Es regnet in Strömen. An solchen Wochenenden bleiben die Leute lieber daheim – sollte man meinen. Nicht aber in Triberg, wo ein zahlreich erschienenes Publikum in der Wallfahrtskirche Maria in der Tanne einem ungewöhnlichen Konzert entgegenfieberte.

Klanglicher Minimalismus

Die Jugendmusikschule (JMS) St. Georgen/Furtwangen lud alle Musikliebhaber zu einem Abend mit dem Ensemble „Glas(s)vogel“ ein, das auf historischen Instrumenten englische Musik um 1600 und minimalistische Werke von Philip Glass vorführte.

Obertonreiches Cembalo

Die Protagonisten, Lourdes Carranza aus Triberg (Dozentin an der JMS) und ihre Musikerkollegen Bettina Haugg, Florian Götzeler und Tina Speckhofer aus Konstanz und Singen, spielen in dieser Formation seit einiger Zeit und begeistern dabei das Publikum mit einmaligen Momenten.

Es erklangen also ein obertonreiches Cembalo anstelle von Klavier, Blockflöten und Bass-Blockflöte aus Holz anstelle von Blechblasinstrumenten. Viola da gamba anstatt Cello, getragen und feinfühlig von Carranza und Götzeler gespielt.

Warme Klangfarbe

Das ergibt eine warme Klangfarbe – die tiefen Töne sind etwas heiser. Der Basston der Blockflöte erinnert an die archaischen Hirtenflöten aus Osteuropa und geht, von Bettina Haugg gespielt, tief unter die Haut. In der hohen Lage und souverän von der konzerterfahrenen Tina Speckhofer gespielt, klang das Cembalo wie Glasperlen und Glöckchen.

Zwischen Barock und Gegenwart

Einen musikalischen Bogen zwischen Barock und Gegenwart spannend, konnten die Kompositionen nicht unterschiedlicher sein. John Jenkins (1592 bis 1678), John Dowland (1563 bis 1626) und William Byrd (1543 bis 1623) waren bedeutende Musiker ihrer Zeit.

Spannung schmerzt beinahe

Mit Leichtigkeit und Beschwingtheit spielte das Ensemble höfische, tänzerische Musik von John Jenkins. Dem entgegen wurde dann ein in der Epoche berühmtes Klagelied von John Dowland, „Lachrimae Pavane“ („Flow My Tears“), gesetzt. In der Interpretation der vier Musiker entfaltete sich das Stück in langsamen Tempi, die die Dramatik erhöhten. Die Gambisten weben im Dialog mit dem Cembalo eine fast schmerzhafte Spannung, die Bass-Blockflöte klagt, ruft wie ein vereinsamter Vogel in der Dämmerung. Am Ende der Komposition verstummen alle anderen Instrumente, bis auf die Blockflöte – der Klagende bleibt allein.

Meditative Stimmung

William Byrd hat Dowlands Stück überarbeitet und daraus eine umfangreichere Komposition gemacht, welche „Glas(s)vogel“ ebenfalls vorführte. Dabei ist die Klage dezenter, introvertiert von den vier vorgetragen, aber umso berührender.

Musik und die Mathematik

Überraschend ist die Idee, minimalistische Musik des 20. Jahrhunderts mit historischen Instrumenten zu spielen. Der aus einer jüdischen Familie stammende Philip Glass (1937 in Amerika geboren) gilt als einer der wichtigsten Komponisten des Genres. Seine Musik wurde vom mathematischen Denken und von der indischen klassischen Musik geformt. Die Reduktion der musikalischen Linien und der Polyfonie führen in seinen Kompositionen zu einer meditativen Stimmung und sind mit dem Chanting von buddhistischen Mönchen eng verwandt.

Bestreben nach Stille

Glass ist Buddhist und das hört man in seinem Werk – aus dem Bestreben nach der absoluten Stille, welche die absolute Fülle beinhaltet. Beeindruckend von den Mitgliedern des Ensembles gespielt, wurden „Music in Similar Motion“, „Trilogy Sonata – Dance (Akhnaten)“, „Metamorphosis One“ und „Metamorphosis Two“ zu einer Reise in die Welt der Seelen. Impressionistische Bilder entstanden dabei vor dem inneren Auge des Zuhörers – Sonne, Pastelltöne, namenlose Freude. Das Publikum belohnte die hervorragenden Musiker mit einem herzlichen Applaus.

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