Zwischen der algerischen Stadt Tlemcen und St. Georgen, so würde man annehmen, liegen Welten. Die eine an den nördlichen Ausläufern der Sahara gelegen, die andere in den Tiefen des Schwarzwalds. Doch so groß sind die Unterschiede nicht, sagt einer, der es wissen muss. Souleyman Hacini arbeitet seit fünf Monaten bei Steidinger Apparatebau, einem kleinen Unternehmen im zweiten Stock der Fabrik Obergfell an der Bahnhofstraße.

„Meine Sprache ist die Programmiersprache“

Es ist eine eigene kleine Welt, in der Hacini sich bewegt. „Verständigungsprobleme gibt es hier nicht – meine Sprache ist die Programmiersprache“, sagt er scherzhaft. Deutsch lernt er gerade, auf Französisch und Englisch kann man sich aber fließend mit ihm unterhalten. Hacini ist Experte auf seinem Gebiet, hat in Algerien früher medizinische Geräte programmiert, und geht jetzt einen Weg, den viele junge Menschen aus dem nordafrikanischen Land gerade machen.

„Früher war es so, dass die jungen Leute einfach nur auswandern und ihr Leben woanders verbringen wollten. Aber in den vergangen Jahren kommen immer mehr nach einer Weile wieder zurück, weil sich die Wirtschaft verbessert und sie dabei helfen wollen“, erklärt der 30-Jährige. Mit einer sogenannten Blue Card, einem Visum für hochqualifizierte ausländische Arbeitnehmer, kam er nach St. Georgen.

Fachkenntnisse und persönliche Kontakte

Dass es ihn ausgerechnet in die Bergstadt verschlug, ist dem Zufall geschuldet. Bei einem deutsch-algerischen Projekt lernte er Hansjörg Weisser, den Geschäftsführer von Steidinger kennen, der genau jemanden wie Hacini suchte. „Es geht dabei nicht nur um seine technische Qualifikation, sondern auch um die Kontakte in die innovative algerische Entwickler-Branche“, so Weisser.

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Aktuell arbeitet Souleyman Hacini etwa mit Augmented Reality, womit beispielsweise riesige Werkzeugmaschinen per Tablet in einen Raum projiziert und betrachtet werden können. „Das wird in Zukunft vieles verändern, weil man nicht mehr alles transportieren muss, um es detailliert betrachten zu können“, sagt er.

Das nächste Ziel schon vor Augen

Aber da ist auch noch eine Welt abseits von Programmier-Codes und virtuellen Maschinen. Während der ersten zwei Wochen in St. Georgen habe er sich aus seiner Familie herausgerissen gefühlt, wie er sagt. „Ich bin jetzt zwar glücklich hier, aber erst zur Hälfte, weil meine Frau und mein Sohn noch nicht hier sind. Der ist gerade zwei Jahre alt, und diese sensible Phase möchte ich gerne miterleben.“ In den kommenden Wochen sollen sie nun nachkommen.

Wie es dann weitergeht, weiß Hacini ziemlich genau. „Ich werde noch einige Jahre hier bleiben um weiter Erfahrung im Beruf zu sammeln. Mit gefällt einfach, wie gut organisiert die Deutschen arbeiten.“ Dann, so sagt er, wolle er nach Algerien zurückkehren und dort sein eigenes Unternehmen gründen.

 

Die Blue Card: Ein Visum mit strengen Voraussetzungen

  • Zielgruppe: Die sogenannte Blue Card ist eine zeitlich befristete Aufenthaltserlaubnis für hochqualifizierte Fachkräfte aus Drittstaaten, also Ländern, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind. Im vergangenen Jahr wurde die Karte an rund 27 000 Arbeitskräfte ausgegeben.
  • Voraussetzungen: Um die Blue Card beantragen zu können, muss der Arbeitnehmer entweder einen deutschen oder einen anerkannten ausländischen Hochschulabschluss nachweisen. Zudem muss er einen Arbeitsvertrag mit einem Bruttojahresgehalt in Höhe von mindestens 50 800 Euro haben. Für sogenannten Mangelberufen (Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure, Ärzte und IT-Fachkräfte ) liegt die Untergrenze bei 39 624 Euro.
  • Aufenthaltsdauer: Ausländer, die eine Blue Card besitzen, haben damit zunächst eine befristete Aufenthaltserlaubnis für vier Jahre. Sie können aber nach 33 Monaten bereits einen dauerhafte Erlaubnis beantragen. Ist der Arbeitsvertrag auf weniger als vier Jahre befristet, wird auch die Aufenthaltserlaubnis nur für die Dauer des Vertrags plus drei Monate erteilt.
  • Angehörige: Die Familienmitglieder des Arbeitnehmers mit Blue Card dürfen ebenfalls uneingeschränkt und ohne Wartezeit in Deutschland arbeiten. Diese müssen auch keine deutschen Sprachkenntnisse nachweisen.
  • Weiterwanderung: Als Besitzer einer Blue Card dürfen Arbeitnehmer auch in andere Länder der Europäischen Union weiterziehen. In den meisten Mitgliedstaaten ist dazu kein neues Visum mehr erforderlich.