Wenn Martin Schrempp bei seinen Reisen in europäischen Großstädten auf den Auslöser seiner Kamera drückt, dann hat er nicht die Sehenswürdigkeiten von Paris, London oder Hamburg vor der Linse. Vielmehr stehen ihm dann Graffitis Modell, aus denen er wiederum Kunst herstellt.

Seit 17 Jahren fotografiert Martin Schrempp Street Art, also die Straßenkunst, mit denen Graffitikünstler triste Betonwände verschönern. „Inzwischen habe ich zwischen 30.000 und 40.000 Fotos gemacht“, schätzt er. Aus den einzelnen Fotos einer Stadt stellt er zuhause Collagen her. Das ist aufwändig.

Drei bis vier Monate am Werk

Für ein großformatiges Bild benötigt er zwischen 600 und 800 Einzelfotos. Diese werden nicht mit der Schere ausgeschnitten, sondern aus dem Papier gerissen und die einzelnen Motive dicht an dicht an- und übereinander gelegt.

Der Fotograf sitzt drei bis vier Monate, mit Unterbrechungen, an einem Bild. So ergeben sich jeweils einzigartige und nicht reproduzierbare Städteportraits, die Martin Schrempp als „Zeitgeister“ bezeichnet. „Weil sie den Zeitgeist einer Stadt darstellen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Bislang hat Schrempp, der Werbefotograf einer Agentur in Villingen-Schwenningen ist, unter anderem Zeitgeist-Collagen aus Berlin, Hamburg, München, Paris, London und Lissabon erstellt.

Wenngleich die Bildcollagen auf den ersten Blick gleich aussehen, mit lauter aneinander geklebten Graffitibildchen, jedes einzelne manchmal kaum größer als ein Passbild, lassen sich bei genauer Betrachtung durchaus Unterschiede von den jeweiligen Motiven feststellen.

Martin Schrempp mit einer aktuellen Collage aus Motiven aus Berlin, das er jetzt auf einer Kunstmesse in Dresden ausstellt.
Martin Schrempp mit einer aktuellen Collage aus Motiven aus Berlin, das er jetzt auf einer Kunstmesse in Dresden ausstellt. | Bild: Sprich, Roland

„Jede Stadt hat ihre Besonderheiten in der Art ihrer Motive. In Hamburg sieht man viele Totenköpfe und harte Farben, während beispielsweise in Lissabon zarte Farben verwendet werden.“

Wo findet Schrempp seine Motive?

Wie findet man eigentlich die Street-Art-Motive in der Großstadt? Da ist im Vorfeld Recherchearbeit notwendig. „Ich schaue zunächst im Internet, wo die Szene-Hotspots sind. Dann stelle ich bei Google Maps die Route zusammen.“

Manchmal verhilft ihm auch der Zufall dazu, tolle Street-Art-Motive zu finden. „In Paris habe ich mich verlaufen und bin in einer Seitenstraße gelandet, wo ich plötzlich in einem Hauseingang tolle Motive entdeckt habe.“

Bei den Motiven kommt es Martin Schrempp übrigens nicht darauf an, welcher Künstler hinter dem Graffiti steckt. „Das können berühmte Sprayer sein wie Banksy, aber auch völlig Unbekannte. Oder auch Kinder.“

Bislang hat sich der 59-Jährige auf Street-Art in Großstädten konzentriert. „Aber ich könnte mir gut vorstellen, vielleicht ein Projekt mit Motiven aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis zu machen.“

Das könnte Sie auch interessieren