Chin-Ling Hou kommt aus einer asiatischen Millionenstadt. Seit vier Monaten lebt sie nun als Austauschschülerin im Schwarzwald – ein ganz schönes Kontrastprogramm, das der jungen Besucherin gut gefällt.

In den vergangenen Wochen hat Chin-Ling Hou mächtig gefroren. Winterliche Temperaturen kennt die junge Taiwanesin von Haus aus nicht, jedenfalls nicht solche, die unter den Gefrierpunkt fallen. Dort, wo sie daheim ist, ist es im Sommer sehr warm und auch im restlichen Jahresverlauf nie richtig kalt.

Dass ihr winterliches Wetter während ihres Austauschjahres blühen könnte, war ihr allerdings schon klar. Insofern nimmt sie es, wie es kommt. „Mir ist wirklich sehr oft sehr kalt hier. Aber es gibt ja Mützen, Schals und Handschuhe“, sagt sie lächelnd – auf Deutsch.

Ein Jahr lang hat sie in der Schule in Taipeh Grundlagen dieser schweren Sprache gebüffelt. Ende August war es dann soweit und sie konnte die Koffer packen, um an einem einjährigen Austauschprogramm der Service-Organisation Rotary teilzunehmen – konkretes Reiseziel war der Schwarzwald.

Hier lebte sie zunächst in einer Gastfamilie in Königsfeld. Unlängst wechselte sie turnusgemäß in eine zweite Gastfamilie nach Schonach. Das ist in den Statuten von Rotary so vorgesehen – und so wird es auch beim Rotary-Club Furtwangen-Triberg gehandhabt, von dem Chin-Ling während ihres Aufenthaltes in Deutschland betreut wird. Ausgesendet wurde sie vom Taipeh-Wenhu-Club.

Obligatorisch ist während des Auslandsjahres auch der Schulbesuch. Chin-Ling ist in der elften Klasse auf dem Schwarzwald-Gymnasium Triberg gelandet. Hier und auch sonst überall wird sie „Genie“ (sprich: „Jinni“) genannt. Den englischen Namen hat ihr im Kindergarten in Taipeh ihre Betreuerin in Anlehnung an den gleichnamigen Geist aus dem Film „Aladdins Wunderlampe“ verpasst. Seitdem trägt sie ihn und alle nennen sie so. „Das soll aber nicht heißen, dass ich ein Genie bin“, lacht die Namensträgerin augenzwinkernd.

Sie ist in ihren jungen Jahren schon viel herumgekommen. Ihre Familie ist reiselustig, zusammen waren sie schon in vielen Ländern Asiens, aber auch in den USA und Kanada und diverse Male in Europa. Zuhause ist Genie in Taipeh, der Hauptstadt des asiatischen Inselstaates Taiwan. Hier leben ihre Eltern, ihre drei älteren Schwestern und ein älterer Bruder. „Ich bin das Nesthäkchen“, sagt sie stolz. Auch dieses knifflige deutsche Wort hat sie schon gelernt und gleich behalten. Mit der deutschen Sprache klappt es immer besser, seit sie hier ist, auch dank eines weiteren Sprachkurses an der Hochschule in Schwenningen und eines zusätzlichen Rotary-Programms.

Kein Vergleich ist das Leben in Taipeh mit dem im Schwarzwald. Im Großraum der Metropole leben rund fünf Millionen Einwohner. Da geht es in Triberg und Umgebung dann doch deutlich beschaulicher zu. „Hier kennt wirklich jeder jeden“, staunt Genie immer wieder aufs Neue. Ihr gefällt das Familiäre, das Easy going, genau wie die schöne Natur. Auch davon bekommt man in einer Millionenstadt ja meistens eher wenig mit. Der Wald hat es ihr im Speziellen angetan.

Dafür kann der öffentliche Personennahverkehr hier nicht mal im Ansatz mit dem in Taipeh mithalten. Und mit Brot mit Butter mussten sich Genie und ihr an asiatisches, stets warmes Essen gewöhnter Magen erst langsam anfreunden.

Auf die Dauer, das weiß sie schon jetzt, will sie nicht auf dem Land leben, das wäre nichts für sie, wie sie meint. Aber jetzt genießt sie es erst mal, diese neue Erfahrung auf Zeit zu machen. „Die Schwarzwälder sind nette Leute“, sagt sie auch noch – offenbar ein weiterer Grund, dass sie noch nicht ein einziges Mal richtig Heimweh hatte.

Wissenswertes zum Austauschprogramm

Jedes Jahr verbringen mehr als 650 Schüler aus Deutschland im Rotary-Programm ein Austauschjahr in einem von 30 Gastländern. Jugendlichen soll damit einerseits die Möglichkeit gegeben werden, ein neues Land, seine Bevölkerung und Lebensgewohnheiten und seine Kultur kennenzulernen, und andererseits als Botschafter im Gastland über seine Heimat berichten zu können.

Teilnehmen können schulpflichtige Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren in der Regel im Anschluss an die zehnte Klasse.

  • Der Austausch dauert ein Schuljahr, maximal zwölf Monate, und beginnt im Juli oder August. Anforderungen an die Bewerber sind unter anderem mindestens Grundkenntnisse in der Sprache des Gastlandes, Anpassungsfähigkeit, Aufgeschlossenheit, Selbstständigkeit, Orientierungsbereitschaft, Kenntnisse über das eigene Land und das Gastland.
  • Junge Leute, die sich für einen solchen Austausch interessieren, können sich gerne mit dem Rotary-Club Furtwangen/Triberg in Verbindung setzen. Infos gibt es bei der Jugenddienstbeauftragten Janina Gehringer, die unter der Mailadresse gehringer.j@gmx.de erreichbar ist.