Wenn Reinhard Großmann von Flensburg in den Süden der Republik nach Tennenbronn reist, hat er meistens neue Literatur dabei. Im Ruhestand, so sagt er, wird Schreiben zum Beruf. 1934 geboren, lebte Großmann nach dem Krieg im württembergischen Aalen, studierte in Tübingen, Kiel und Rochester in den USA. Großmann unterrichtete am Gymnasium in Schramberg und zog 2007 zu seinem Sohn nahe Flensburg.

Lesung zeugt von Raffinesse

Geschichten nahe am Leben werden zur Berufung. Davon kennt Großmann viele. „Greife ich in eine meiner Schubladen, finde ich immer wieder etwas Neues“, klärt er die knapp 20 Zuhörer im Heimathaus Tennenbronn auf. Kurzgeschichten, vor allem „Erzählgeschichten“ und Romane entstehen bei dem Autor. Er versteht es, erlebte Zeitgeschichte in verständliche, unterhaltende Worte zu fassen und auf Papier zu bannen. Seine Lesung zeugt von unterhaltender Raffinesse und Spannung. „Schauspielerisch“ leicht fällt ihm dann das Lesen.

Bei der Frage, ob er das nun folgende Kapitel aus dem Dritten Reich mit der Judenverfolgung vorlesen soll, nicken die Zuhörer mit dem Kopf. Die Geschichte des jüdischen Schauspielers Luc Bodtmar sei an manchen Stellen wegen fehlender, nicht zu erfahrender Zusammenhänge lückenhaft. „Da musste ich mir die Zusammenhänge suchen, rekonstruieren, um die Geschichte zu Ende zu bringen.“

Feinsinniger Erzähler

Verfolgt und mit Berufsverbot durch die Nazis belegt, schildert Reinhard Großmann die Familiengeschichte Bodtmars mit nachdenklich stimmenden Worten, um die damalige Situation den Jüngeren verständlich nahe zu bringen. Luc Bodtmar wohnt bei den Großeltern in den USA. Sein Wunsch, trotz erfolgreichem Vorsprechen den „Hamlet“ von Shakespeare darzustellen, geht nicht in Erfüllung. Ihm wird eine Nebenrolle zugewiesen. Zurück in Europa. Mit dem Auftritt in „Der Kaufmann von Venedig„ spielt Bodtmar den jüdischen Shylock. Großmann beschreibt, wie Bodtmar die Rolle annimmt und vor Publikum präsentiert. Es zeigt sich, dass der Autor ein feinsinniger Beobachter und Erzähler ist, der sein Publikum keinesfalls überfordert.