Im vergangenen Jahr sind in Deutschland so viele Menschen aus den christlichen Kirchen ausgetreten, wie noch nie zuvor. Knapp 543 000 Menschen waren es 2019 im Bundesgebiet, das ergaben Zahlen der Evangelischen Kirche Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz. Doch wie sieht es in St. Georgen aus? Ist auch hier die Zahl der Kirchenaustritte im Vergleich zum Vorjahr gestiegen? Und welche Konsequenzen hat es für eine Kirchengemeinde wenn sie schrumpft?

Ganz so deutlich, wie bei der bundesweiten Statistik, sind die Zahlen aus St. Georgen nicht. Doch auch hier sind die Kirchenaustritte 2019 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen – von 72 auf 85, das ergaben Zahlen aus dem Standesamt. Die Steigerung fällt aber mit neun Prozent deutlich geringer aus, als im bundesweiten Vergleich, bei dem die Zahlen bei 22 beziehungsweise 26 Prozent liegen.

Die beiden Kirchen im Vergleich

Während in der Bergstadt bei den Protestanten von 2018 auf 2019 die Zahl der Austretenden von 35 auf 46 gestiegen ist, ist sie bei den Katholiken sogar gesunken, um drei: Von 39 im Jahr 2018 auf 36 im Jahr 2019. Die Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2020 ergeben wieder ein anderes Bild: Sind in diesem Jahr schon 15 Katholiken aus der Kirche ausgetreten, waren es bisher nur elf Protestanten. Einen wirklichen Trend gibt es in St. Georgen daher nicht.

Katholische Kirchengemeinde St. Georgen/Tennenbronn

Das sagt auch Benedikt Müller, Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinde St.Georgen/Tennenbronn. „Es gibt bei der Zahl der Kirchenaustritte immer wieder Schwankungen, aber in den letzten Jahren waren sie eigentlich immer gleichförmig.“ Insgesamt ist die Zahl der Kirchenmitglieder von 2018 auf 2019 von 4174 auf 4116 gesunken. Das entspricht einem Verlust von 1,6 Prozent. Allein aus den Austritten ergibt sich diese Zahl allerdings nicht. Denn auch Sterbefälle reduzieren die Zahl der Gemeindemitglieder. Trotzdem gibt Müller zu, dass die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland zu bedenken geben muss und daher Handlungsbedarf besteht.

„Es gibt bei der Zahl der Kirchenaustritte immer wieder Schwankungen, aber in den letzten Jahren waren sie eigentlich immer ...
„Es gibt bei der Zahl der Kirchenaustritte immer wieder Schwankungen, aber in den letzten Jahren waren sie eigentlich immer gleichförmig.“ | Bild: Werner Mueller

Evangelische Kirchengemeinde St. Georgen – Tennenbronn

Einen weiteren Blick zurück wirft Roland Scharfenberg, Pfarrer bei der evangelischen Kirchengemeinde St. Georgen – Tennenbronn. Die prozentuale Steigerung der Austritte von 2018 auf 2019 liege bei 2,7 Prozent. Schaue man jedoch auf eine größere Zeitspanne, sieht es schon anders aus: „Wenn ich den langjährigen Vergleich berechne, komme ich auf einen Rückgang der Kirchenmitglieder um 21 Prozent von 2006 bis 2019. Dieser Rückgang sei aber nicht nur durch Austritte bedingt, sondern auch durch die geringere Zahl an Taufen und den demografischen Wandel.

Das könnte Sie auch interessieren

Dennoch könne man mit diesen Zahlen im Vergleich zu größeren Städten noch zufrieden sein. Konsequenzen hat es trotzdem, wenn die Kirchengemeinde immer kleiner wird. Denn mit den Kirchensteuern werden Kindergärten und die Diakonie mitfinanziert, sagt Scharfenberg. Kindergarten-Schließungen drohen in St. Georgen aber nicht, denn was die Kirche nicht aufbringen kann, wird von der Stadt mitgetragen, so der Pfarrer weiter.

Trotzdem: „Der kirchliche Auftrag ist dann nur noch eingeschränkt möglich“, sagt Scharfenberg. Und auch als Pfarrer merke er, dass die Zahl der kirchlichen Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen zurückgehe. „Ich finde es schade, dass meine Arbeit vergessen wird“, sagt der Pfarrer. Um diesem Trend entgegenzuwirken, habe die Kirchengemeinde bereits neue Wege eingeschlagen, mit Impulsgottesdiensten und Jugendlobpreisabenden. Und denjenigen, die die Gemeinde nicht über Gottesdienste erreichen könne, versuche man über kulturelle Angebote näherzukommen.

Freie evangelische Schwarzwaldgemeinde

Andere Erfahrungen habe man bei der Freien evangelischen Schwarzwaldgemeinde gemacht. „Wir sehen derzeit eher eine Tendenz zu weiterem Gemeindezuwachs“, sagt Lothar Trensch, Pastor der Gemeinde. Im Jahr 2018 seien acht Mitglieder in die 60 Mitglieder starke Gemeinde eingetreten und keiner ausgetreten, 2019 seien es sechs Beitritte und drei Abgänge gewesen. Mögliche Gründe für diesen Trend führt er viele an, beispielsweise das umfassende gesellschaftliche Angebot der Gemeinde.

Evangelische Gemeinde Eben-Ezer

Ähnliches hat auch Pastor Detlef Kühne von der evangelischen Gemeinde Eben-Ezer zu berichten. Er spricht von vergleichsweise wenigen Austritten. Den Grund dafür sieht er darin, dass für die Mitglieder der Gemeinde keine Kirchensteuern anfallen, sondern die Gemeinde sich durch Spenden finanziert. Somit fehle einer der großen Anreize für einen Kirchenaustritt. Trotzdem gingen die Mitgliederzahlen in den letzten drei Jahren auch in seiner Gemeinde zurück. Von 2017 bis 2019 sank die Zahl der Mitglieder um zwölf, von 122 auf 110. Das entspricht einem Rückgang von 9,8 Prozent.