Studium oder Berufsausbildung und wenn ja, in welche Richtung soll es gehen? Zwei junge Menschen schildern, wie sie beim Turnverein auf die richtige Spur für ihre Berufswahl gekommen sind. Und welchen Vorteil das einjährige, ehrenamtliche Engagement sowohl für sie selbst als auch für den Turnverein bringt.

Arbeiten beim Turnverein

Chiara Beckert aus Villingen-Schwenningen und Maximilian Früh aus St. Georgen hatten bislang keine gemeinsamen Berührungspunkte. Die 18-jährige Chiara tanzt in ihrer Freizeit. Der 20-jährige Maximilian hat früher Handball gespielt. Was sie verbindet, ist ihr gemeinsamer Arbeitsalltag, den sie seit knapp einem Jahr beim Turnverein in St. Georgen verbringen.

Chiara leistet hier ihren Bundesfreiwilligendienst (BFD), Maximilian macht ein Freiwilliges Soziales Jahr, kurz FSJ. „Ich fand es einfach schön, nach 13 Jahren Schule nicht schon wieder in der Schule zu hocken“, erklärt Maximilian Früh, weshalb er sich dafür entschieden hat. Bei Chiara Beckert war die Motivation, „sich selbst anders kennenzulernen, sich individuell weiterentwickeln und etwa Gutes für die Allgemeinheit zu tun“, sagt sie. Zudem hatte sie nach dem Abitur keine konkrete Vorstellung, was sie studieren wollte.

Einblick in die Verwaltung

Jetzt unterstützen die beiden die Übungsleiter bei den Turnstunden. Sie helfen beim Auf- und Abbau der Turngeräte mit, passen auf und geben Hilfestellung bei den Übungen. „Es ist für die Kinder gut, wenn außer dem Lehrer, beziehungsweise dem Übungsleiter noch jemand dabei ist“, sagt Maximilian.

Maximilian Früh gibt den Turnkindern Hilfestellung bei der Rolle vorwärts.
Maximilian Früh gibt den Turnkindern Hilfestellung bei der Rolle vorwärts. | Bild: Sprich, Roland

Das Einsatzgebiet der beiden beschränkt sich nicht nur auf das sportliche Angebot für Kinder und Jugendliche des Turnvereins. Vormittags unterstützen sie auch den Sportunterricht an Schulen und Kitas und werden während der Schulferien auch in der Ganztagsbetreuung oder im Kinderferienprogramm eingesetzt.

„Wir machen das jetzt im siebten Jahr und haben sehr gute Erfahrungen gemacht.“
Gerhard Mengesdorf, TV-Vorsitzender

Zudem entlasten sie die Geschäftsführerin des Turnvereins, Christine Hackenjos, bei der Büroorganisation und Verwaltung und erhalten so einen Einblick hinter die Kulissen des mit 1500 Mitgliedern größten St. Georgener Vereins.

Für den Vorsitzenden des Turnvereins, Gerhard Mengesdorf, sind die Freiwilligendienste eine wertvolle und unverzichtbare Unterstützung. „Wir machen das jetzt im siebten Jahr und haben sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Mengesdorf. Das FSJ sei eine gute Möglichkeit, herauszufinden, ob ein sozialer Beruf das Richtige sein könnte.

Auftrag des Vereins

Er sieht es ein stückweit als pädagogischen Auftrag des Vereins an, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren. „Aber für den Verein ist die Unterstützung auch wichtig, um einem gewissen Mangel an Übungsleitern zu begegnen“, wie er sagt und das funktionierende Zusammenspiel mit den Partnern wie Grundschulen und Kinderbetreuungseinrichtungen hervorhebt.

Chiara Beckert gibt einer jungen Turnerin Hilfestellung bei der Akro-Rolle.
Chiara Beckert gibt einer jungen Turnerin Hilfestellung bei der Akro-Rolle. | Bild: Sprich, Roland

Während ihres einjährigen Engagements, von denen sie über ihre jeweiligen Träger ein Taschengeld erhalten, bekommen die FSJler auch den Übungsleiterlehrgang angerechnet. Normalerweise. Aufgrund von Corona haben die Lehrgänge dazu für Maximilian Früh nicht stattfinden können.

Doch lieber Realschüler

In ihrem freiwilligen Jahr haben Maximilian und Chiara neue Erkenntnisse über ihre berufliche Laufbahn gewonnen und ziehen ihr persönliches Fazit. „Ich wollte eigentlich Lehramt auf Grundschule studieren. Das möchte ich jetzt nicht mehr. Sondern ich werde in Richtung Lehramt Realschule gehen“, sagte er, weil er erkannt hat, dass die Arbeit mit Grundschulkindern herausfordernder ist, als er gedacht hat.

Doch lieber Jura

Auch für Chiara haben sich beruflich neue Perspektiven ergeben. „Ich wollte eventuell etwas im pädagogischen Bereich machen. Jetzt werde ich wohl eher Jura studieren“, sagt sie.

Für beide war das Freiwillige Soziale Jahr keineswegs ein verschwendetes Jahr. „Wir hatten unterschiedliche Einsatzstellen und haben viele Menschen kennengelernt.“ Allerdings, so schränkt Maximilian Früh ein, „muss man den sozialen Aspekt über den finanziellen Aspekt stellen. Wer Geld verdienen will in dem einen Jahr, der muss was anderes machen.“

Gerhard Mengesdorf bedauert schon, wenn Maximilian Früh und Chiara Beckert ihr Freiwilliges Soziales Jahr mit Beginn der Sommerferien beenden. Er hofft, dass sich auch für das kommende Jahr wieder Freiwillige bewerben. „Wir haben schon erste Bewerbungen erhalten, aber es können gerne noch mehr werden“, sagt er. Er weiß aber auch, dass inzwischen viele Einrichtungen FSJ-Stellen anbieten und der Wettbewerb dadurch größer wird.