Über seine abenteuerliche Rückkehr im Mai 1945 in seine Heimat berichteten wir bereits. Nun schildert der 90-Jährige seine Erlebnisse bei einem Kriegssondereinsatz im September 1944.

Einberufung

Mit Einberufungsbefehl des Deutschen Reiches wurde er zur Erfüllung seiner Jugenddienstpflicht zum Kriegssondereinsatz der Hitler-Jugend für voraussichtlich drei Wochen ab dem 1. September 1944 einberufen. Gegen diesen Befehl war Einspruch nicht möglich. Am 1. September 1944 stand Dold nachmittags mit über 100 anderen 14-Jährigen der Hitler-Jugend auf dem Vorplatz des Konstanzer Bahnhofs und wartete auf die Abfahrt des Zuges nach Frankreich, ausgerüstet mit Marschgepäck und Schanzzeug.

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Nachts um 1 Uhr fuhr der Zug durch den Triberger Bahnhof. Seine Eltern hatten keine Ahnung, dass er auf der Fahrt nach Westen war. Der Zug fuhr über Straßburg und hielt in der Mittagszeit in Schirmeck. Dort erhielten alle in einem Saal eine Mittagsmahlzeit. Auf dem Weg dahin kamen sie an einem Barackenlager vorbei. „Wir erfuhren später, dass es Teil eines Konzentrationslagers war. Zu sehen war nichts“, erinnert sich Dold. „Für die Weiterfahrt erhielten wir mit einer Vierlingsflak Militärschutz und aus Gründen der Sicherheit wurden sandbeladene Wagen vorgekoppelt. Nach der Durchfahrt eines langen Tunnels kamen wir bei Saales aus dem Elsass nach Frankreich und waren auch bald in St. Marguerite, unserem Endziel, angelangt.“

Auf Bauernhöfe verteilt

Die eingezogenen Jugendlichen wurden von dort aus auf einzelne Bauernhöfe im Ort verteilt. Von diesen marschierten sie täglich zum Schanzeinsatz. Geschlafen wurde beim Bauern im Heu. Verpflegung gab es bei den deutschen Soldaten im Ort. Diese fuhren mit einem kleinen Kettenfahrzeug in die Umgebung und requirierten die dafür notwendigen Lebensmittel.

Angst vor Partisanen

Abends brannte es manchmal auf den Anhöhen der Vogesen. Man redete immer von Partisanen. Die Dorfkirche lag am westlichen Ortsrand, etwas erhöht auf einem Grünstreifen. Davor war ein Feldweg und anschließend lag der Dorfbach. Die Dorfstraße überquerte rechts davon diesen Bach und führte nach St. Dié-des-Vosges.

„Uns ist nichts passiert“

Die Brücke wurde mit einer aus Baumstämmen hergestellten Panzersperre gesichert. „Ich gehörte zu der Schanzgruppe, die auf dem Grünstreifen an der Kirche Schützengräben errichten sollte. Auf dem Grünstreifen waren noch einige alte Gräber eines ehemaligen Friedhofes und es ließ sich nicht vermeiden, dass wir Reste dieser Gräber fanden und mit Schuldgefühlen auf die Seite legten. Wenn die Jabos auftauchten, haben wir Schutz in unseren gebuddelten Gräben gesucht. Uns ist nichts passiert“, erzählt Dold.

Die Bomben fallen

Ein weiterer Zug mit älteren, zum Schanzen eingezogener Männern wurde ganz in der Nähe von den Jabos angegriffen. Die Lok war nur noch ein Sieb. Ob es auch Opfer gegeben hat, war nicht zu erfahren. Ab und zu haben die Jabos auch Ziele in der drei Kilometer entfernten Stadt St. Dié bombardiert. „Die Bomben konnten wir mit bloßem Auge fallen sehen“, berichtet Dold. „Unser Bauer hat sich eines Tages furchtbar darüber aufgeregt, dass unser Schanzzeug wieder einmal nicht aufgeräumt war und wild herumlag. Er hat es kurzerhand auf die Straße geworfen. Daraufhin wurde er zur Ortskommandantur bestellt und heftig verprügelt. Ich war zufällig in dem Gebäude und dadurch Ohrenzeuge. Ich habe es aber nicht gewagt, mich in das Zimmer des Geschehens zu begeben und mich einzumischen“, räumt Dold offen ein. „Vermutlich hätte man mich schleunigst rausgeworfen. Ich habe mich lange mit dieser Situation beschäftigt und mir vorgeworfen, es nicht versucht zu haben. Vielleicht hätte ich die Strafe abkürzen können.“

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Die Hygiene wurde beim Einsatz nicht groß geschrieben. Gewaschen haben sich alle ab und zu an einem Viehtrog. Die Notdurft wurde so gut es eben ging im Gelände oder hinter dem Hof erledigt. Als Dold einmal in der Nacht raus musste und das Scheunentor öffnete, hatte er volles Licht einer Taschenlampe im Gesicht. Vor dem Hof standen zwei Panzerkampfwagen des älteren Typs P IV auf dem Weg zum Fronteinsatz. Als die Front bei Épinal wieder ins Rollen kam, endete der Schanzauftrag etwas vorzeitig.

Rückmarsch

Vor dem Rückmarsch versorgten sich einige Jungen beim gegenüberliegenden Bauern mit Rotwein. Dold war auch dabei. Der Bauer füllte ihre Feldflaschen unter heftigem Schimpfen und rief seine Frau. Er befahl ihr, die Gendarmerie anzurufen. Als Dold den Keller mit voller Feldflasche verließ, kam ihm die deutsche Feldgendarmerie auf der Treppe entgegen und machte dem Spiel ein Ende. Per Fuß ging es über einen Vogesenpass zurück. Ein Zug brachte alle von Colmar über Breisach und Freiburg zurück zum Bodensee.

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„Unser Schanzen hat nichts genützt“, resümiert Dold. Etliche Jahre danach habe er dem Ortspfarrer von St. Marguerite eine Spende von 100 Francs mit einer aufrichtigen Entschuldigung für das von ihm begangene Unrecht, die Aneignung von einem Liter französischen Rotweins, überreicht. Den Bauernhof habe er nicht mehr gefunden.

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