Unterkirnach die Plätze knapp.

Das Thema Kindergarten wird das große Thema im Herbst werden. Momentan haben wir sechs Gruppen. Wir brauchen im Kindergartenjahr 2019/2020 stand heute eine siebte Gruppe mit weiteren Plätzen. Leider hat uns die katholische Kirche im Juli endgültig mitgeteilt, dass sie keine weiteren Kindergartenplätze zur Verfügung stellen wird. Das heißt, dass wir hier eine andere Lösung brauchen.

Andreas Braun blickt positiv auf die Entwicklungen in Unterkirnach. Der Ort wächst, die Kita braucht im kommenden Kindergartenjahr eine siebte Gruppe mit weiteren Plätzen.
Andreas Braun blickt positiv auf die Entwicklungen in Unterkirnach. Der Ort wächst, die Kita braucht im kommenden Kindergartenjahr eine siebte Gruppe mit weiteren Plätzen. | Bild: Kevin Rodgers

Wie hat die Kirche diese Entscheidung begründet?

Das hängt offenbar mit der finanziellen Situation der christlichen Kirchen zusammen. In Gesprächen wird immer wieder der Sparzwang angeführt. Wenn ich das höre, muss ich immer innerlich schmunzeln, weil die Kommune ja 92 Prozent der Betriebskosten zahlt und die Kirche nur acht Prozent. Da stellt sich mir mit Blick auf die rückläufigen Mitgliederzahlen schon die Frage, ob es richtig ist, am Nachwuchs zu sparen? Wir konnten bisher den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz immer erfüllen. Bis zum Verlassen der Grundschule haben wir ein durchgängiges Betreuungskonzept von 7 bis 17 Uhr.

Dabei ist es ja sehr erfreulich, dass Unterkirnach weiter wächst.

In den letzten drei oder vier Jahren hatten wir einen richtigen Babyboom. Früher haben wir immer zwischen 22 und 25 Geburten gezählt. In den letzten vier Jahren lagen wir immer über 32 Geburten. Wir haben dieses Jahr bis zum 30. Juni 19 Geburten gezählt. Wenn das zweite Halbjahr genauso verläuft, steuern wird auf 38 Geburten zu. So viel hatten wir noch nie in Unterkirnach und das finde ich super.

Familien brauchen Wohnraum. Hat Sie die große Nachfrage nach den Bauplätzen auf dem Sommerberg überrascht?

Ehrlicherweise nicht. Wir hatten eine relativ lange Liste mit Interessenten. Letztlich hat das mehrere Faktoren: die Nähe zum benachbarten Oberzentrum mit Einkaufsmöglichkeiten und medizinischer Versorgung, trotzdem die ländliche Umgebung, das günstigere Preisniveau und die Kinderbetreuung mit Kindergarten, Schule und Spielscheune. Das ist für viele ein Standortfaktor. Schnelles Internet ist heutzutage aufgrund des Breitbandausbaus sicher nicht mehr das Topthema.

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Stichwort Telekommunikation: Warum hocken wir bei Ihnen im Unterkirnacher Rathaus im Jahr 2019 immer noch im Funkloch?

Die Frage dürfen Sie gerne stellen, weil sie mich genauso ärgert wie Sie. Es ist ein riesiges Ärgernis. Ich verstehe natürlich, dass Mobilfunkunternehmen dort investieren, wo möglichst viele Verträge zustande kommen. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Doch die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber Unternehmen und Privathaushalte sollte ebenfalls nicht zu kurz kommen.

Mittlerweile wird ja eher über den Mobilfunkstandard 5G gesprochen. Wie geht das, wenn im ländlichen Raum nicht einmal die Basisversorgung gewährleistet ist?

Wenn ich unsere Politik in Berlin betrachte, die sich 5G auf die Fahne schreiben, aber nicht mal den 3G-Standard nach Unterkirnach gebracht haben, dann muss ich einfach sagen: Macht bitte eure Hausaufgaben. Es gibt einen Atlas mit Funklöchern. Es ist wirklich eine Sache, die mich persönlich ärgert, weil ich auch einer bin, der auf dieses Medium täglich angewiesen ist. Gerade im innerörtlichen Bereich würde ich mir schon wünschen, dass wir zumindest von T-Mobile und Vodafone eine LTE-Versorgung hätten. Von 5G brauchen wir noch gar nicht sprechen.

Zum offiziellen Baubeginn greifen in Unterkirnach im Gebiet Sommerberg II Verantwortliche und Entscheidungsträger zum Spaten.
Zum offiziellen Baubeginn greifen in Unterkirnach im Gebiet Sommerberg II Verantwortliche und Entscheidungsträger zum Spaten. | Bild: Cornelia Putschbach

Brauchen wir die Breitbandversorgung an jeder Milchkanne?

Der Breitbandausbau ist natürlich wichtig für die Unternehmen und sicherlich auch für den ein oder anderen privaten Haushalt. Wenn ich von zuhause aus nicht gerade eine Werbeagentur betreibe, dann glaube ich, dass wir diese riesigen Geschwindigkeiten zunächst mal noch nicht brauchen. Ich persönlich habe zuhause eine 400 M/Bit-Leitung. Das reicht locker. Doch 100 M/Bit sollten es in jedem Haushalt schon sein.

Das heißt, dass es gar keine Nachfrage nach Breitband-Internet gibt?

Der Glasfaseranschluss kommt, vielleicht nächstes oder übernächstes Jahr auch hier ins Rathaus. Aber wenn sie durch Unterkirnach laufen und fragen, wer denn gerne einen solchen Anschluss hätte und Sie dann noch erwähnen, dass dieser Hausanschluss 1000 Euro kostet, dann bin ich mir nicht sicher, wie viele Anschlussnehmer Sie finden würden. Im Unterkirnacher Außenbezirk ist das selbstverständlich eine andere Sache. Hier besteht ein massiver Nachholbedarf.

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Sie sitzen in der kommenden Legislaturperiode nicht mehr im Kreistag. Ist das ein Problem für die Gemeinde?

Für mich persönlich ist es kein Beinbruch. Aber ich finde unglücklich, dass das Wahlsystem Bewerbern aus kleineren Kommunen wenige Chancen bietet. Es ist bedauerlich, dass jetzt niemand mehr aus Schönwald, Tuningen, Unterkirnach und Mönchweiler vertreten ist. Vielen ist bekanntlich das Hemd näher als die Hose. Das ist einfach so. Aber ich denke schon, dass ich meine Themen in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen und des Landratsamtes weiterhin einstreuen kann.

Fragen: Kevin Rodgers