„Willi Kamm war ein Mensch mit besonderen Leidenschaften“, so Oberbürgermeister Michael Beck in einer öffentlichen Mitteilung: „Er verband Stadtplanung mit Kunst und Kultur, er dachte in Dimensionen, die weit über Tuttlingen hinaus reichten – und über allem stand seine tiefe Liebe zur Donau und allem, was mit diesem Fluss zusammenhängt.“ Am frühen Montagmorgen verabschiedete sich Kamm von all dem: Er starb nach langer schwerer Krankheit in einem Hospiz in Ulm, wo er die letzten Wochen seines Lebens verbracht hatte. Kamm hinterlässt seine Ehefrau Brigitte Heim-Kamm sowie zwei erwachsene Söhne.

Tuttlingen, Ulm und die Donau – diese Orte waren prägend für die Biographie Willi Kamms. Geboren wurde er 1955 in Spirkelbach in der Pfalz. Schon frühe Reisen führten ihn entlang der Donau bis ans Schwarze Meer, und nach seinem Studium an der Universität Kaiserslautern zog es ihn bald in die Donaustadt Neu-Ulm, wo er ab 1989 als Leitender Stadtplaner tätig war. Seine Tuttlinger Zeit begann 2006, als er auf Vorschlag der SPD zum Baubürgermeister gewählt wurde.

Schnell zeigte sich, dass es Willi Kamm um mehr ging, als einzelne Projekte abzuarbeiten. „Er hatte immer eine Vision von der Stadt als Ganzem im Kopf, er dachte weit über das Alltagsgeschäft hinaus – sowohl inhaltlich als auch geographisch“, so OB Beck. „Er war ein internationale denkender Europäer, der bei seiner Arbeit immer auch den völkerverbindenden Aspekt im Blick hatte.“ Vor diesem Hintergrund stieß Kamm auch den Masterplan für Tuttlingen an – ein – wie er es selber nannte – „Regiebuch für die ganze Stadt“, in das auch alle aktuellen Erkenntnisse zu Themen wie Demographie, Nachhaltigkeit und Mobilität einflossen. Erarbeitet wurde der Plan gemeinsam mit dem Büro Albert Speer&Partner – dem Architekten, bei dem Kamm einst studiert hatte und der für ihn ein lebenslanger Mentor war.

„Kamm ließ nie einen Zweifel daran, dass Bauen für ihn weit mehr als eine technische Aufgabe war“, so OB Beck. Vielmehr sah Kamm immer auch soziale und kulturelle Zusammenhänge, holte sich Anstöße von Künstlern aus Tuttlingen und anderswo und sah Stadtentwicklung primär als sozialen Prozess, in den er möglichst viele und unterschiedliche Gruppen einbinden wollte. Eindrucksvoll deutlich wurde dies in Möhringen: Der Weg hin zur Erschließung von DonauTech und das damit verbundene Programm zur Ortsentwicklung sind das Ergebnis eines solchen von ihm angestoßenen Dialogprozesses.

In die Ära des Baudezernenten Kamm fielen freilich auch zahlreich klassische Bauprojekte. Der Kreuzstraßentunnel gehört hier ebenso dazu wie der Hochschulcampus und die neue Feuerwache, die Erschließung von Thiergarten oder die Sanierung der Fußgängerzone. Sein letztes großes Projekt, die Sanierung der Gymnasien, konnte Kamm allerdings nur noch anstoßen. Wegen seiner schweren Krebserkrankung konnte er ab Ende 2018 sein Amt nicht mehr ausüben.

Trotz der schweren Erkrankung und der schlechten Prognosen seiner Ärzte verfiel Kamm auch während der letzten Monate seines Lebens nicht in Resignation. „Sein Lebenswille war faszinierend, man spürte, wie viel Kraft er aus den Dingen schöpfte, die ihm besonders wichtig waren“, so OB Beck. So pflegte Kamm – trotz schwerer gesundheitlicher Einschränkungen – nach wie vor zahlreiche politische und kulturelle Verbindungen, war im öffentlichen Leben präsent und baute in Möhringen eine temporäre Galerie auf.

Überhaupt pflegte Kamm zum badischen Stadtteil eine besonders enge Beziehung. Das Städtle direkt an der Donau hatte es ihm besonders angetan. Das wird auch aus einem seiner letzten Wünsche ersichtlich: Seine letzte Ruhestätte wird dem Wunsch Kamms folgend auf dem Möhringer Friedhof sein.