Ein äußerst seltenes Berufsjubiläum feiert Dieter Zuckschwerdt am 1. August. Seit genau 70 Jahren übt er den Beruf des Schneiders aus. Er ist damit einer der nur noch ganz wenigen Vertreter seines Berufsstandes, der das Schneiderhandwerk als Maßanfertiger ausübt. Die Leistung ist umso beachtlicher, wenn man weiß, dass Dieter Zuckschwerdt eigentlich alles werden wollte, nur nicht Schneider.

Als 14-Jähriger 1950 die Lehre begonnen

Als Dieter Zuckschwerdt am 1. August 1950 als 14-jähriger Bub seine Schneiderlehre in der Schneiderei seines Vaters Georg begann, hätte er nie geglaubt, dass ihn dieser Beruf einmal sein ganzes Leben begleiten sollte. „Es war alles andere als ein Traumberuf. Ich wollte alles werden, nur nicht Schneider. Am liebsten wäre ich Förster geworden“, erzählt er.

Das Gesellenzeugnis beweist es: Am 1. August 1950, also vor genau 70 Jahren, hat Dieter Zuckschwerdt seine Ausbildung zum Schneider begonnen.
Das Gesellenzeugnis beweist es: Am 1. August 1950, also vor genau 70 Jahren, hat Dieter Zuckschwerdt seine Ausbildung zum Schneider begonnen. | Bild: Sprich, Roland

Vater war ein strenger Lehrer

Die Ausbildung war auch alles andere als ein Honigschlecken. „Mein Vater war ein strenger Lehrherr“ erinnert er sich. So kam es, dass er nach Ende der Lehrzeit 1953 den elterlichen Betrieb verließ und zunächst in die Textilindustrie wechselte.

Krankheit des Vaters wird zum Wendepunkt

Als sein Vater krank wurde, ließ sich Dieter Zuckschwerdt überreden, wieder in die Heimat zurückzukehren. „Aber nicht als Angestellter“, sei die Bedingung gewesen. So übernahm er 1965 die Schneiderei, die bereits 1904 von seinem Großvater, der wie sein Vater ebenfalls Georg hieß, gegründet wurde.

Eine Knopflochmaschine ist eine der wenigen Maschinen in der Schneiderwerkstatt und der Stolz von Dieter Zuckschwerdt. „Solche präzisen Knopflöcher bekommt man von Hand gar nicht hin.“
Eine Knopflochmaschine ist eine der wenigen Maschinen in der Schneiderwerkstatt und der Stolz von Dieter Zuckschwerdt. „Solche präzisen Knopflöcher bekommt man von Hand gar nicht hin.“ | Bild: Sprich, Roland

Sechs Schneidereien in St. Georgen nach dem Krieg

Der Beruf des Schneiders war in der Nachkriegszeit stark gefragt. „Nach dem Krieg gab es in St. Georgen sechs Schneidereien„, erinnert sich Dieter Zuckschwerdt. Alle hatten gut zu tun. „Kleidung von der Stange gab es ja damals nicht.“ Da Stoffe knapp und teuer waren, mussten die Gesellen aus getragenen Anzügen das Innenfutter heraustrennen, danach wurde der Stoff gewendet und ein neuer Anzug geschneidert.

Atelier im Keller seines Hauses

Von den sechs Schneidereien ist Dieter Zuckschwerdt als einziger übrig geblieben. Das dazugehörige Konfektionsgeschäft gibt es schon lange nicht mehr. Seit er sein Atelier Mitte der 1970er Jahre im Keller seines Hauses auf der Seebauernhöhe eingerichtet hatte, konzentrierte er sich auf das Schneidern. „Ich habe mich nie als Kaufmann, sondern zeitlebens als Handwerker gesehen“, sagt er.

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Nur noch wenige gönnen sich den Luxus Maßanfertigung

Sein Antrieb, der ihn seinen Beruf bis heute mit Leidenschaft ausüben lässt, ist einfach: „Ich möchte aus einem Stück Stoff ein Kleidungsstück machen.“ Zu seinen Kunden zählten früher hauptsächlich Personen, die eine Figur außerhalb der üblichen Konfektionsnormen hatten. Heute gönnen sich nur noch eine handvoll überwiegend Geschäftsleute den Luxus, sich Anzüge nach Maß fertigen zu lassen. In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich Zuckschwerdt auf das Maßanfertigen von Uniformen und Trachten spezialisiert.

Ganz aufhören will er nicht

Inzwischen lässt es der mittlerweile 84-Jährige zwar ruhiger angehen. „Ich arbeite nur noch aus Hobby“, lacht Dieter Zuckschwerdt. Doch ganz aufhören will er nicht. „Ich freue mich, wenn ich nach dem Wochenende am Montag wieder in mein Atelier gehen kann.“

Bis heute hat Dieter Zuckschwerdt noch eine treue Klientel, die ihn überwiegend mit Änderungswünschen aufsucht. „Denn das Internet ändert keine Kleidung“, sagt er. Und lacht.