Vor Kurzem machte der Sozialverband VdK in St. Georgen mit einer Aktion auf den allgemeinen Pflegenotstand aufmerksam. Auch bei der Evangelischen Altenhilfe wird die Entwicklung des Pflegebedarfs in den kommenden Jahren mit Besorgnis beobachtet.

Dort will man aktiv werden, Lösungsansätze entwickeln, um den Pflegenotstand einzudämmen. Dabei sollen künftig verstärkt auch die Angehörigen von zu Pflegenden berücksichtigt werden.

3500 Euro – das kann nicht jeder bezahlen

„Wenn wir in Deutschland über Pflege reden, dann geht es nur nachrangig um die stationäre Pflege“, macht der Geschäftsführer der Evangelischen Altenhilfe, Markus Schrieder, deutlich. Das Hauptproblemfeld liegt vielmehr im Bereich der häuslichen Pflege, der mehr als die Hälfte der Pflegesituation ausmache.

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Die Beweggründe für die Entscheidung zur häuslichen Pflege sind vielschichtig. „Zum Einen sicher, weil sich die Partner einmal versprochen haben, in guten wie in schweren Zeiten füreinander da zu sein“, sagt Schrieder. Zudem sei die Entscheidung einer stationären Unterbringung auch eine Kostenfrage.

„Der Eigenanteil, der nach Abzug der Kranken- und Pflegekassen übrig bleibt, beträgt derzeit 3500 Euro im Monat“, so Schrieder. Der sich des hohen Eigenanteils durchaus bewusst ist, diese aber auch rechtfertigt. „Wir haben große gesetzliche Vorgaben an die Einrichtung und zahlen gute Löhne.“ Wie er sagt, können nahezu drei Viertel der Bewohner in den drei stationären Einrichtungen, die die Evangelische Altenhilfe in St. Georgen und in Schönwald betreibt, ihren monatlichen Anteil aus eigener Tasche finanzieren.

Mit Blick auf die demografische Entwicklung und dem damit verbundenen steigenden Pflegebedarf sei es dennoch „nicht unser Ansinnen, noch weitere stationäre Plätze anzubieten“.

Stattdessen geht die Evangelische Altenhilfe einen anderen Weg. Sie will der häuslichen Pflege einen höheren Stellenwert zukommen zu lassen. Und dabei die pflegenden Angehörigen stärker berücksichtigen.

Insulinspritze selbst setzen

Mit Partnern wie dem Softwareentwickler Imsimity, dem Technologiezentrum und der Hochschule Furtwangen (HFU), werden Modelllösungen entwickelt. Ansätze seien, dass Angehörige für die häusliche Pflege befähigt werden.

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Beispielsweise für das Verabreichen von Insulin. „Es wird künftig nicht mehr so sein, dass der ambulante Pflegedienst zum Verabreichen einer Insulinspritze nach Hause kommt.“ Um im Verabreichen des Insulins beispielsweise mittels eines Pens geübt zu werden, aber auch in anderen Bereichen, könne das mittels virtueller Realität „zuvor in einem sicheren Umfeld und unter Anleitung geübt werden“, wie Michael Werler von der Projektentwicklung sagt.

Pflegende brauchen auch Urlaub

Ebenso wichtig wie die qualifizierte Einbindung von pflegenden Angehörigen sei auch die Entlastung dieser Personen. Hier bietet die Einrichtung gleich mehrere Angebote. „Diese Menschen brauchen planbare Auszeiten und auch Urlaub“, sagt Schrieder.

Aufstockung in der Kurzzeitpflege

Hierfür bietet die Evangelische Altenhilfe derzeit zwei Kurzzeitpflegeplätze an, in denen die Betreuung zu Pflegender vorübergehend übernommen wird. Aufgrund der großen Nachfrage soll dieses Angebot auf vier, längerfristig sogar auf bis zu 15 Plätze ausgeweitet werden.

Tagespflege auch am Wochenende

Ein weiteres Angebot ist die Ausweitung der Tagespflege, die ab kommendem Jahr auch am Wochenende geöffnet sein wird. Und demnächst soll es auch eine Nachtversorgung im ambulanten Bereich geben, wo die Pflegedienstmitarbeiter beispielsweise den nächtlichen Toilettengang mit der zu pflegenden Person übernehmen, damit der Angehörige durchschlafen kann.

„Es gibt Möglichkeiten, auch in Zukunft würdig gepflegt zu werden.“
Markus Schrieder, Geschäftsführer

„Alle diese Angebote zielen auf die Entlastung der Angehörigen ab“, betont Sula, die den Blick auf das Nachbarland Dänemark richtet, die im Bereich häuslicher Pflege deutlich fortgeschrittener sind. „Es gibt Möglichkeiten, auch in Zukunft würdig gepflegt zu werden. Und wir von der Evangelischen Altenhilfe finden es spannend und haben Spaß daran, der jetzigen Situation entgegenzuwirken und Ideen zu entwickeln, diese Möglichkeiten den Menschen im Alter anzubieten“, so Schrieder.

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Und Florije Sula ergänzt, dass es „den Mut braucht, etwas verändern zu wollen, weil unsere Branche nicht als innovativ angesehen wird“. Auch brauche es die notwendigen Ressourcen, wie beispielsweise die Schaffung einer Projektsteuerungsstelle. „Doch wenn der Stein erst einmal ins Rollen gebracht ist, dann ergeben sich immer neue Synergie-Effekte. Wenn‘s läuft, dann läuft‘s“, so Sula.