Da strahlte der Angeklagte und mit ihm seine im Zuschauerraum sitzende Familie: Der 33-Jährige, der am 15. März einen Bekannten im Streit mit einem Messer verletzt hatte, kommt aus der U-Haft frei und bekommt seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Noch im Gerichtssaal wurden ihm die Fußfesseln abgenommen.

Der 33-jährige A. stammt aus Pakistan und kam 2013 nach Deutschland, hat inzwischen eine Ausbildungsstelle als Koch und einen Chef, der ihn sehr schätzt, er sei arbeitsam und fleißig. Dazu eine Verlobte, die er heiraten möchte, wenn die nötigen Papiere vorliegen. Vier Kinder, davon zwei aus ihrer ersten Ehe, ziehen sie gemeinsam groß.

„Ruhig und besonnen“

Die Sozialprognose: positiv, so Richter Karlheinz Münzer in seiner Urteilsbegründung. A. lebe in stabilen Verhältnissen, sei nicht vorbestraft, trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen. „Er wurde von allen Zeugen als ruhig und besonnen geschildert“, so Münzer. Er begründete das milde Urteil ausführlich, immerhin hatte Staatsanwalt Markus Wagner auf eine Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten plädiert.

Wohl im Februar war A. zugetragen worden, dass ein Bekannter schlecht über ihn reden würde. Als ihm das ein andere Freund am 15. Mai erneut erzählte, „konnte er das nicht auf sich sitzen lassen“, so der Vorsitzende. Ein falsch verstandener Ehrbegriff, hier war die Kammer sich mit der Staatsanwaltschaft einig. Er habe den Mann dann zur Rede stellen wollen, sei sehr erregt gewesen, und als das spätere Opfer, T., leugnete, sei es zu wechselseitigen Beleidigungen gekommen. Bei der gröbsten davon, T. habe gesagt, er werde A.‘s Mutter und Schwester „ficken“, schlug A. zu, so Münzer.

Nicht aktiv zugestochen

A. leide unter dem frühen Tod seiner Mutter. T. habe weitere Beleidigungen ausgestoßen, worauf sich A. das Messer griff, um seinen Kontrahenten auf Abstand zu halten. Er habe es, war das Gericht überzeugt, starr vor sich gehalten, aber nicht aktiv zugestochen. T. sei im Laufe des Gerangels ins Messer hineingeraten, als A.‘s Arm an der Wand „arretiert“ gewesen sei.

Das sei zwar laut Rechtsmedizinerin Dr. Melanie Hohner, die als Gutachterin den Prozess begleitete, eher unwahrscheinlich, aber möglich, betonte der Vorsitzende. Die Verletzung war vergleichsweise harmlos, weil das Messer von einer Rippe aufgehalten wurde, bei einem anderen Stichkanal hätte es lebensgefährlich werden können, so Münzer. So musste der inzwischen abgetauchte T. genäht werden und nur eine Nacht im Krankenhaus verbringen.

Traumatische Erlebnisse

Münzer ging auch auf die Lebensgeschichte des Angeklagten ein, der als Siebenjähriger die Mutter verlor, sein erstes traumatisches Erlebnis. Dann half er in der Landwirtschaft des Vaters mit, leider habe A. nur eine sehr geringe schulische Bildung, „das erleben wir ja immer wieder.“ Später betrieb er ein Schreibwarengeschäft mit einem Partner, der dann ermordet wurde, ein zweites Trauma. Das habe auch A. Schwierigkeiten eingebracht, weshalb er sich schließlich zur Flucht aus dem Heimatland entschlossen habe.

In Deutschland sei er nur einmal auffällig geworden, als er ohne Führerschein am Steuer erwischt worden war. Auch im hier verhandelten Fall war er unerlaubt mit dem Auto gefahren, was sich in der Höhe der Bewährungsstrafe niederschlug: Zwei Jahre, in denen er sich nichts zuschulden kommen lassen darf.

Zeugen bestätigen Aussagen

Münzer betonte, die fast sechs Monate Untersuchungshaft hätten A. nachhaltig beeindruckt. „Er leidet sehr darunter, dass er seine Kinder nicht aufwachsen sehen konnte.“ Das Gericht sah keinen Vorsatz in seiner Tat, es sei davon auszugehen, dass er das Problem mit T. im Gespräch klären wollte, der Angriff „war nicht gezielt und nicht vorgeplant,“ betonte Münzer. T. habe zuerst zugeschlagen und A. auch gewürgt. Diese Aussagen des Angeklagten seien durch Zeugen bestätigt worden.

Zudem habe es erhebliche Widersprüche in den drei Aussagen des Geschädigten T. gegeben, so habe er zunächst bei der Polizei gesagt, er habe keine Holzlatte benutzt, um sich gegen A. zu wehren, später kam diese ins Spiel. Münzer gab dem Angeklagten aber auch eine Warnung mit: „Nutzen Sie dieses Chance. Es war haarscharf an einer höheren Freiheitsstrafe vorbei.“ A. und seine Anwältin Swetlana Geist erklärten, sie würden gegen das Urteil keine Rechtsmittel einlegen, Staatsanwalt Markus Wagner behielt sich diese jedoch vor, allerdings vor allem, um das Urteil zu prüfen, eine Berufung sei wenig erfolgversprechend.

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