In der fachärztlichen Versorgung in St. Georgen klaffen immer mehr Lücken. Nachdem es bereits seit längerem keinen Kinderarzt mehr gibt, bemüht sich die Stadt derzeit intensiv darum, wieder einen Facharzt für Frauenheilkunde in die Bergstadt zu bekommen. Denn eine Gynäkologin hatte Anfang 2020 ihre Praxis in St. Georgen aufgegeben. Auch die einzige Augenarztpraxis ist seit kurzem geschlossen.

Erfolgreiche Privatinitiative als Vorbild

Nachdem die von einer Privatperson initiierte Suche nach einem Nachfolger für den im Herbst 2019 in den Ruhestand gegangenen Allgemein-und Hausarzt Klaus-Jochen Grohmann mittels Werbebanner Anfang 2020 von Erfolg gekrönt war, setzt nun die Stadt selbst auf das Konzept. An den Eingangsbereichen hängen Banner mit der Aufschrift „Frauenarzt gesucht“ und einer Telefonnummer des Rathauses.

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Stadt wirbt für Frauenarztstelle

Bei der Suche nach einem neuen Facharzt für Frauenheilkunde verlässt sich die Stadt aber nicht allein auf die Straßenwerbung. Wie Bürgermeister Michael Rieger auf Anfrage mitteilt, wurde die offene Frauenarztstelle bereits zum zweiten Mal bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) ausgeschrieben. Zudem will die Stadt selbst im Ärzteblatt sowie in einer anderen Fachzeitschrift inserieren. Es sei jedoch abzusehen, dass es nicht einfach werde, einen Nachfolger zu finden.

Standort St. Georgen mit großem Einzugsgebiet

„Bereits als damals Dr. Fahrmeir aufhörte, zeichnete sich ab, dass es schwer werden würde“, so Rieger. Dabei schätzt Rieger den Standort St. Georgen als durchaus attraktiv ein. „Es geht ja nicht nur um St. Georgen, sondern um den ganzen westlichen Schwarzwald-Baar-Kreis als Einzugsgebiet. Da kann sich doch jemand eine tolle Existenz aufbauen.“

Kleiner Hoffnungsschimmer

Einen kleinen Hoffnungsschimmer hat Bürgermeister Rieger derzeit. Es habe bereits zwei Kontakte zu Interessenten gegeben. Davon habe ein Interessent mittlerweile abgesagt, da dieser sich komplett aus dem süddeutschen Raum zurückziehen wolle.

Nach sechs Monaten Vakanz verfällt der Arztsitz

Wie der Sprecher der KVBW, Kai Sonntag, sagt, kann für die bestehende Frauenarztpraxis für die Dauer von sechs Monaten ein Nachfolger gesucht werden. „Danach geht man davon aus, dass sich die Patientinnen umorientiert haben.“ Dann verfällt der Arztsitz. Und eine Neugründung wäre aufgrund des aktuellen Bedarfsplanes nicht genehmigungsfähig.

Rechnerisch ist der Schwarzwald-Baar-Kreis klar überversorgt

„Wir haben rechnerisch einen Versorgungsgrad von Frauenärzten im Schwarzwald-Baar-Kreis von 127 Prozent. Erst wenn der Versorgungsgrad bei unter 110 Prozent liegt, kann ein neuer Arztsitz genehmigt werden.“ Das würde bedeuten, dass erst drei Gynäkologen im Schwarzwald-Baar-Kreis ihre Praxen schließen müssten, ehe ein neuer Arztsitz genehmigt würde.

Historisch gewachsene Berechnungen

Wie Kai Sonntag erläutert, handelt es sich beim Versorgungsgrad um eine statistische Arzt-Einwohner-Berechnung. Hier werden alle Frauen ab 18 Jahren in die Berechnung aufgenommen. „Das sind keine wissenschaftlich belegten, sondern historisch gewachsenen Berechnungen auf einer Grundlage aus den 1990er Jahren. Aber für uns sind diese Berechnungen verbindliche Rechtsgrundlage.“

Auch in der NAchbargemeinde Tennenbronn setzt man auf das St. Georgener Modell und sucht einen medizinischen Nachfolger, in diesem Fall einen Hausarzt.
Auch in der Nachbargemeinde Tennenbronn setzt man auf das St. Georgener Modell und sucht einen medizinischen Nachfolger, in diesem Fall einen Hausarzt. | Bild: Roland Sprich

„Unwürdiger Spießrutenlauf für die Frauen“

Für den Sprecher der St. Georgener Ärzteschaft, Johannes Probst, ist die vorherrschende Situation „ein unwürdiger Spießrutenlauf für die Frauen.“ Für sie sei es schwierig, überhaupt einen Frauenarzt zu finden, der neue Patientinnen aufnimmt. Noch vor fünf Jahren hätten im Raum St. Georgen und Furtwangen vier Gynäkologen praktiziert. „Und alle hatten gut zu tun.“ Die bis heute rechtsverbindliche Bedarfsplanung, die vor mehr als 30 Jahren erarbeitet wurde, habe mit der medizinischen Entwicklung nicht Schritt gehalten.

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„Kein guter Stil gegenüber den Patienten und der Stadt“

Dass auch die einzige Augenarztpraxis seit kurzem ihren Betrieb einstellte, bezeichnet Probst als „unglücklichen Verlauf. So hört man eine Praxis nicht auf, das ist kein guter Stil gegenüber den Patienten und der Stadt.“ Zur Frage, ob und wie es hier weitergehen könnte, könne sich Probst vorstellen, dass eventuell die Schwarzwald-Augenklinik aus Schramberg, die bereits mehrere Standorte unter anderem in Furtwangen, VS-Villingen und Donaueschingen hat, hier eine Nebenbetriebsstätte einrichten könnte.